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Ich bin iM EINsatz: „Erinnerungen werden wach“

Westsahara, 02.10.2015.


Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten unsere Soldaten täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Mein Einsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Hauptmann Merten E., zusammen mit zwei Kameraden seiner Teamsite
Hauptmann Merten E., zusammen mit zwei Kameraden seiner Teamsite (Quelle: Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Ich bin Hauptmann Merten E., Jahrgang 1986 und damit einer der „ganz jungen“ deutschen Militärbeobachter. Seit 2009 bin ich verheiratet, Kinder sind bei meiner Frau und mir noch in Planung. Direkt nach dem Abitur begann ich 2005 die Offizierlaufbahn bei den Pionieren im Heer. Während dieser Zeit diente ich 2012 als Verbindungsoffizier zu den afghanischen Sicherheitskräften in Kunduz. Dort entstand mein Interesse an einer Tätigkeit im multinationalen Umfeld und an der UN. In Deutschland diene ich als Pionieroffizier in einem Brigadestab und bin für die Begleitung multinationaler Ausbildungen und Einsatzvorbereitung eigener Soldaten, wie beispielsweise im Nordirak, zuständig.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

Auf Patrouille: Beobachten entlang des Berm
Auf Patrouille: Beobachten entlang des Berm (Quelle: Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Bei MINURSO , der UN-Mission in der Westsahara, bin ich derzeit auf der Ostseite des Berms, der Waffenstillstandslinie zwischen Marokko und der „Frente Polisario“, eingesetzt. In der Teamsite, wie unser Camp genannt wird, arbeite ich neben der regulären Patrouillentätigkeit als G2 – zuständig für die Bewertung der Sicherheitslage und die Analyse einzelner Vorfälle – aber auch für die Verfassung von Berichten, wenn eine ehemalige Konfliktpartei gegen Vereinbarungen des Waffenstillstandsabkommens verstößt.

Die permanente Fluktuation in der Teamsite erschwert manchmal die Planungen. Ausgelegt ist so ein Camp auf 21 Militärbeobachter, üblich sind etwa 16. In „meiner“ Teamsite sind wir aktuell elf Militärbeobachter aus elf verschiedenen Nationen. Das bedeutet Doppelaufgaben und auch ein permanentes Einlassen auf andere Kulturen, Gebräuche und Sprachen. Klingt einfach, macht auch wirklich Spaß – ist aber auf Dauer dennoch anstrengend. Das merkt man immer dann, wenn man bei einer Patrouille auf einen deutschsprachigen Kameraden, egal ob Schweizer, Österreicher oder Deutscher, trifft. Das sind einprägende und schöne Momente.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Besonders an dieser Mission, an diesem Umfeld, sind die Einzigartigkeit der Arbeit und die Multinationalität. Insgesamt sind bei MINURSO Soldaten aus mehr als 30 verschiedenen Nationen, so etwas erlebt man nicht oft.

Als Gast beim einheimischen „Eid al Fitr“
Als Gast beim einheimischen „Eid al Fitr“ (Quelle: Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Hier kommt es täglich zu schönen Erlebnissen, die auch die Freude an der Arbeit in dieser Mission ausmachen. Eine ganz besondere Erfahrung, die ich nie vergessen werde, ist sicherlich das „Eid al Fitr“ (der Abschluss des Fastenmonats Ramadan) bei Einheimischen.

Besuch in einem der letzten Berberzelte
Besuch in einem der letzten Berberzelte (Quelle: Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Aber auch die Einladung in eines der selten gewordenen, noch regulär bewohnten Nomaden- und Berberzelte, der Besuch einer alten Höhle mit prähistorischen Malereien, lange Patrouillen durch die Wüste oder der Fund einer alten 155 Millimeter Artilleriegranate direkt neben unserem Patrouillentrack, waren sehr einprägend.

Das vermisse ich hier am meisten.

Obligatorische Antwort: Meine Familie, logisch. Froh bin ich hier aber über die Anbindung nach Hause – dem Internet sei Dank. Manchmal geht mir durch den Kopf, wie Soldaten in dieser Mission vor 24 Jahren die Verbindung hielten – ohne Skype und die ganzen anderen Onlinedienste.

Darüber hinaus sind da aber auch Dinge, die einem Unbeteiligten sicher nicht sofort in den Kopf kommen: Wälder, Flüsse, die deutsche Sprache, ein Glas Wein abends in einem Cafe. Ganz abstrakt sind dann unsere Kultur, unsere Dienstauffassung, unser Ansatz zur Problemlösung. Hier habe ich, trotz meines Einsatzes in Afghanistan und meiner generellen „Reisewut“, zum ersten Mal wirklich Heimweh erlebt.

Das sind meine Pläne, meine Wünsche und Grüße.

Als sogenannter Dienstältester Deutscher Offizier (DDO) der Mission versuche ich derzeit einen Posten im Hauptquartier der Mission zu bekommen – dies würde mir persönlich wieder ganz neue Perspektiven auf diesen alten Konflikt eröffnen und würde natürlich allen neu ankommenden und uns verlassenden Kameraden helfen.

Ganz besonders geht mir dieses Jahr der Tag der Wiedervereinigung durch den Kopf. 25 Jahre Deutsche Einheit in Frieden klingt für viele heute selbstverständlich. Hier begreife ich erneut, was es heißt, wenn ein Land geteilt ist, Familien ohne Besuchsmöglichkeit getrennt voneinander leben und in der Mitte des Landes eine tödliche Mauer steht. Wir dürfen nie den Wert der deutsche Wiedervereinigung vergessen und wie viel wir anderen Ländern und einem friedlichen, offenen Europa verdanken. Wenn ich hier etwas lerne, dann dass dies nicht selbstverständlich ist.


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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Merten E.


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