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Digitale Luftbildauswertung: Die scharfen Augen der Tornados

Incirlik, 13.01.2016.

Kurz nach dem Betätigen der Klingel an der olivfarbenen Kabine wird innen ein großer Hebel umgelegt – mit einem Zischen öffnet die Tür. Sie gibt den Weg frei in das Herzstück der Aufklärungskomponente der deutschen Tornados. Was früher „Recce Ground Station“ hieß, ist heute die „GES“. Die „Ground Exploitation Station“ steht für die seit rund anderthalb Jahren ausschließlich digital betriebene Bildauswertung. Die Ära des Nassfilmentwickelns ist vorbei – die „GES“: eine hochmoderne Auswerteanlage für digitale Luftbilder.

Die Container werden aus der Antonov geladen

Die Container werden aus der Antonov geladen (Quelle: Bundeswehr/Falk Bärwald)Größere Abbildung anzeigen

Bevor es in den Einsatz ging, begann es schon zu Hause mit dem richtigen Beladen der Container: Inhaltslisten mussten für eine spezielle Datenbank erstellt, Gefahrgut- (wie Feuerlöscher und Sauerstoffflaschen) sowie Zollbestimmungen eingehalten werden. Darum kümmerten sich die Soldaten der Luftbildstaffel selbst. Die insgesamt zehn Kabinen wurden anschließend nach Leipzig gebracht und dort auf eine Transportmaschine vom Typ AN-124 Antonov verladen. Das Aufbaupersonal flog mit nach Incirlik. Die Auswerteanlage musste im schleswig-holsteinischen Jagel in sehr kurzer Zeit vorbereitet werden. Das „System“, wie die Luftbildauswerter nur kurz sagen, war kurz zuvor noch in Spanien bei einer Übung eingesetzt.

Nur drei bis vier Tage blieben, um alles für den Einsatz vorzubereiten: Referenzmaterial, wie Satellitenbilder sowie Karten- und Höhendaten für die Einsatzregion, musste aufgespielt werden. Allein das dauerte aufgrund der Größe des Einsatzgebiets über dem Irak und Syrien fast drei Tage. In Incirlik wurde dieser Prozess noch weitergeführt. Die Daten dafür kommen vom Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr in Euskirchen. Dies sind sogenannte georeferenzierte Satellitenbilder, anhand derer die späteren Aufklärungsbilder ausgewertet werden.

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Auf festem Boden

Beim Aufbau der zehn Großkabinen in Incirlik

Beim Aufbau der zehn Großkabinen in Incirlik (Quelle: Bundeswehr/Falk Bärwald)Größere Abbildung anzeigen

Der Plan zum Aufbau der Kabinen in der Türkei wurde schon in Deutschland entwickelt, der Ort im Rahmen einer vorherigen Erkundung in Incirlik festgelegt. Relativ schnell stellten ein Gabelstapler und ein Kran die zehn Großkabinen, die etwas schmaler und länger als ein 20-Fuß-Container sind, im Karree um einen kleinen Innenhof auf, in dem die Auswerter auch mal Pause machen können. Das Dach für den Wetterschutz haben die Männer selbst gebaut.

Der Platz für die „GES“ muss dabei möglichst eben und fest sein, die Containerelemente stehen auf sogenannten Stempeln. Diese Hydraulikfüße würden auf weichem Boden einsacken, einzelne Verbindungsteile würden sich verziehen.

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Von 100 Festplatten bis zur Werkbank - alles dabei

Die Kabinen bieten sogar Platz für eine kleine Werkstatt

Die Kabinen bieten sogar Platz für eine kleine Werkstatt (Quelle: Bundeswehr/Falk Bärwald)Größere Abbildung anzeigen

Dann wurden die Container miteinander verbunden, Zwischenwände herausgenommen. Beim Aufbau waren jetzt Elektriker gefragt: Widerstände wurden gemessen, alles musste geerdet werden, Generatoren und die Klimaanlage wurden in Betrieb genommen. "Wir machen alles selbst, wir sind komplett autark", erzählt der Chef der Luftbildauswerter, Major Peter T., stolz. Zur Station gehören auch eine Werkstatt und ein Lagercontainer für Ersatzteile.

Im Innern der Anlage ist ein ständiges Rauschen und Surren der Ventilatoren zu hören. Ohne die Klimaanlage darf sich in den Kabinen niemand aufhalten, Computer und 15 Monitore produzieren eine enorme Wärme. Server, zwei Festplattenarrays, die zusammen rund 100 Festplatten mit einer Gesamtkapazität von mehr als 10 Terabytes beinhalten, müssen permanent gekühlt werden.

Bis Strom, Klimaanlage und die Rechner liefen, verging nicht einmal ein Tag. Zwei Festplatten hatten den Transport nicht überstanden, doch die Luftbildauswerter haben stets genügend Reserven. Zwei Systemadministratoren kümmern sich ständig darum, dass die Systeme laufen. Gegen Spannungsschwankungen oder Stromausfall sind die Rechner mit einer unterbrechungsfreien Stromversorgung geschützt.

Genauso wichtig wie Server und Rechner ist auch eine schwenkbare Datenlinkantenne, eine Parabolantenne, die auf dem Dach montiert ist. Eine vom Waffensystem Patriot übernommene, auf einem Lkw montierte, Antennenmastanlage soll Mitte Januar nach Incirlik kommen und die Reichweite noch vergrößern.

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Auswerter: Gefragte Fachleute

Server und Festplatten produzieren reichlich Wärme

Server und Festplatten produzieren reichlich Wärme (Quelle: Bundeswehr/Falk Bärwald)Größere Abbildung anzeigen

In der „GES“ gibt es neben einem Platz für den Leiter vier weitere Arbeitsplätze. An einem ist der Teamchef für den Datenlink und das Missionsmanagement zuständig. Er verteilt schon vor dem Start – und auch, wenn während des Fluges neue Informationen hinzukommen – die Aufklärungsziele an die drei Auswerter.

Luftbildauswerter sind Zeit- und Berufssoldaten: Die Voraussetzungen sind vielfältig, zumal es dieses Berufsbild außerhalb der Bundeswehr nicht gibt. Viele Soldaten sind gelernte Kaufleute, Fotograf ginge auch, ist jedoch keine Voraussetzung. Teamchef ist ein erfahrener Stabsfeldwebel oder Oberstabsfeldwebel, der selbst schon mehrere Jahre als Auswerter tätig war.

Leiter der „GES“ ist ein Offizier im Dienstgrad Oberleutnant oder Hauptmann. Im Einsatz macht das auch mal der Chef selbst. "Die Chance, bei uns Berufssoldat werden zu können, sind gut, der Bedarf ist hoch", berichtet Major T. „Wir sind zurzeit bei Resolute Support (RS) in Afghanistan und hier im neuen Syrieneinsatz. Die Menschen sind dabei wichtig, mit ihnen müssen wir gut umgehen."

Beim Taktischen Luftwaffengeschwader 51 gibt es rund 50 Stellen für Luftbildauswerter – leicht auszurechnen, wie oft man in den Einsatz geht. Die Regeneration der Experten dauert, zwei Jahre umfasst allein die fachliche Ausbildung, mindestens. Sie beginnt mit Englisch, als Grundlage für alle weiteren Ausbildungsabschnitte. Und wenn noch eine Berufsausbildung während der Dienstzeit absolviert werden soll, oder ein Anteil „Militärisches Nachrichtenwesen“ dazu kommt, dauert es noch länger.

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Voll einsatzbereit

Die „Ground Exploitation Station“ ist einsatzbereit

Die „Ground Exploitation Station“ ist einsatzbereit (Quelle: Bundeswehr/Falk Bärwald)Größere Abbildung anzeigen

Zuletzt wurden auf der Incirlik Air Base die Anschlüsse für externe IT-Systeme eingerichtet. Mit ihnen ist eine Anbindung der „GES“ nach Deutschland möglich, die auch einen geheimen Informationsaustausch erlaubt. "Die Anbindung ist für uns das Wichtigste, mit ihr bekommen wir die Aufträge des Combined Air Operations Center (CAOC) in Al Udeid in Qatar, zu dem wir auch unsere Produkte schicken", betont Peter T., "Damit sind wir voll einsatzbereit."

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Stand vom: 14.01.16 | Autor: Andreas Berg


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