Startseite Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Aktuelle Einsätze > Interview: „Die somalischen Streitkräfte haben ein Ziel vor Augen.“

Interview: „Die somalischen Streitkräfte haben ein Ziel vor Augen.“

Potsdam, 04.03.2016.

Ein Flugzeug steht einsam auf dem Rollfeld. Plötzlich erleuchten Blendgranaten die Landebahn am Flughafen von Mogadischu. GSG9-Beamte stürmen das Flugzeug, in dem Terroristen den Flugkapitän erschossen und 87 unschuldige Fluggäste entführt haben. Unweit der Landebahn, auf der die deutschen Polizisten am 18. Oktober 1977 die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ beendeten, sind heute deutsche Soldaten stationiert.

EUTM Somalia wurde 2010 auf Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrats eingerichtet.

EUTM Somalia wurde 2010 auf Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrats eingerichtet. (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Sie gehören zu einer etwa 180 Soldaten starken Trainingsmission zum Aufbau somalischer Streitkräfte – die „European Union Training Mission Somalia“, kurz: EUTM SOM. Ein italienischer General führt derzeit die im Jahr 2010 ins Leben gerufene Mission. Sie soll helfen, funktionsfähige Sicherheitsstrukturen in einem Land zu schaffen, das teils immer noch von jahrelangem Bürgerkrieg gezeichnet ist. Sie hilft, staatliche Strukturen zu stärken und Entwicklung zu ermöglichen.
Die Bundesregierung hat am 17. Februar beschlossen, die deutsche Beteiligung an der Mission bis zum 31. März 2017 zu verlängern. Sie basiert auf drei Säulen: Ausbildung, Ausbildungsbegleitung und strategischer Beratung des somalischen Generalstabs. Rund 5000 Soldaten der „Somali National Armed Forces“ wurden in den vergangenen Jahren bereits ausgebildet. Oberstleutnant Bernd Stingl kehrte vor kurzem von seinem sechsmonatigen Einsatz in Mogadischu zurück.

Oberstleutnant Stingl, was war vor Ort Ihre Aufgabe?

Oberstleutnant Bernd Stingl war ein halbes Jahr in Somalia. In der EUTM arbeiten rund 180 Soldaten aus elf europäischen Staaten

Oberstleutnant Bernd Stingl war ein halbes Jahr in Somalia. In der EUTM arbeiten rund 180 Soldaten aus elf europäischen Staaten (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Meine Aufgabe war zweigeteilt. Ich war strategischer Berater für den somalischen Generalstab und zugleich als „Führer des Deutschen Anteils“ in der Mission verantwortlich für alle deutschen Soldaten, die an dieser multinationalen Mission beteiligt sind.

Die Soldaten der somalischen Streitkräfte gehören einer Generation an, die im Bürgerkrieg aufgewachsen ist. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihnen erlebt?

Insbesondere die jüngeren Soldaten sind oftmals hoch motiviert, lernwillig und gehen offen auf die Ausbilder zu. Sie folgen dem Unterricht und den praktischen Ausbildungen aufmerksam und lassen sich auch nicht von fehlender Ausstattung beirren. Das wirkt sich natürlich positiv auf die Motivation der Ausbilder aus.

Besonders prägend bleiben mir die Abschlusszeremonien der „Training Courses“ im „General Dhagabadan Training Centre“ und im Generalstab in Erinnerung. Bei der Übergabe der Zertifikate blickten wir in strahlende, stolze Gesichter – egal, ob es um eine Pionierausbildung, einen Kurs für Kompaniechefs oder eine Ausbildung in Stabsarbeit ging. Wir wurden umarmt und mit Danksagungen überhäuft – eher untypisch für militärische Ausbildungen.

Somalia ist eine clangeprägte Gesellschaft, ein großer Teil der Bevölkerung lebt nomadisch. Findet sich das auch in den Streitkräften und deren Kultur wieder?

Elf EU-Staaten und Serbien entsenden insgesamt rund 180 Soldaten zur EUTM Somalia – zehn von ihnen sind Deutsche

Elf EU-Staaten und Serbien entsenden insgesamt rund 180 Soldaten zur EUTM Somalia – zehn von ihnen sind Deutsche (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Somalia ist ein Land, das sich im Aufbau befindet, aber dennoch gespalten bleibt. Sechs der sieben Gliedstaaten haben sich mittlerweile konstituiert, für Herbst 2016 sind Präsidentschaftswahlen geplant. Mittlerweile hat sich eine nationale Kommission auf ein Wahlmodell geeinigt, das sowohl diese Gliedstaaten als auch das für die somalische Gesellschaft so prägende Clansystem berücksichtigt.

Somalier der jüngeren Generation können kaum staatliche Strukturen gewohnt sein, sondern Clan- und Nomadenstrukturen. Nomaden sind grundsätzlich keine staatsbildenden Völker, sie leben ja im Gegenteil davon, umherzuziehen. Dabei nehmen sie auch ihre Strukturen mit – im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Clanvertreter spricht beispielsweise Recht, egal, wo der Clan gerade ist. Und bei Nomaden kann das heute an einem ganz anderen Ort sein als noch gestern.

Diese Gefüge müssen wir bedenken, wenn wir versuchen, in der militärischen Ausbildung Inhalte zu vermitteln. Denn wir wollen ja darauf hinwirken, dass staatliche Strukturen respektiert und ein staatlicher Ordnungsanspruch durchgesetzt wird. Dafür sind Streitkräfte entscheidend – erst recht, wenn man es mit einer terroristischen inneren Bedrohung wie Al-Shabaab zu tun hat. Ganzheitlich mit Blick auf die somalische Gesellschaft zu agieren, das müssen wir vermitteln. Zugegebenermaßen ein hoher Anspruch, der noch viel Zeit benötigen wird.

Besteht denn die Gefahr, dass erfolgreich ausgebildete Soldaten die Streitkräfte verlassen und in ihre Clans zurückkehren?

Auf der taktischen Ebene werden die Soldaten unter anderem in Explosivkörperabwehr oder im Kampf in bebautem Gelände geschult.

Auf der taktischen Ebene werden die Soldaten unter anderem in Explosivkörperabwehr oder im Kampf in bebautem Gelände geschult. (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Die Soldaten werden durch uns nicht ständig überwacht und kontrolliert – weder wäre das personell möglich, noch gehört es zu unserem Mandat. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Soldaten nicht bloß Unterrichtsstoff, sondern auch die Arbeit eines militärischen Führers generell zu vermitteln. Meine Ausbilder leben ihnen militärische Tugend vor, tapfer zu seiner Einheit zu stehen, mit den Soldaten vernünftig umzugehen und Vorbild zu sein. Damit können wir diese Gefahr etwas verringern, denn wir vermitteln ein Treuebewusstsein gegenüber den Streitkräften und ihren Kameraden.

Wie sehen die somalischen Streitkräfte das Engagement der EU Training Mission?

Wir erleben täglich, dass die Europäer mit viel Aufmerksamkeit und Höflichkeit behandelt werden. Grundsätzlich werden wir positiv gesehen. Sie erkennen an, dass wir im Ausbildungscamp in Mogadischu und im Generalstab ihre Streitkräfte unterstützen. Die Ausbildungsmission der Europäischen Union bedeutet für sie Hoffnung und Neutralität.

Wagen Sie eine Prognose, wie lange die „Somali National Armed Forces“ der internationalen Unterstützung bedürfen? Welche Fortschritte verzeichnet die Mission?

Die Soldaten der Mission bilden ihre somalischen Kameraden auch für ihre Aufgaben als Zugführer oder Kompaniechef aus.

Die Soldaten der Mission bilden ihre somalischen Kameraden auch für ihre Aufgaben als Zugführer oder Kompaniechef aus. (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Es braucht Geduld. Für die Akzeptanz staatlicher Strukturen zu sorgen ist keine rein militärische Aufgabe, sondern sie bedarf weiterer Instrumente der internationalen und Entwicklungszusammenarbeit und enorme Anstrengungen der somalischen Funktionsträger. Es ist schwer, etwas aufzubauen, was es noch nie gab. Hier geht es nicht um Wiederaufbau, das darf man nicht vergessen – sondern im wahrsten Sinne um die Errichtung eines Staates. Und das ist eine Generationenaufgabe. Der deutsche Botschafter, der öfter im gesamten Land unterwegs ist als ich es war, berichtet aber stets von Fortschritten. In diesem Monat wird beispielsweise ein Büro der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Mogadischu eröffnen.

Der Generalstab verfügt mittlerweile über eine solide Basisausbildung und das Verständnis dafür, welche Aufgaben mit Blick auf das ganze Land angegangen werden müssen. Der „Gulwaade-Plan“ (auf Deutsch: „Sieg-Plan“) wurde erarbeitet, um den Aufbau der Streitkräfte voranzubringen. Er sieht eine Gesamtstärke von 10.900 Soldaten in den Regionen Mogadischu, Kismaayo, Baidoa und Dhusamareeb vor. Er legt aber auch die nötige Ausstattung und Ausrüstung fest. Damit haben die Streitkräfte ein Ziel vor Augen und Orientierung, was zu tun ist.

Die Lage in Somalia ist aus dem Blick der deutschen Öffentlichkeit geraten. Die Piraterie auf See geht zurück, doch Al-Shabaab setzt immer wieder Nadelstiche. Wie sehen Sie die Lage im Land?

Meldung von Oberstleutnant

Meldung von Oberstleutnant (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Nach wie vor gibt es Anschläge, aber man muss bedenken, aus welcher Situation das Land gerade kommt. Mogadischu beispielsweise ist eine belebte und florierende Stadt. Mittlerweile gibt es Straßenbeleuchtung – das hat einen erheblichen Effekt auf Kriminalität. Es wird gebaut, auch das zeigt Vertrauen. Menschen treffen sich in Restaurants, bummeln durch Läden oder über Wochenmärkte, Händler bieten ihre Waren an. Vor einigen Jahren hätte man das kaum beobachten können.
Der UN-Sondergesandte für Somalia, Michael Keating, sagt in seinem kürzlich erschienenen Bericht an den UN-Sicherheitsrat, dass Somalia ein enormes Potenzial hat, mit entschlossenen und unternehmerischen Menschen und einer privilegierten Lage in Afrika. Das alles sind Zeichen einer durchaus erfolgversprechenden Entwicklung.

Ende Februar treten die europäischen Ausbilder zum ersten Mal in einem Militärpolizei- und in einem Unteroffizierkurs als Mentoren auf – sie begleiten und beraten somalische Soldaten, die ihre Kameraden ausbilden. Können Sie die Erfolgsaussichten abschätzen?

Nicht jeder ist als Ausbilder geeignet – das gilt für deutsche Streitkräfte wie für somalische. In den bisherigen Ausbildungen haben sich einige Soldaten hervorgetan – sie waren besonders interessiert, aufmerksam und haben gute Ergebnisse erzielt. Sie stehen nun als Ausbilder vor jüngeren Kameraden. Ich sehe eine große Chance in der Ausbildung somalischer Soldaten durch somalische Soldaten. Vor kurzem waren sie selbst noch Schüler und wissen deshalb, was sie von einem Ausbilder erwarten. Sie können sich in die Lage ihrer Schüler versetzen. Und sie erleben, wie es ist, auf eigenen Füßen zu stehen. Deshalb ist das Mentoring ein wichtiger und richtiger Schritt.

Der Umzug der Mission von Uganda nach Mogadischu ist rund zwei Jahre her. Womit hat die Mission in Mogadischu zu kämpfen?

Oberstleutnant Bernd Stingl im Camp der EUTM Somalia.

Oberstleutnant Bernd Stingl im Camp der EUTM Somalia. (Quelle: Bundeswehr/PAO EUTM Somalia)Größere Abbildung anzeigen

Grund für die Verlegung nach Somalia war ja damals – im wahrsten Sinne – näher an die somalischen Streitkräfte heranzurücken, um sie enger begleiten und beraten zu können. An zwei Stellen müssen wir dabei aus meiner Sicht besonders aufmerksam arbeiten: Dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab muss es gelingen, die Führung der Streitkräfte über alle Ebenen wahrzunehmen. Dabei müssen sie die Clanstrukturen im Land berücksichtigen. Außerdem muss der praktische Aufbau der Truppe und deren Ausrüstung weitergehen. Die Streitkräfte sollen eine schlagkräftige Armee werden, die gemeinsam mit AMISOM eingesetzt werden kann und die Kontrolle über Gebiete selbst übernehmen und halten kann.

Insgesamt sehe ich die Mission als gewinnbringend für Somalia und seine Streitkräfte an. Die Menschen sind aufgeschlossen und dankbar für die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit. Vor allem für die Ausbildung, denn sie ermöglicht ihnen, auf eigenen Füßen zu stehen. Natürlich steht Somalia noch am Anfang eines sehr schwierigen Prozesses.
Für mich persönlich war der Einsatz in diesem Land eine Bereicherung. Ich wünsche den Somaliern, dass der positive Trend anhält, dass sich vertrauenswürdige staatliche Strukturen durchsetzen und das Land und seine Menschen zum Frieden kommen.

nach oben


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 04.03.16 | Autor: Das Interview führte Korvettenkapitän Bastian Fischborn


http://www.einsatz.bundeswehr.de/portal/poc/einsatzbw?uri=ci%3Abw.bwde_einsatzbw.aktuelle_einsaetze&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB174000000001%7CA7Q9TF690DIBR