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Kampf aus Stellungen – Peschmerga im scharfen Schuss

Erbil , 10.02.2016.

Roter Rauch zieht über das Stellungssystem, dann ertönt Gewehrfeuer aus den Stellungen. Weiter vorne sind die Treffer auf den Scheiben deutlich zu hören. Das metallische „Bling“ ist Musik in den Ohren der deutschen Ausbilder. Warm ist es in den überdachten Kampfständen. Die Peschmerga schwitzen, als sie die Scheiben unter Feuer nehmen. Der Schweiß ist auch eine Folge der Annäherung, die die rund 20 Kämpfer vor mehr als einer dreiviertel Stunde angetreten haben.

Die Peschmerga in der Annäherung

Die Peschmerga in der Annäherung (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

„Nehmt Euch Zeit. Aus langsam wird gut, aus gut wird schnell“, erklärt einer der Ausbilder des Mobile Training Teams, das die Ausbildung der Ausbilder im „Ortskampf und Kampf aus Stellungen“ durchführt. Jeder einzelne Peschmerga geht an die Position, die er innerhalb des Zuges hat. In der ersten Phase der Übung sollen die Kämpfer in halber Zugstärke das Stellungssystem beziehen und dann den angreifenden Feind bekämpfen – im scharfen Schuss. „In der ersten Phase ist uns wichtig, dass die Peschmerga das Gelände optimal ausnutzen, damit sie der Feind nicht bereits im Vorfeld erkennt. In Phase zwei will ich einen koordinierten Feuerkampf sehen. Und treffen müssen sie natürlich auch“, weist der Führer des MTT, Hauptmann Clemens B. (Name durch die Redaktion geändert), in den Ablauf der Übung ein. Er und seine beiden Hauptfeldwebel gehören zum Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg und bilden in Deutschland in der Außenstelle Lehnin Soldaten im Orts- und Häuserkampf aus.

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Erfahrene Ausbilder im Irak

Die deutschen Ausbilder überwachen jede Phase

Die deutschen Ausbilder überwachen jede Phase (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahres haben sie angefangen, Ausbilder der Peschmerga zu trainieren. „Indem wir unser Wissen und Können an die Ausbilder der Peschmerga weitergeben, können diese wiederum ihre Soldaten fit für den Kampf gegen den sogenannten ‚Islamischen Staat‘ machen“, erklärt der erfahrene Offizier das Konzept des Trainings in Erbil: „Wir sind der atmende Teil des Kontingents. Das bedeutet, wir kommen als Team immer nur sporadisch ins Einsatzland und bilden dann nach Bedarf die zukünftigen Ausbilder der Peschmerga aus.“ Die drei Ortskampfspezialisten haben jetzt den vierten Durchgang mit kurdischen Kämpfern trainiert, also insgesamt rund 80 Peschmerga. Drei Mal sind sie dafür in den Nordirak geschickt worden. „Zunächst war der Plan, dass die Ausbildung am Ausbildungszentrum in Hammelburg stattfinden sollte. Nachdem das Konzept für das Training stand, hat sich schnell gezeigt, dass es besser ist, die Kurden dort auszubilden, wo sie danach auch kämpfen müssen. Näher an der Realität geht es nicht – die Front ist nur rund 40 Kilometer entfernt“, erläutert Hauptmann B. weiter.

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Durch das Flussbett zur Stellung

Ein Teil sichert das Vorgehen des Zuges

Ein Teil sichert das Vorgehen des Zuges (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Weil das Gelände dem an der Front so sehr ähnelt, ist es für die Peschmerga nicht schwer, sich wie im Gefecht zu verhalten. Der Zug teilt sich in zwei Gruppen und marschiert zunächst in der sogenannten Schützenreihe durch ein ausgetrocknetes Flussbett. Jeder Peschmerga hat seinen Bereich, den er über den Lauf seines Gewehrs hinweg beobachtet. „Sie müssen auch nach hinten sichern“, ermahnt einer der Hauptfeldwebel, während vorne die ersten der Kämpfer aus dem Flussbett heraustreten. Jetzt macht sich der Zug breit. Die erste Gruppe geht von hinten links, die zweite von hinten rechts auf das Stellungssystem zu. „Jetzt ist es wichtig, dass sich nicht die gesamte Halbgruppe nach vorn bewegt. Ein Teil muss das Vorgehen des anderen Teils sichern, falls der Feind sie entdeckt und auf sie feuert“, beschreibt der Ausbilder die Situation. Er hat den Bundeswehr-Tropenhut tief ins Gesicht gezogen und beobachtet die Peschmerga durch seine dunkel getönte Schutzbrille. Die rund zwölf Kilogramm schwere Schutzweste und seine zusätzliche Kampfausstattung (zum Beispiel Gewehr, Pistole, Munition, Erste-Hilfe-Ausstattung) treiben auch ihm den Schweiß ins Gesicht – dabei sind die Temperaturen im Februar im Irak verhältnismäßig kühl und eher angenehm.

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Der Zug ist in der Stellung

Der Zug hat das Stellungssystem erreicht

Der Zug hat das Stellungssystem erreicht (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Abwechselnd bewegen sich die Soldaten auf das Stellungssystem zu. Ein Teil liegt im hohen Gras und sichert das Vorgehen des anderen Teils. Dann gehen diese Kurden in Stellung und die Sicherer ziehen an ihnen vorbei. „Das sieht gut aus“, lächelt der Hauptfeldwebel, während er die Annäherung an das Stellungssystem beobachtet. Der zweite Halbzug hat das Ziel erreicht, das Bagger Monate vorher ausgehoben haben und in dem jetzt zwei Mann nebeneinander laufen können – ohne das ihre Köpfe von außen zu sehen sind.

Die Peschmerga beziehen die Stellungen

Die Peschmerga beziehen die Stellungen (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Nach einer kurzen Verschnaufpause – auch hier sichern die Soldaten in alle Richtungen die Wände des Grabens hinauf – beziehen die ersten Peschmerga ihre Stellungen. Der Graben ist nun enger und flacher. Dreck bröckelt von den Lehmwänden, während die kurdischen Kämpfer geduckt hintereinander in die einzelnen Unterstände laufen. Rasch legen sie Sandsäcke zurecht, die ihnen als Auflagen für ihre Gewehre dienen. In einer kurzen Pause haben ihnen die Ausbilder Magazine mit Gefechtsmunition gegeben, die sie jetzt in ihren Unterständen in die Waffen stecken.

Der Feuerkampf beginnt

Der Feuerkampf beginnt (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

„Jetzt dürfen sie ihre Waffen nicht zu weit aus der Stellung schieben, wenn sie in den Probeanschlag gehen.“ Hauptmann B. steht auf dem Dach der mittleren Stellung und kann das Geschehen gut überblicken. Die Peschmerga unter ihm sind konzentriert, gleich müssten die Scheiben – der Feind – auftauchen. Plötzlich werfen die Ausbilder Simulationsmittel – es kracht mehrfach, wie ein großer Kanonenschlag in der Silvesternacht, und roter Nebel wabert über das Stellungssystem.

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Das Feuer wird eröffnet

Im Schutz des Nebels greifen die Peschmerga an

Im Schutz des Nebels greifen die Peschmerga an (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Im Schutz dieses Nebels ziehen die Ausbilder die Scheiben mit Hilfe von Seilen nach oben. „Klappfallscheiben wären natürlich besser. Dann könnten wir direkt erkennen, ob die Peschmerga auch treffen. Aber unsere Konstruktion tut es auch, wir beobachten die Treffer mit unseren Doppelfernrohren“, flüstert einer der Hauptfeldwebel, während er immer mehr Ziele im Vorfeld hochzieht. Dann geht alles ganz schnell. Als wäre es ein einziger Schuss, eröffnen die Kämpfer gleichzeitig das Feuer auf die Mannscheiben im kleinen Tal unterhalb der Stellungen.

Aus den Unterständen wird der Feuerkampf geführt

Aus den Unterständen wird der Feuerkampf geführt (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

„Die Annäherung an das Stellungssystem war gut, und auch wie die Peschmerga ihre Unterstände bezogen haben. Bei den Treffern haben wir aber noch ein bisschen Luft nach oben“, merkt Oberst Bernd Prill, der deutsche Kontingentführer, hinter den Stellungen an. Er ist für diese Übung an den Ausbildungsort gekommen. Als Führer des Kurdistan Training and Coordination Centers (KTCC) ist er verantwortlich dafür, dass die Ausbilder des KTCC aus sieben Nationen das Training so durchführen, wie er und sein Stab es mit dem Peschmergaministerium in Erbil abgesprochen haben. „Ich bin sehr zufrieden. Die Ausbilder haben hervorragende Arbeit geleistet. Das wird den Peschmerga an der Front sehr nützlich sein“, fasst er das Gesehene zusammen.

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Erfahrene Frontkämpfer

Bei der Abschlussbesprechung

Bei der Abschlussbesprechung (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

Ajub und Sakhel waren beide bereits an der Front. Die Kämpfer in ihren schwarzen Jacken über den Tarnhosen sind gerade 20 Jahre alt und gehen noch zur Schule – wenn sie nicht gerade gegen den „IS“ kämpfen. Sie sind das zweite Mal bei Hauptmann B. und seinen Ausbildern zum Training. „Das erste Mal haben wir nur auf der Erde gekämpft. Dieses Mal haben wir auch unter der Erde gekämpft – das ist gut, um die Ratten herauszuholen“, sagt Ajub und lächelt verschmitzt. „Aber es ist nicht nur wichtig zu wissen, wie man kämpft. An der Front haben wir auch gemerkt, wie wichtig es ist, dass man Blutungen stoppen kann. Das und das Verhalten bei versteckten Sprengfallen rettet vielen von uns das Leben.“ „Und wir können jetzt unsere Kameraden ausbilden“, ergänzt Sakhel, während sie mit den anderen Peschmerga im Kreis sitzen.

Die drei deutschen Ausbilder können die Zertifikate übergeben

Die drei deutschen Ausbilder können die Zertifikate übergeben (Quelle: Bundeswehr/PAO Erbil)Größere Abbildung anzeigen

„Wir sind sehr stolz auf Euch und ich freue mich, dass ich Euch dieses Zertifikat überreichen darf. Wir kamen als Fremde und gehen als Freunde. Ich wünsche Euch viel Soldatenglück… und jetzt haut ab.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht verabschieden die drei MTT’ler ihre Schützlinge. Ihre Zeit im Irak ist jetzt erst mal vorbei. Ab der nächsten Woche bilden sie wieder deutsche Soldaten am Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg aus. Aber alle drei sind sich einig, dass sie gerne wieder Peschmerga im Irak trainieren würden.

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Stand vom: 10.02.16 | Autor: Markus Herholt


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