Mit dem Schnellboot S71 „Gepard“ vor der libanesischen Küste – Teil 3
Limassol, 30.07.2012.
Tag 3 – Eine weitere Nacht ist ohne Zwischenfälle in dem Einsatzgebiet vor der libanesischen Küste vergangen. Um sechs Uhr in der Früh ist Wachwechsel. Die Besatzung, unterteilt in eine Backbord- und eine Steuerbordseewache, hat jeweils im Wechsel sechs Stunden Zeit zum Ruhen und muss dann wieder sechs Stunden ihre Wachposten besetzen.

Die Köche des „Gepards“, die Smuts, Obermaat Rene B. und der Stabsgefreite Marco M., haben pünktlich zum morgendlichen Wachwechsel das Frühstück vorbereitet. Brötchen sind aufgebacken, mit Wurst belegt und Marmelade bestrichen. Dazu gibt es Rührei und natürlich Kaffee. Zuerst isst die ablösende Wache, dann die Abgelöste. Im Marinejargon heißt die Wache, die ihre Schicht beendet auch abziehende Wache – die Soldaten der neuen Wache gehören zur Aufziehenden. Viel Platz zum Essen gibt es auf dem Schnellboot nicht. Gegessen wird dort, wo man Platz findet und das kann auch schon mal im Stehen im Gang oder auf einer Bank an Oberdeck sein.
Für Obermaat Rene B. ist es bereits sein dritter UNIFIL Einsatz. Der Zeitsoldat hat sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Nach seiner Berufsausbildung zog es den gelernten Koch zur Marine. Seitdem fährt er auf verschiedenen Booten zur See und kümmert sich um das leibliche Wohl der Besatzung.
Für heute viel geplant

Der „Gepard“ ist nicht nur in seinem Einsatzgebiet, der Area of Maritime Operation (AMO), auf Patrouille, für heute sind einige Manöver geplant. Da bleibt der zuletzt abgelösten Wache nur wenig Zeit, um sich von der letzten Wache frisch zu machen. Denn das Schnellboot nimmt bereits Kurs auf einen „Rendezvouspunkt“, um sich mit der indonesischen Korvette "Sultan Hasanuddin" und dem zweiten deutschen Schnellboot im Einsatzgebiet, S73 „Hermelin“, zu treffen. Die indonesische Korvette gehört ebenfalls zur Maritime Task Force (MTF) und fährt unter dem Mandat der Vereinten Nationen, genau wie die deutschen Boote.
Üben für den Ernstfall

Am Treffpunkt angekommen, startet der indonesische Hubschrauber der Korvette und fliegt direkt jeweils die beiden deutschen Boote an. Dabei setzt er sich in geringer Höhe über das Achterdeck, fliegt in gleichbleibender Geschwindigkeit über dem fahrenden Schnellboot und simuliert dabei das Hinaufwinschen einer Person. Dieses Manöver muss sitzen, damit im Ernstfall ein verletzter Soldat schnellstmöglich von Deck des Bootes aus, an einem Drahtseil, in den Hubschrauber hochgezogen werden kann, um dann zu einem Arzt ausgeflogen zu werden. Und nur was regelmäßig geübt wird, funktioniert auch, wenn es darauf ankommt.
Zeitgleich hat die bootseigene Feuerwehr, der Brandabwehrtrupp, Stellung auf dem Seitendeck bezogen, um in einem Notfall oder einem möglichen Helikoptercrash unverzüglich reagieren zu können. Bei dieser Übung klappen aber alle drei Durchgänge auf Anhieb und problemlos, die der indonesische Hubschrauber bei beiden Schnellbooten fliegt.
Post auf See

Nach der Hubschrauberübung geht es für die beiden deutschen Boote und ihre Besatzungen sofort mit dem nächsten Manöver weiter. Der Postbeutelübergabe auf See. Dabei geht es darum, dass in Fahrt ein wasserdichter Sack, von einem Boot auf das andere übergeben wird, ohne dass die Boote dabei in einen Hafen einlaufen, anhalten oder ankern müssen. Um die Übergabe zu beginnen nähert sich ein Boot dem anderen von achtern aus an und hält sich mit gleicher Geschwindigkeit parallel zum anderen Boot. Dann verkleinert es Stück für Stück den Seitenabstand, bis beide Boote mit einem Abstand von knapp 20 Metern nebeneinander, mit gleicher Geschwindigkeit, fahren. Nun wird eine Leine, an deren Anfang ein Gewicht befestigt ist, zum anderen Boot geworfen.
Ist die Leine gespannt, wird an ihr, während der Fahrt, ein Beutel zwischen beiden Booten hin und her gezogen. Während des gesamten Manövers ist das Bordpersonal an Oberdeck gefordert. Sie tragen auch bei über 30 Grad Celsius ihre Schwimmwesten und arbeiten mit den Leinen. Durch die Geschwindigkeit der Boote spritzt die Gischt zu ihnen hinauf und durchnässt ihre Kleidung. Sobald das Salzwasser trocknet, hinterlässt es Kristalle auf der Haut und auf der Kleidung. Das Salzwasser trocknet zudem die Hände aus, macht sie rissig, so dass es von der Arbeit mit den teilweise ebenfalls nassen Leinen die eine oder andere Blessur an den Händen gibt. Doch für solche „Wehwehchen“ ist die bordeigene Sanitäterin bestens ausgestattet, so dass niemand mit verletzten oder offenen Händen arbeiten muss.
Ist der Postbeutel von einem Boot zum anderen hin- und hergegangen, schmeißt die Besatzung des „Hermelin“ die Leine wieder ins Wasser, die „Gepardbesatzung“ muss ihren Tampen nun schnellstmöglich wieder an Deck ziehen. Damit ist die „Postbeutelübergabe“ erledigt und beide Boote fahren wieder auf ihren Kurs zurück.
Keine typische Tankstelle

Die Manöver sind alle erfolgreich beendet, da entscheidet der Kommandant, Volker Kübsch, noch Treibstoff zu übernehmen. Zwar würde dieser bis Limassol reichen, jedoch müsste dann ein Tanklaster zum Hafen bestellt werden. Das wäre eine zusätzliche Belastung für die Besatzung, denn sie würden für die Betankung gut einen halben Tag ihrer Hafenliegenzeit, und damit einen halben Tag ihrer Ruhephase verlieren.
An einer vorher abgesprochenen Position in der AMO trifft S71 „Gepard“ den deutschen Tender „Rhein“. Auch der Tender ist Teil der MTF und gehört zum deutschen Einsatzkontingent UNIFIL. Am Achterschiff des Tenders stehen Soldaten, die eine Leine mit einem roten Schwimmer an deren Ende zu Wasser lassen welche vom Oberdeckspersonal des Schnellbootes aus dem Wasser gefischt wird. Auf dem Tender ist das Ende der Leine mit dem Tankschlauch verbunden. Mit Hilfe der Leine zieht das eingeteilte Schnellbootpersonal den Tankschlauch an Bord und schließen ihn am Schnellboot an. 25.000 Liter Treibstoff übernimmt der „Gepard“ vom Tender in einer dreiviertel Stunde. Und auch dieses Manöver erfolgt, während beide Schiffe weiterhin zur See fahren.
Frisch aufgetankt „positioniert“ sich der „Gepard“ wieder vor der libanesischen Küste. Die beiden Smuts haben inzwischen das Abendessen zubereitet. Es gibt Frühlingsrollen und dazu belegte Brote. Der Tag war kräftezehrend, die Besatzung hat wenig Schlaf bekommen. Für die meisten von ihnen sind solche Tage nichts Ungewöhnliches. Viele von ihnen fahren schon lange zur See.
Am nächsten Abend geht es zurück nach Limassol, dann hat die Besatzung einige Tage Zeit zum Verschnaufen, bevor es wieder raus in die AMO geht.
Lesen Sie kommende Woche im letzten Teil warum der „Gepard“ auf „Meisterfahrt“ geht und dabei überall im Boot laute Musik zu hören ist.




