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Westsahara: Kampfmittelräumung in einem vergessenen Konflikt

Laayoune, 14.12.2015.

16 Jahre Westsahara-Konflikt hinterließen jede Menge Minen, Blindgänger und Streubomben. Hauptmann Merten E. wollte schon immer Kampfmittelräumer werden. Sein Werdegang bei der Bundeswehr lief jedoch in eine komplett andere Richtung. Heute ist er als Militärbeobachter in der Westsahara und koordiniert Minenräumungen bei MINURSO.

Ein Räumungscamp aus der Ferne

Ein Räumungscamp aus der Ferne (Quelle: Bundeswehr/Merten E.)Größere Abbildung anzeigen

Als ich mich 2005 bei der Bundeswehr bewarb, wollte ich unbedingt Kampfmittelräumer werden. Der Beruf faszinierte mich. Ich wurde in der Pioniertruppe eingestellt und schlug die Offizierlaufbahn ein. Durch verschiedene Umstände kam es in den Jahren danach anders: Zwar setzte ich mich immer wieder mit dem Thema auseinander – Kampfmittelräumer wurde ich jedoch nie. Umso glücklicher macht es mich heute, meinem damaligen Ziel noch einmal recht nahe zu kommen – als Militärbeobachter für die Vereinten Nationen in der Westsahara.

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Hintergrund des Westsahara-Konfliktes

1976 eskalierte die politisch bereits angespannte Situation in der Westsahara. Einige der Einwohner wollten die Unabhängigkeit, doch Marokko machte seinen territorialen Anspruch auch mit Waffengewalt deutlich.

Ein kleiner Teil gefundener Blindgänger

Ein kleiner Teil gefundener Blindgänger (Quelle: Bundeswehr/Merten E.)Größere Abbildung anzeigen

Die folgenden 16 Jahre des Krieges zwischen der königlich-marokkanischen Armee und der Front für die Befreiung der Saguia el Hamra und Rio de Oro („Frente Polisario“) hinterließen ein Erbe aus Minen, Blindgängern und Streubomben, die bereits mehr als 2500 Menschenleben auf beiden Seiten des Berm (ein von marokkanischer Seite aufgeschütteter Wall, der die Waffenstillstandslinie markiert) gefordert haben.

Seit 1991 sichern die Vereinten Nationen den Waffenstillstand mit der Mission MINURSO . Zwei Abkommen zwischen der Mission und den Konfliktparteien sollen die generelle Gefahr, die von Minen und Blindgänger ausgeht, durch Informationsaustausch sowie ihre Markierung und Beseitigung reduzieren. Dies ist auch notwendig, denn noch heute gefährden diese Überreste des Krieges die Bevölkerung und auch uns, die hier eingesetzten Militärbeobachter. Tausende Patrouillenkilometer werden wöchentlich in der Wüste absolviert, durch alte Kampfgebiete, Minenfelder und entlang des Berm. Dieser Erdwall ist heute eines der am stärksten mit Minen belasteten Gebiete weltweit.

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Durch Kampfmittel ausgelöste Unfälle

Unfälle durch Kampfmittel

Jahr

Unfälle

Opfer

verletzt

unverletzt

getötet

2013

16

19

4

1

2014

11

14

4

4

2015

12

14

1

13



Zur Koordination der Minenräumung wurde ab 2008 innerhalb der zivilen Struktur des Hauptquartiers in der Stadt Laayoune ein neues Instrument geschaffen: Das „Mine Action Coordination Center“ (MACC). Dieses Zentrum untersteht direkt der Missionsführung und ist mit sechs zivilen Mitarbeitern aus aller Herren Länder besetzt. Sie arbeiten täglich daran, die Beseitigung der Kriegsaltlasten voranzutreiben. Westlich des Berm werden dabei alle Räumungen durch das marokkanische Militär durchgeführt, auf der Ostseite geschieht dies durch zivile Vertragspartner der Vereinten Nationen.

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Nicht nur Militärs mit Minenräumung beauftragt

Einer der Minenräumer bei der Arbeit

Einer der Minenräumer bei der Arbeit (Quelle: Bundeswehr/Merten E.)Größere Abbildung anzeigen

Diese Vertragspartner sind entweder NGOs (non-governmental organisations) oder Unternehmen, die von der UN und damit letztlich von den Mitgliedsländern bezahlt werden. Und was genau habe ich damit zu tun? Ich bin derzeit der Verbindungsoffizier der militärischen Komponente zum zivilen „MACC“. Nach meinen ersten vier Monaten in der Teamsite Tifariti (Teamsite = Außenstelle, die einem Feldlager ähnelt) wurde die Neubesetzung des Postens ausgeschrieben. Ich bewarb mich und wurde angenommen.

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Ausbildung neuer Militärbeobachter

Zu meinen Hauptaufgaben gehören die dauerhafte Koordination zwischen Militär und dem MACC, die Bearbeitung der aktuellen Kampfmittellage im Einsatzgebiet und die Ausbildung neuankommender Militärbeobachter. Sie müssen dabei über besonders gefährdete Bereiche, häufige Kampfmittel in der Region und die richtige Verhaltensweise bei Notfällen unterrichtet werden. Da innerhalb von MINURSO mehr als 34 verschiedene Nationen vertreten sind, muss diese Ausbildung in Englisch erfolgen. Ein üblicher Tagesablauf kann dabei so aussehen:

Auswertung der Räumberichte vom vergangenen Tag, kurze Besprechung im MACC, danach Lageabgleich mit der militärischen Führung. Im Anschluss Koordination zwischen den Teamsites und den beiden Räumfirmen östlich des Berm über die Räumtätigkeiten und gemeinsam durchzuführende Patrouillen. Anschließend noch die Beratung und Ausbildung neuer Militärbeobachter, die gerade ihre Mission begonnen haben.

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Ein gutes Gefühl vermitteln

Von Zeit zu Zeit fliege ich zu den Teamsites, um dort Wiederholungsunterrichte und einen Abgleich der Gefährdungsgebiete durchzuführen. Weit ab von der gewohnten Zivilisation ist es auch für die Soldaten dort immer wieder ein gutes Gefühl, wenn diese Ausbildungen wiederholt werden – sie merken, dass man sich um sie und ihre potenzielle Gefährdung ernsthaft kümmert.

Inspektion der Minenräumung: Hauptmann E. hält die Verbindung von MINURSO zu den zivilen Kampfmittelräumern

Inspektion der Minenräumung: Hauptmann E. hält die Verbindung von MINURSO zu den zivilen Kampfmittelräumern (Quelle: Bundeswehr/PAO MINURSO)Größere Abbildung anzeigen

Wenn in oder um Laayoune Räumungen von alten Kampfmitteln durchgeführt werden, gehört es auch zu meinen Aufgaben, diese zu beobachten und darüber einen Bericht zu schreiben. Diese Vielfalt der Tätigkeiten und natürlich ganz besonders der Wert der geleisteten Arbeit geben mir fernab von der Heimat eine gewisse Zufriedenheit.

Unsere aktuellen Statistiken besagen, dass in circa zehn Jahren die derzeit bekannten Minenfelder, Blindgänger und von Streubomben belasteten Gebiete bereinigt sein könnten. Ein kleiner Teil hiervon zu sein, macht mich stolz und entschädigt für viele Entbehrungen, so weit weg von Zuhause.

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Stand vom: 14.12.15 | Autor: Merten E.


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