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Nach Afghanistan und zurück – auf dem Weg zum Presseoffizier – Reisebericht Teil IV

Potsdam, 19.01.2015.

Hauptmann Dominik W. wird durch das Presse- und Informationszentrum (PIZ) des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zum Presseoffizier ausgebildet. Er reist zur Unterstützung des Pressepersonals vor Ort nach Afghanistan. Er berichtet im Zuge seiner Dienstreise von seinen Erlebnissen aus dem Einsatzland.

Dominik W. ist auf dem Weg zum Presseoffizier

Dominik W. ist auf dem Weg zum Presseoffizier (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Afghanistan beginnt mit einem verlorenen Notizbuch. Als ich am Morgen nach dem Ministerbesuch in die deutsche Truppenküche komme, treffe ich einen meiner Fahrer vom Wochenende. Er fragt mich, ob ich nicht ein kleines, schwarz-rotes Notizbuch vermisse. Ich greife an meine Beintasche, ertaste Leere und bejahe. Das Buch sei noch auf seinem Transporter und ich solle mir das doch im Laufe des Tages beim ABC-Abwehrzug abholen. Kurz überlege ich, ob mir das wenig genutzte Büchlein den Fußweg wert ist. Doch dann denke ich an die wichtigen Telefonnummern, die ich gestern noch reingekritzelt hatte und stimme dem Vorschlag zu.

Nachdem ich den Vormittag über die Ereignisse der letzten Woche zusammengeschrieben hatte, gehe ich gegen Mittag los. Die ABC-Abwehr ist mit ihrem Zug in einem blickdicht umzäunten Areal untergebracht. Ich klingele und nachdem ich einen Moment brauche, um das System der Klingel zu verstehen, kann ich das Gelände betreten. Der zweite der beiden, von der ABC-Abwehr gestellten, Fahrer begrüßt mich am Eingang. Während er meine Frage nach dem Notizbuch verarbeitet, dreht er mit einer Metallzange ein Ventil auf. Ein davon abgehender Schlauch bläht sich schlagartig auf, im Hintergrund fällt etwas Metallisches zu Boden und jemand flucht lauthals. Grinsend dreht der Oberstabsgefreite das Ventil wieder zu. Von hinten sieht man den Fahrer mit einer nassen Hose aufgebracht davon stapfend, den Täter neben mir mit einer eindeutigen Geste bedenkend. Der kurze Lacher kostet mich eine weitere Wegstrecke zu Fuß, denn so erfahre ich nicht, dass der nasse Gefreite mein Notizbuch bereits vom Transporter genommen. Ich werde zu „Laila“ geschickt.

Eingang zum Trainingsgelände Laila II

Eingang zum Trainingsgelände Laila II (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Die Counter Improvised Explosive Device (IED) Training Facility Laila II liegt im Südosten des Lagers. Die Anlage dient der Schulung der Soldaten im Umgang mit der Gefahr, die von improvisierten Sprengfallen ausgeht, die oft gegen die internationalen Truppen in Afghanistan eingesetzt werden. Die Ausbildungsanlage Laila besteht aus einer Freifläche, wie jeder Soldat sie von Übungsplätzen kennt, mit Steigungen und unwegsamen Wegen zum Üben des Fahrens von gepanzerten Fahrzeugen im Gelände. Am nordwestlichen Rand der Anlage steht eine etwa hundertfünfzig Meter lange Halle. Vor der Halle steht das gesuchte Fahrzeug. In der Halle befindet sich Oberfeldwebel Marc-Sebastian R. und werkelt in seiner „HME-Werkstatt“ (HME: Home Made Explosives).

Oberfeldwebel Marc-Sebastian in seinem „HME-Labor“

Oberfeldwebel Marc-Sebastian in seinem „HME-Labor“ (Quelle: Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Die „HME-Werkstatt“ oder das „HME-Labor“ ist in einem kleinen Gebäude ohne Dach, gleich rechts vom Eingang untergebracht. Ein in die Jahre gekommenes Motorrad lehnt an einer grauen Ziegelmauer vorm Eingang im sogenannten „Compound“, wie Gebäude im NATO-Deutsch auch genannt werden. Der Compound selbst ist ein einstöckiges Gebäude ohne Türen und mit wenigen Fenstern. Direkt links vom Eingang ist eine geöffnete Bodenluke, an der ich vorbeigehe. Ich biege ab, gehe an Düngemittelsäcken vorbei und nach einer weiteren Biegung stehe ich im Labor. Ich habe das Gefühl in einer Fernsehkulisse zu stehen.
Direkt vor mir auf einem einfachen Holztisch stehen Bunsenbrenner, Laborflaschen, kleine Plastikdöschen gefüllt mit verschiedenfarbigen Pulvern, diverse Erlenmeyerkolben und Apparaturen, deren Namen ich nicht einmal mehr mit einer Suchmaschine im Internet ermitteln kann. Meine schwache Note in Chemie war hart erarbeitet.

Ein Beispiel für ein Improvised Explosive Device (Sprengfalle)

Ein Beispiel für ein Improvised Explosive Device (Sprengfalle) (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Als ich das sage, lacht der vierundzwanzigjährige Leiter des HME-Labors. Er bemüht sich noch, mir den von ihm als Anschauungsmaterial vorbereiteten Sprengstoff zu erklären und wie schnell und einfach man aus den hier erhältlichen Düngemitteln Sprengstoff herstellen kann. Hier könnte Jean Pütz noch was lernen. Sensibilisierung für das Thema ist das eigentliche Ziel des Anschauungsobjekts „HME-Labor“, das alle Neuankömmlinge innerhalb ihrer ersten Wochen in Afghanistan zu sehen bekommen. Stufe drei des sogenannten „In-Processing“, wie mir Stabsfeldwebel Andreas H. (46) erklärt.

Düngemittel- und Sprengstoffsäcke vor dem „HME-Labor“

Düngemittel- und Sprengstoffsäcke vor dem „HME-Labor“ (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Seit Juli ist er in seinem dritten Einsatz hier, vorher war er bereits im ehemaligen Jugoslawien an der SFOR-Mission beteiligt. Nicht nur in der HME-Werkstatt, für die er sich mit dem ABC-Oberfeldwebel einen Profi zur Unterstützung geholt hat, sondern in der ganzen Halle, soll den Neuankömmlingen etwas über dieses wichtige Thema erläutert werden.
Er erklärt, dass beispielsweise kleine Steinhaufen nicht zwangsläufig Hinweise auf vergrabene Sprengsätze sein müssten, sondern häufig einfach als behelfsmäßige Verkehrsschilder dienten. Ich lasse meinen Blick schweifen. Von weitem sieht man noch in der Halle zwei Häuschen und einen kleinen eingezäunten Bereich, wo Munition zu Anschauungszwecken liegt. Dann wieder eine Grube mit einer Leiter und entlang des Schotterweges, der durch die Halle führt, verschiedene Scharrstellen. Alles sogenannte „Bilder“, wie der Counter IED-Trainer sie nennt. Anhand jedes dieser Bilder sollen die Soldaten etwas lernen.

Die Counter-IED-Trainingshalle der Laila

Die Counter-IED-Trainingshalle der Laila (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Marc-Sebastian folgt uns auf den kleinen Hügel, von dem mir der Stabsfeldwebel seine Halle erklärt. „Jetzt stehst`e gleich drauf!“ ruft der Ältere dem Jüngeren zu. Der Oberfeldwebel schaut sich um, zeigt auf eine Stelle und ruft zurück: „Hier, oder?“. „Nee, geh mal ´nen Schritt vor!“ Es piept. Marc-Sebastian hat eine Druckplatte ausgelöst, die wiederum eine Sprengsatzattrappe hinter ihm zur „Detonation“ brachte. Andreas erzählt, er sei 2011 im Konvoi dabei gewesen, als eine solche Konstruktion einen Schützenpanzer Marder erwischte, was aber für die Besatzung glücklicherweise glimpflich ausging. „Glück im Unglück“, sagt er und bringt die IED-Attrappe nochmal zum Piepsen.

Ohne mein Notizbuch mache ich mich auf den Rückweg. Mittlerweile weiß ich, dass es sich noch beim ABC-Zug befindet und beschließe, dort nochmal vorbeizuschauen. Etwas, was Andreas gesagt hat, bleibt noch in meinem Kopf. Die Afghanen bauen die Steinhaufen, die Behelfsschilder, wieder auf, wenn sie mal umfallen. Man hilft sich gegenseitig, auch wenn man sich nicht kennt. Man hilft der Gemeinschaft. Staatswesen ohne Behörden. Ich denke an den jungen Mann bei der Wäscherei zurück, der mir morgens ohne Formulare, ohne Anordnungen einen Wäschesack ausgehändigt hatte. Ich hatte ihm nur versprechen müssen, ihm den Sack wiederzugeben. Während ich darüber nachdenke, komme ich an einem roten, leicht angerosteten Tor vorbei. Meine Gedanken motivieren mich, einfach mal und entgegen den üblichen Verfahren, zu klingeln. Auf einem Stein vor dem Tor steht „EOD“.

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Stand vom: 19.01.15 | Autor: Dominik W.


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