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Interview: 17.000 Seemeilen am Horn von Afrika

In See, 25.01.2016.

Korvettenkapitän Robert Schmidt ist Kommandant der „Erfurt“ und mit seiner Besatzung seit Oktober im Atalanta-Einsatz. Im Februar wird erneut ein Besatzungswechsel am Horn von Afrika erfolgen, während die Korvette selbst vor Ort bleibt. Die vier Monate im Einsatz sind fast vorüber – knapp 17.000 Meilen, der Schutz von zwei Transporten des Welternährungsprogrammes (WFP) und die Ausbildung regionaler Sicherheitskräfte liegen hinter der Besatzung – Zeit für ein persönliches Fazit.

Korvettenkapitän Schmidt – Kommandant der „Erfurt“ und Kontingentführer der deutschen Soldaten bei Atalanta

Korvettenkapitän Schmidt – Kommandant der „Erfurt“ und Kontingentführer der deutschen Soldaten bei Atalanta (Quelle: Bundeswehr/PAO Korvette “Erfurt”)Größere Abbildung anzeigen

Herr Korvettenkapitän, Sie haben im Frühjahr des vergangenen Jahres erfahren, dass Sie als Kommandant mit Ihrer Besatzung bei Atalanta am Horn von Afrika eingesetzt werden, statt im östlichen Mittelmeer bei UNIFIL. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Die Entscheidung kam zwar für mich überraschend, dennoch habe ich mich auf diese – für die Korvetten – neue Herausforderung gefreut. Ich selbst war schon vorher einmal im Atalanta-Einsatz, ein klein wenig Vertrautheit kam also schon auf.

Welche Herausforderungen gab es bei der Einsatzvorbereitung zu meistern?

Logistisch mussten zunächst einige Ungereimtheiten geklärt werden. Die Systemunterstützungsgruppe für die Korvetten musste von Limassol auf Zypern nach Djibouti gebracht werden. Die Soldaten dieser Gruppe unterstützen uns vor allem technisch. Des Öfteren drohten wir bei der Verlegung an der ostafrikanischen Mentalität zu verzweifeln. Mittlerweile haben sich aber viele Dinge gut eingespielt und ganz gewiss hat sich auch unsere Erwartungshaltung den örtlichen Gepflogenheiten etwas angepasst.

Seit Januar 2015 befindet sich Ihr Schiff durchgängig im Einsatz. Anfang Februar werden Sie es an die vierte Wechselbesatzung übergeben. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Die „Erfurt“ am Horn von Afrika

Die „Erfurt“ am Horn von Afrika (Quelle: Bundeswehr/PAO Atalanta)Größere Abbildung anzeigen

Es ist das erste Mal, dass eine Korvette über einen so langen Zeitraum im Einsatz ist. Im Januar 2015 kam sie frisch aus der Werft, viele tausend Seemeilen und zwei Besatzungswechsel später können wir mit Fug und Recht sagen, dass wir die Herausforderungen gut meistern konnten. Insgesamt bin ich positiv überrascht, wie gut unser Schiff sich hier im Einsatzgebiet hält, trotz der extremen klimatischen Bedingungen. Dies spricht auch für eine fleißige Besatzung, die mit großem Engagement die Wartungen und Instandsetzungen durchführt, um jederzeit einsatzfähig zu sein.
Was die Besatzungswechsel betrifft, war die Abneigung zu Beginn groß. Wir werden „unsere Erfurt“ im Februar übergeben und anschließend die „Magdeburg“ übernehmen. Nach dem dritten Besatzungstausch ist mittlerweile etwas Routine eingekehrt, wenngleich so ziemlich jedes Besatzungsmitglied auf der „Erfurt“ lieber nach Hause fahren würde, als sie hier der nächsten Besatzung zu übergeben. Wir sind nun mal die ursprüngliche „Erfurt“-Crew und hängen nicht nur an unserer Patenstadt, sondern eben auch an unserem Schiff.

Sie erwähnten bereits, dass dies nicht Ihr erster Atalanta-Einsatz ist. Welche Unterschiede haben Sie im Vergleich festgestellt?

Als ich 2009 mit der Fregatte „Karlsruhe“ bei Atalanta war, lag der Schwerpunkt der Operation deutlich mehr auf Bekämpfung der Piraterie. Nahezu täglich erreichten uns Hilferufe von zivilen Schiffen, es fanden Überfälle statt, Lösegeld wurde gefordert. Unser Hauptauftrag, die Schiffe des Welternährungsprogramms zu eskortieren, schien damals fast nebensächlich.

Kernauftrag von Atalanta: Schutz und Begleitung der Transporte des Welternährungsprogramms

Kernauftrag von Atalanta: Schutz und Begleitung der Transporte des Welternährungsprogramms (Quelle: Bundeswehr/PAO Korvette “Erfurt” )Größere Abbildung anzeigen

Gute sechs Jahre später hat sich die Lage geändert. Die Anzahl der Fehlalarme ist überschaubar geworden, bewaffnete Raubüberfälle sind unter anderem durch die Präsenz der Kriegsschiffe für die Piraten nicht mehr lohnenswert. Seit rund zwei Jahren gibt es keinen aus Sicht der Piraten erfolgreichen Piraterieangriff mehr. Heute liegt der Schwerpunkt in der Meldung von Fischereiaktivitäten, dem Eskort von Lebensmitteltransporten des Welternährungsprogramms und der Ausbildung der somalischen Küstenwache – in Zusammenarbeit mit der zivilen EU-Mission EUCAP Nestor.

Vier Monate können ganz schön lang werden. Welche Betreuungsmöglichkeiten gibt es an Bord für die Besatzungsmitglieder?

An Bord stehen zwei Satellitentelefone zur Verfügung. Damit können die Kameraden zwei Mal pro Woche für 30 Minuten kostenlos in die Heimat telefonieren. Wir haben ein kleines Netzwerk installiert, so dass wir auch in See E-Mails und Textnachrichten senden und empfangen können.

Die Bundeswehr hat uns zusätzlich ein Betreuungspaket zur Verfügung gestellt. Neben zwei Spielkonsolen und DVDs sind auch Brett- und Kartenspiele enthalten, die nach mehreren Monaten Fernsehentzug immer mehr Freunde finden. Während der kurzen Hafenaufenthalte versuchen wir, für die Besatzung gute Konditionen in Hotels auszuhandeln oder kleinere Ausflüge zu organisieren. So konnten zum Beispiel in Salalah im Oman einige an einer Schnorcheltour teilnehmen. In Djibouti ist das aufgrund der Sicherheitslage eher schwierig, so dass hier lediglich Fahrten ins das US-amerikanische Camp „Lemonnier“ zum Einkaufen oder Sporttreiben ¬ angeboten werden können. Die Besatzung ist ja während der rund sieben- bis zehntägigen Seephasen andauernd im Dienst, da ist ein wenig Abwechslung nötig. Während unseres letzten Aufenthalts in Djibouti haben wir ein Freundschaftsspiel gegen die Fußballmannschaft des US-amerikanischen Camps gespielt und anschließend gemeinsam angestoßen. Ein schönes sportliches Event und ein netter und abwechslungsreicher Abend für alle Beteiligten.

Seit dem 10. Dezember sind Sie – neben Ihrer Funktion als Kommandant – auch Kommandeur des Deutschen Einsatzkontingents Atalanta. Damit sind Sie Vorgesetzter aller deutschen Soldaten im Einsatzgebiet. Was bedeutet das und was ändert sich für Sie und die Besatzung?

Die Verantwortung, die mir als „Commander Task Group“ (CTG) übertragen wurde, ist natürlich groß. Schwierig ist zum Beispiel, am Dienst der Soldaten an Land teilzunehmen, die in Djibouti dafür sorgen, dass wir einen zweiten Heimathafen am Horn von Afrika haben. Ich vertraue hier auf meinen Stab und die Dienststellenleiter an Land, die mich sehr gut unterstützen.
An Bord hat vor allem der administrative Aufwand zugenommen, zumal das operative Geschäft auf der Korvette ja dasselbe geblieben ist. Da wir aber ein sehr gut eingespieltes Team sind, werden wir unseren Aufgaben als CTG-Schiff ebenfalls gerecht.

Was wünschen Sie sich ganz persönlich für die Zeit nach dem Einsatz?

Zunächst möchte ich natürlich viel Zeit mit meiner Frau und den Kindern verbringen und erst einmal abschalten. Ich freue mich auf meine Freunde, auf kalte Temperaturen und vielleicht auch ein bisschen Schnee. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nach einem längeren Einsatz die Gewohnheiten unseres Lebens zu Hause wieder viel mehr zu schätzen weiß, auf die man längere Zeit verzichten musste, seien es die frischen Brötchen vom Bäcker, ein breites Bett oder einfach nur schnelles Internet.

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Stand vom: 21.01.16 | Autor: Das Interview führte Thomas Seifert.


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