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Keine Chance für Piraten

Djibouti, 19.10.2012, Bundeswehr.

Heute ist die „Caroline Scan“ mit dem ersten deutschen „autonomen Schutzteam“ aus dem Hafen in Djibouti ausgelaufen. Bereits seit knapp einer Woche ist das Team an Bord des Handelsschiffes der deutschen Reederei Buss aus Leer, welches eigens für das Welternährungsprogramm gechartert wurde.

Deutsche Soldaten gehen an Bord der „Caroline Scan“
Deutsche Soldaten gehen an Bord der „Caroline Scan“ (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff)Größere Abbildung anzeigen

Die deutschen Soldaten der Marineschutzkräfte machen einen gelassenen Eindruck an Bord des unter der Flagge von Antigua & Barbuda fahrenden Frachters. Die Kisten mit rund vier Tonnen Ausrüstung, Waffen, Munition und Verpflegung sowie ihre Seesäcke sind verstaut. Die Unterkünfte in dem verwinkelten, mit zahlreichen Treppen durchzogenen Deckshaus und in dem einfachen Container an Oberdeck sind bezogen. Die Eingewöhnungsphase ist schnell vergangen.

Diese Flexibilität scheint selbstverständlich für die 15 Soldaten des zukünftigen Seebataillons aus Eckernförde. Sie bilden das neue Team des „Autonomous Vessel Protection Detachments“ (AVPD), das für rund vier Monate zusammen mit der zivilen Besatzung auf dem Handelsschiff lebt.

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Bekannter Auftrag unter neuen Bedingungen

Die Hilfsgüter werden noch von Hand verladen
Die Hilfsgüter werden noch von Hand verladen (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff)Größere Abbildung anzeigen

In einer Schlange stehen LKW auf der Pier, damit ihre Ladung Säcke mit Linsen und geschälten Erbsen in dem großen Laderaum der „Caroline Scan“ per Hand von Arbeitern gestapelt wird. Die bordeigenen Kräne hieven die Säcke mit Netzen herüber, die von Hand beladen wurden. Etwas mehr als 4.000 Tonnen werden es schließlich sein. „Der Kapitän rechnet mit rund acht Tagen Beladung. Schichtwechsel ist immer zwischen 4 und 7 Uhr“, erklärt der kommandierende Marineoffizier des AVPD, Korvettenkapitän Axel M. bei einem Rundgang über das Schiff. Er trägt die Verantwortung für sein Team und wird zusammen mit ihnen für die nächsten Monate das 100 Meter lange Schiff mit samt seiner Besatzung beschützen. Notfalls werden die Soldaten auch mit Waffengewalt Angriffe durch Piraten abwehren, damit die Güter des Welternährungsprogramms sicher die somalischen Häfen erreichen.

Neu ist der Auftrag prinzipiell nicht. Der entscheidende Unterschied zum bisherigen Einsatz der „Vessel Protection Detachments“ (VPD) auf zivilen Schiffen ist jedoch, dass die Soldaten des AVPD nicht auf einer Fregatte abgestützt sind, die dann ihrerseits den Händler begleitet, sondern dass sie für längere Zeit auf dem zivilen Schiff leben und dieses unabhängig von Kriegsschiffen bei seiner Fahrt durch das Operationsgebiet begleiten.

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Innovationen im Schiffslazarett

Ein Raum wurde für medizinische Notfälle eingerichtet
Ein Raum wurde für medizinische Notfälle eingerichtet (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff )Größere Abbildung anzeigen

Der Einsatz eines autonomen Schutzteams bedeutet zum einen, dass die Fregatte nun für andere Aufgaben der EU Atalanta Mission zur Verfügung steht. Zum anderen muss für das Schutzteam nicht nur Material und Ausrüstung an Bord bevorratet, sondern für alle Fälle auch zusätzliche medizinische Versorgung sichergestellt werden. Dazu gehören ein Arzt, ein Rettungsassistent sowie zwei sogenannte „Combat First Responder“ (CFR) – Ersthelfer, die auf Gefechtsverletzungen spezialisiert sind.

Der Arzt des AVPD, Flottillenarzt Dr. Henning W., ist einsatzerfahren und mit dem von ihm selbst eingerichteten kleinen Lazarettzimmer zufrieden. Der Raum ist optimal ausgenutzt. Verzurrte Kisten stapeln sich, von der Decke hängen Schläuche und Kabel und auf dem Boden stehen Notfallrucksäcke für die Erstversorgung. Am Krankenbett, in dem er selber schläft und das er im Notfall räumt, sind Geräte montiert, die es selbst auf Fregatten nicht gibt. Dazu gehören eine Spritzenpumpe für Narkose oder kreislaufstützende Medikamente, ein Vitalfunktionsmonitor und ein Beatmungsgerät, das mit Strom und nicht mit Druckgas betrieben wird. Neben dem Bett stehen zwei Sauerstoffkonzentratoren. „Sauerstoff in Druckgasflaschen ist der limitierende Faktor an Bord. Wir sind allerdings davon unabhängig und können ihn hier selbst herstellen“, erklärt der Flottillenarzt.

Eine weitere Neuerung an Bord ist die Kletterausrüstung mit Gurten, Karabinern und Seilen, um Verletzte bergen zu können. Vor allem der Luftrettungsbergesack gehört dazu, damit Patienten schnell an einen Hubschrauber übergeben werden können.

Das Konzept der medizinischen Ausstattung besteht darin, die auf einem Handelsschiff gegebenen Umstände zu erweitern, um die Durchhaltefähigkeit zu maximieren. „Natürlich muss ich einiges einfach als gegeben hinnehmen. Ich habe nun mal kein Krankenhaus in Reichweite.“ Der Arzt ist sich auch über die gute fachliche Unterstützung im Heimatland sicher. Mit einem Satellitentelefon kann er unabhängig und direkt aus dem Lazarett heraus Meldungen abgeben oder medizinische Beratung einholen.

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Routine ist sichergestellt

Der Kapitän der „Caroline Scan“, Yuriy Oksanenko
Der Kapitän der „Caroline Scan“, Yuriy Oksanenko (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff)Größere Abbildung anzeigen

Yuriy Oksanenko ist der Kapitän der 1999 vom Stapel gelaufenen „Caroline Scan“. Seit drei Jahren ist er in dem Seegebiet des Golfs von Aden, am Horn von Afrika und nach Süden entlang der somalischen Küste unterwegs. Sichtlich stolz ist Yuriy Oksanenko auf ‚seine‘ „Caroline Scan“ - wegen des guten Zustandes. Erst recht im Vergleich zu anderen Handelsschiffen in der Region. Ob er denn schon Piraten in der Nähe hatte? Der gebürtige Russe winkt ab: „Dieses Schiff wird schon seit einem Jahr von den Vereinten Nationen gechartert und bei jeder Fahrt durch ein Schutzteam begleitet. Das ist bekannt. Passiert ist bisher nichts und ich hoffe, das bleibt so.“

Besonders schätzt Kapitän Oksanenko autonome militärische Schutzteams, weil er unabhängig von einem Konvoi sein Tempo fahren kann und sich nicht nach langsameren Schiffen richten muss: „Ich kann jetzt ganz normal der Routine eines Handelsschiffes folgen, und die ist abhängig von Zeitplänen mit wenig Spielraum. Das ist also eine enorme Verbesserung zu den bisherigen Verfahren mit Konvois und nur für kurze Zeit eingeschifften Schutzteams.“

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Komfort mit Tücken

Nicht alle Unterkünfte wirken so einladend
Nicht alle Unterkünfte wirken so einladend (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff)Größere Abbildung anzeigen

Der Kapitän hat nun das zweite Mal ein AVPD an Bord. Ein Team aus den Niederlanden hat zuvor die „Caroline Scan“ vor Piratenangriffen geschützt. Auch wenn das Schiff nicht für zusätzliche Crewmitglieder ausgelegt ist, haben sich die Männer arrangiert. „Mangelnden Komfort durch die zusätzlichen Einschiffungen kompensieren wir durch ein gutes Verhältnis zwischen ziviler und militärischer Crew“, unterstreicht der Kapitän. Hauptgefreiter Marvin R. bringt es auf den Punkt: “Die Unterbringung ist dürftig, aber brauchbar. Da haben wir schon Schlimmeres erlebt.“ Zusätzlich Härte für die Besatzung und die Soldaten bedeutet allerdings der Ausfall der Klimaanlage. Die Temperaturen unter Deck liegen bei rund 30 Grad, mit entsprechender Luftfeuchtigkeit. So bleibt es noch für gut drei Wochen, bis die Ersatzteile im nächsten Hafen an Bord kommen und der Klimatechniker für Abkühlung sorgt.

Auch der Rettungsassistent, Hauptfeldwebel Christian G., hat schneller Arbeit gefunden als ihm lieb ist: In der Kombüse leben Schaben, so dass der ausgebildete Desinfektor und Schädlingsbekämpfer sein Fachwissen anwenden muss. Darauf reagiert er gelassen: „Schaben sind nichts Ehrenrühriges. Sie gehören dazu – aber ich werde mit ihnen fertig.“

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Voraussetzungen stimmen

Er trägt die Verantwortung für sein Team, Korvettenkapitän Axel M. (re.)
Er trägt die Verantwortung für sein Team, Korvettenkapitän Axel M. (re.) (Quelle: Bundeswehr/Gunnar Wolff)Größere Abbildung anzeigen

Verbessert wird auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Das deutsche AVPD bringt zusätzlich einen Kühlcontainer an Bord. Somit ist auch bei unvorhergesehenen Wartezeiten auf Reede vor den Häfen ausreichend Verpflegung vorhanden. Das ist für die durchtrainierten Soldaten der Marineschutzkräfte wichtig. Neben Ernährung spielt Fitness eine wichtige Rolle. Kein Problem, denn das niederländische Team hat ein paar Sportgeräte für die Nachfolger aus Deutschland an Bord zurückgelassen.

Auch Faktoren wie Ausbildung, Erfahrung und Teamgeist bereiten keine Sorgen. Hauptgefreiter Marvin R.: „Ich habe keine Bedenken. Die Kameraden sind super, auf die kann ich mich blind verlassen.“ Um dies zu gewährleisten, fand zuvor in Deutschland unter anderem eine vierwöchige sogenannte „Kohäsionsausbildung“ statt, deren Schwerpunkt der stellvertretende AVPD-Führer, Hauptbootsmann Christoph G., zusammenfasst: „Es geht darum, von einander zu lernen, damit aus den verschiedenen Spezialisten ein Team wird und jeder den anderen unterstützen kann.“ Jeder weiß, wie der andere Kamerad arbeitet und worauf es im Team bei den verschiedenen Situationen ankommt.

Zu dem AVPD gehören Infanteristen, ein Arzt und ein Rettungsassistent, ein Spezialist für Kommunikation und auch ein Sprachmittler. Korvettenkapitän M. spricht von einer guten Mischung, da einige schon zuvor als VPD auf der „Caroline Scan“ gewesen sind. Andere haben Erfahrungen in Afghanistan gesammelt und wieder andere sind auf Fregatten zur See gefahren.

Jeder einzelne fühlt sich gut vorbereitet, ist im Team gut aufgehoben und blickt zuversichtlich auf die nächsten Monate zusammen mit der Crew der „Caroline Scan“. Der Eindruck der Gelassenheit täuscht nicht.

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Stand vom: 24.10.12 | Autor: Gunnar Wolff


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