Interview mit dem ehemaligen Atalanta-Kontingentführer Ingolf Schlobinsky
Djibouti, 10.08.2012, Bundeswehr.
Fregattenkapitän Ingolf Schlobinsky war bis Anfang August als Commander Task Group (CTG) auf der Fregatte „Bremen“ bei der Operation Atalanta eingesetzt. Mit „Bw aktuell“ sprach der 43-Jährige über die derzeitige Situation am Horn von Afrika und die Besonderheiten des Einsatzes..

Sie hatten seit Ende Mai das Kommando über die deutschen Anteile des Atalanta-Einsatzes inne. Was war das Besondere an dieser Aufgabe?
Zu den Aufgaben als Kommandant eines Schiffes kommen einige administrative Aufgaben als Kontingentführer hinzu. Das betrifft vor allem Absprachen und Verhandlungen mit der Host Nation(Djibouti), Personalfragen und Logistik. Jeder diesbezügliche Antrag wird vom Kontingentführer entschieden oder zuständigkeitsgerecht kommentiert und an das Einsatzführungskommando in Potsdam weitergeleitet
Ein mentaler Unterschied zum Dasein als „reiner“ Kommandant ist die Wahrnehmung der Dienststellung von außen. Als Kommandant meldet man seinem Geschwader-Kommandeur und wird von diesem zusammen mit sieben anderen Kommandanten vertreten. Als CTG spricht man direkt mit dem Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, einem General. Ich werde ebenso behandelt wie die Kontingentführer der Einsätze in Afghanistan oder im Kosovo. Das ist für einen Fregattenkapitän eine hohe Ehre und große Verantwortung.
Sie haben erst kurz vor dem Einsatz das Kommando der „Bremen“ übernommen. Wie sind sie auf die kommende Aufgabe bei Atalanta vorbereitet worden?
Zwei Gegebenheiten haben mich persönlich sehr unterstützt. Zum einen war ich 2009 bereits als Erster Offizier der Fregatte „Rheinland-Pfalz“ im zweiten Atalanta-Kontingent im Einsatz. Zum anderen habe ich innerhalb meiner Vorverwendung im Bereich des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr stetig im Kontakt zum Atalanta-Einsatz und dessen Führung gestanden.
Natürlich wurden wir durch Einsatzführungskommando, Flottenkommando und das Bundesministerium der Verteidigung detailliert und aktuell auf den Einsatz und die sich ständig verändernden Gegebenheiten vorbereitet. Der Löwenanteil der Vorbereitung jedoch bleibt den Mitgliedern des Command-Teams des Schiffes vorbehalten. In diesem Team werden Pläne ersonnen, mögliche Probleme diskutiert und Befehle vorbereitet.
Welche Einheiten aus welchen Nationen nahmen neben der „Bremen“ noch an Atalanta teil?
Die EU Mission Atalanta wird hier im Einsatzgebiet durch die Task Force 465 repräsentiert. Zu dieser Einsatzgruppe gehören momentan Schiffe aus Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland.
Deutschland: FGS BREMEN (bis 09.08.), FGS SACHSEN (ab 09.08.), Frankreich: FS LA FAYETTE, FS MARNE (Flaggschiff bis 06.08.), Italien: ITS SCIROCCO, ITS SAN GIUSTO (Flaggschiff ab 06.08.), Spanien: ESPS REINA SOFIA,
Zusätzlich: Kräfte zur Seeraumüberwachung aus der Luft (Maritime Patrol Aircraft – MPA) und mobile Schutzteams, die auf Handelsschiffen eingeschifft werden können

Wie funktionierte dabei die tägliche internationale Zusammenarbeit?
Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Dies liegt in erster Linie am engen Kontakt zwischen den teilweise weit verstreuten Einheiten über Telefon, Chat, E-Mail und Fernschreiben. Dadurch ist ein hohes Maß an operativer Koordination möglich, und der Austausch von Informationen wird sichergestellt.
Wie häufig musste der Einsatzverband gegen mutmaßliche Piraten vorgehen?
Während der Zeit, in der ich der Kontingentführer des deutschen Einsatzkontingentes war, gar nicht. Neben der Wettersituation in unserem Einsatzzeitraum hat dies sicher viele Ursachen. In der Organisation der Präsenz und der Überwachung durch die Sicherheitskräfte gibt es inzwischen eine sehr gute Kooperation nationaler und multinationaler Verbände und Kräfte. Die Verfolgung der piraterieverdächtigen Geldströme außerhalb von Afrika und die Maßnahmen der Küstenstaaten (jemenitischen Küstenwache, djiboutanische Sicherheitskräfte, kenianisches Militär)zeigen ihre Wirkung. Erhöhter Verfolgungsdruck durch die Sicherheitskräfte in den autonomen Regionen Somaliland, Puntland und natürlich auch der Übergangsregierung von Somalia erschweren den mutmaßlichen Piraten die Entfaltung ihrer Aktivitäten. Die Stärkung dieses Engagements u.a. durch die Europäische Union sind hier mit entscheidend.
Letztlich führt das steigende Problembewusstsein der Eigner und Seefahrer zur stetigen Beachtung der Maßnahmen des BMP4(Best Management Practices for Protection against Somalia based Piracy version 4) und zur Einführung von militärischen oder zivilen bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord. Alle Maßnahmen zusammen zeitigen allmählich Erfolge.
Wie häufig war es der Besatzung möglich, Kontakt mit der Heimat aufzunehmen?
Die Besatzung hat täglich die Möglichkeit, mit ihren Familien und Freunden zu Hause Kontakt aufzunehmen, sei es per Telefon oder per E-Mail. Während des Hafenaufenthalts in Mombasa (Kenia) bestand darüber hinaus die Möglichkeit, für bis zu acht Tage nach Hause zu fliegen. Dies wurde auch von vielen Besatzungsmitgliedern genutzt.



