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Einsatztagebuch EUTM Mali Teil 6: Nachdenklich nach mehr als zwei Monaten

Bamako, 18.01.2016.

Seit mehr als zwei Monaten ist Hauptfeldwebel Dennis Kraft nun in Mali im Einsatz. Da schlägt an manchen Tagen auch schon mal der berühmte „Lagerkoller“ zu. Doch meistens wendet es sich für ihn schnell wieder zum Guten. In Gedanken ist er in diesen Tagen dennoch oft in Deutschland.

Unterwegs in Koulikoro – mit Blick auf einen der typischen Hügel

Unterwegs in Koulikoro – mit Blick auf einen der typischen Hügel (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Mali)Größere Abbildung anzeigen

Diese Woche bin ich zwei Monate hier. Ich bin nicht sicher, ob ich “schon” oder “erst” schreiben soll. Manchmal gibt es Tage, die vergehen wie im Flug. Wenn Fototermine anstehen und wir auf den Straßen Malis unterwegs sind, sind die Tage kurz.

Aber es gibt natürlich auch Tage, die sich wie Kaugummi ziehen, wenn man komplett entnervt alle zehn Minuten auf die Uhr schaut und es irgendwie einfach kein Ende nehmen will. Das sind dann diese Tage, wo man den berühmten Lagerkoller bekommt. Alles und jeder geht einem auf den Geist, alles ist einem zu viel.

Der Punkt ist, dass man hier, zumindest unter der Woche, nicht einmal fünf Minuten für sich hat. Man hockt den ganzen Tag aufeinander. Im Büro, beim Essen, selbst bei der Kaffeepause draußen. Den Rest des Tages teilt man sich dann das Zimmer mit einem Kameraden. Das soll nicht heißen, dass mein Mitbewohner schlimm ist, im Gegenteil! Aber manchmal geht einem eben alles auf den Geist. Strategien dagegen gibt es nicht viele. Man muss da durch, Sport machen, Musik hören oder einfach schlafen gehen. Der nächste Tag kann nur besser werden. So ist es dann meistens auch.

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„Alter Schwede“

Ministerin Wallström aus Schweden im Gespräch mit dem deutschen Kontingentführer, Oberst Wachter

Ministerin Wallström aus Schweden im Gespräch mit dem deutschen Kontingentführer, Oberst Wachter (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Mali)Größere Abbildung anzeigen

Kürzlich besuchte Margot Wallström, Außenministerin von Schweden, das MHQ (Mission Headquarters) und brachte auch gleich noch den Verteidigungsminister und den “Supreme Commander” (Generalinspekteur) der schwedischen Streitkräfte mit. Unser erster richtig hoher Besuch im neuen Jahr.

Sie hatten bereits eine mehrtägige Reise durch das gesamte Land hinter sich und verließen Mali nach dem Besuch bei uns wieder. Die schwedischen Kameraden freuten sich, dass sie sich auf ihren deutschen Fotografen verlassen konnten und versuchten, möglichst nah bei den Besuchern zu stehen, um mit ihnen abgelichtet zu werden. Bei den meisten gelingt mir das auch, den Rest erledigt ein Gruppenbild. Mission erfüllt, alle glücklich.

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Besuch aus dem Bundestag

MdB Annen und der deutsche Mission Commander EUTM Mali, Brigadegeneral Albl

MdB Annen und der deutsche Mission Commander EUTM Mali, Brigadegeneral Albl (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Mali)Größere Abbildung anzeigen

Aber wir bekommen auch Besuch aus Deutschland. Der Abgeordnete des Deutschen Bundestages Niels Annen (SPD) folgte ein paar Tage später. Nach dem obligatorischen “Office Call” bei Brigadegeneral Albl nahm er sich mit seiner Delegation auch Zeit, um mit den deutschen Soldaten zu sprechen. Er richtete ein paar persönliche Worte an uns und suchte auch das Einzelgespräch. So etwas kommt immer gut an.

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Verstecktes Einweisen

Versteckt in den Büschen, weisen die malischen Soldaten den Piloten ein

Versteckt in den Büschen, weisen die malischen Soldaten den Piloten ein (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Mali)Größere Abbildung anzeigen

Zwei Tage später stehe ich auf einem Plateau nahe Koulikoro in der sengenden Sonne. Heute ist es wirklich brutal heiß. Beim Aussteigen aus dem Auto lese ich 44 Grad vom Thermometer des Wagens ab. Von oben die Sonne und von unten das mit Wärme aufgeladene Vulkangestein – so muss es sich anfühlen, in einem Backofen spazieren zu gehen. Hier oben, mit dem Blick auf den Niger, üben malische Soldaten das Einweisen eines Flugzeugs auf ein bestimmtes Ziel. Dazu hocken sie in den kaum vorhandenen Büschen in Deckung, studieren die Karte und fertigen eine Lagebeschreibung an, die sie dann an den Piloten weitergeben.

Das Flugzeug kreist über dem Zielgebiet

Das Flugzeug kreist über dem Zielgebiet (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Mali)Größere Abbildung anzeigen

Im Gegensatz zum letzten Mal, als wir hier oben standen, kommt das Flugzeug auch tatsächlich. Der Pilot kreist über dem Zielgebiet und wartet auf die Anweisungen der Soldaten am Boden, bevor er, mehr zur Bestätigung der Einweiser und Trainer, auf das simulierte Zielobjekt herabstößt. Die portugiesischen Ausbilder bringen absichtlich Stress in die Situation, befehlen einen Stellungswechsel, die Situation beginnt von vorne. Die malischen Soldaten machen ihre Sache gut, auch wenn es heute noch Fehler gab. Aber das sollte auch passieren, wie mir der portugiesische Hauptmann versichert. Zum Schluss gönnt uns der Pilot noch ein Fly-by Manöver und überfliegt uns recht tief, bevor er zum Flughafen zurückkehrt.

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Nachdenklich zur Halbzeit

Ich werde oft – sagen wir – „bemitleidet“, dass ich so weit weg bin und nicht nach Hause kann, dass ich im Einsatz bin. Das stimmt: Ich bin weit weg, ich bin im Einsatz. Aber tausende Kameraden sind es weltweit auch. Vielen von ihnen geht es mit Sicherheit bedeutend schlechter als mir. Sie sehen noch mehr Not, setzen sich höheren Gefahren aus.

Und man muss als Soldat gar nicht weit weg von zu Hause sein. Es reicht schon aus, wenn man beispielsweise in Wilhelmshaven wohnt und in einem Aufnahmelager in Süddeutschland bei der Bewältigung der Flüchtlingssituation hilft. Auch das ist persönlicher Einsatz, auch wenn er vielleicht nicht so anerkennend betrachtet wird, wie der in Afghanistan, über Syrien, im Irak und überall dort, wo “wir” sonst noch unseren Dienst leisten.

All diese Frauen und Männer in Uniform, die im Inland die Kommunen unterstützen, sehen ebenfalls jede Menge Not und Elend. Sie werden ganz persönlich mit dem konfrontiert, was ich hier meistens nur aus dem Seitenfenster meines Autos mitbekomme. Meiner Meinung nach, ist die Not der Flüchtlinge noch höher zu bewerten. Die Menschen, die sich auf ihrer Flucht in Lebensgefahr begeben, ihre Kinder oft tagelang getragen haben, waren so verzweifelt, dass sie ihre Heimat verließen.

Ich habe mir oft die Frage gestellt, was mich dazu bringen würde, meine Heimat zu verlassen, mich komplett zu entwurzeln. Ich finde keine Antwort. Als Kind einer Nachkriegsgeneration, aufgewachsen in einer Demokratie, ist es für mich unvorstellbar, ausgebombt, oder wegen des Glaubens oder der Zugehörigkeit zu einer Minderheit, verfolgt zu werden. Wir können und müssen diesen Menschen helfen. Vielen Dank für Euren Einsatz Kameraden, wo auch immer Ihr ihn leistet.

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Stand vom: 21.01.16 | Autor: Dennis Kraft


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