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Einsatztagebuch Westafrika Teil 5: Im Kampf gegen die letzten fünf Prozent

Monrovia / Liberia, 30.01.2015.

Hauptfeldwebel Dennis K. berichtet über seine fünfte Woche in Westafrika. Er begleitet das Organisationstalent des Kontingentes bei seinen Einkäufen in der Stadt und der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Humanitäre Hilfe im Kampf gegen Ebola ist zu Besuch. Und dann ist da noch die berührende Geschichte der vier Monate jungen Josephine.

Montag, 19. Januar

Das gekühlte Medikamentenlager

Das gekühlte Medikamentenlager (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Heute konnte ich einen Blick in unser Medikamentenlager werfen. Das hatte ich noch gar nicht von innen gesehen. Alles sehr ordentlich, wichtig und richtig. Hier lagern klimatisiert jede Menge nachweispflichtige Medikamente, um die sich hauptsächlich Oberfeldwebel Dominik S. kümmert. Über seinen Tisch gehen sämtliche Anforderungen innerhalb unserer Einrichtung, die auf dem besten Wege ist, zu einem Pilotprojekt für die “letzte Meile“ im Kampf gegen Ebola zu werden. Die ETU (Ebola Treatment Unit) soll nach den Vorstellungen des liberianischen Gesundheitsministeriums zu einer „Severe Infections Temporary Treatment Unit“ (SITTU) werden, also zu einem Behandlungszentrum für schwere Infektionskrankheiten. Nachdem die Ebola-Epidemie in Liberia soweit abgeflaut ist, dass nahezu 95% aller aktuellen Fälle erfasst und in Behandlung sind, gilt es jetzt die restlichen 5% aus den anderen möglichen Krankheiten herauszufiltern.

Das Problem dabei ist, dass die Gefahr Nummer 1, allen voran die Malaria, sehr ähnliche Anfangsbeschwerden wie Ebola aufweist. Hohes Fieber, Abgeschlagenheit, schwere Durchfälle können auch Anzeichen für Cholera sein. Dazu sind wir dabei unsere SITTU entsprechend umzubauen. Ziel soll es sein, über die Triage (Patientenaufnahme), diese Fälle zu erkennen, über Blutproben ein Nichtvorliegen von Ebola zu bestätigen und einer entsprechenden Behandlung zuzuführen. Erweist sich dabei ein Patient als Ebola positiv, wird er in die benachbarte „chinesische“ ETU gebracht. Alle anderen Fälle bleiben bei uns. Allerdings fehlt uns für all das noch das „grüne Licht“ aus Deutschland, das wir aber noch in dieser Woche erwarten.

Bei der Beschaffung - Unsere "Allzweckwaffe" David

Bei der Beschaffung - Unsere "Allzweckwaffe" David (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Außerdem fahre ich mit David, unserem Logistiker noch „raus“, um Bilder von ihm für einen Artikel zu gewinnen. Er ist unsere „Allzweckwaffe“ in Sachen Beschaffung. Was David nicht bekommt, bekommt auch kein anderer. Er weiß, wo er was kaufen kann, hat unglaublich viele Kontakte aufgebaut und pflegt sie auch. Permanent telefoniert er. Er besitzt zudem eine Menge Afrikaerfahrung. Der 34-Jährige war unter anderem sechs Jahre mit den Vereinten Nationen in Sierra Leone gewesen, spricht neben seiner Muttersprache noch französisch, spanisch und das „local English“ so gut, dass ihm niemand etwas vormachen kann. Er ist knallhart in den Verhandlungen und organisiert, wie schon gesagt, alles.

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Dienstag, 20. Januar

Gestern Abend kam ein dreiköpfiges Team von der Redaktion der Bundeswehr zu uns, denen wir heute „unsere“ SITTU zeigen. Wir besprechen was sie machen wollen, erklären ihnen was geht und was nicht. Das übliche Vorgespräch. Dankenswerterweise spielen wir ja alle für das gleiche Team, werden schnell „warm“ miteinander.
Auch die Akzeptanz durch die anderen Missionsangehörigen ist sehr gut, nachdem erklärt wurde, was sie machen wollen. Es ist überhaupt kein Problem ein paar „Protagonisten“ zu finden, die sich für die Bewegtbilder zur Verfügung stellen. Als ich allerdings das Zoomobjektiv des Fotografen sehe, lasse ich symbolisch ein paar bittere Tränen über meine Wangen laufen. Das hätte ich in den letzten Wochen auch sehr gut brauchen können, allerdings hat die Beschaffung aus Deutschland bis heute nicht funktioniert. Aber ich habe mich damit arrangiert. Was soll ich auch sonst tun?

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Mittwoch, 21. Januar

Ein Tausendfüßler schaut zum Morgenkaffee vorbei

Ein Tausendfüßler schaut zum Morgenkaffee vorbei (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Der Morgenkaffee vor unserem ersten Briefing wird durch einen Tausendfüßler gestört. Vermutlich hat dieses Exemplar wirklich tausend Beine, ist es noch länger als ein daneben gelegter Kugelschreiber. Es schockt keinen mehr, irgendwie ist hier alles ein wenig größer. Das ist eben Afrika. So schnell wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder in der Kanalisation.

Am John F. Kennedy . Klinikum

Am John F. Kennedy . Klinikum (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

In Erwartung auf das „Go“ aus Deutschland fahre ich heute zum John F. Kennedy-Klinikum. Dort ist eine Basis für ein neues Streetwork-Projekt entstanden, dass wir auf Wunsch des IMS (Incident Management System) unterstützen wollen. Dabei geht es darum, in den verschiedenen Teilen Monrovias, Vor-Ort-Teams mit Büros in den einzelnen Stadtteilen ins Leben zu rufen, die dann in der Fläche dafür sorgen sollen, die restlichen Ebola- (Verdachts-) Fälle zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen.
Die Fahrt eines Infizierten mit dem landesüblichen Taxi zur nächstgelegenen ETU ist ein großer Unsicherheitsfaktor. Die Teams nehmen dann auch das „Contact-Tracing“ vor Ort vor. Dabei werden sämtliche Kontaktpersonen, des möglicherweise Infizierten ausfindig gemacht und medizinisch dann zumindest überwacht.

Mit Oberleutnant Christian H. einen Blick in die Karten werfen

Mit Oberleutnant Christian H. einen Blick in die Karten werfen (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Wir unterstützen das JFK-Klinikum in Person von Oberleutnant Christian H., der heute Kartenmaterial für das Team mitgebracht hat und als eine Art Mentor fungiert. Dabei fotografiere ich natürlich wieder fleißig, wollen wir doch einen Artikel über ihn und seine Arbeit bringen.
Als wir zurückkehren herrscht Hochstimmung im Büro. Wir haben endlich das lang erwartete „grüne Licht“ aus Deutschland bekommen und können nun auch ganz offiziell den Umbau der ETU zur SITTU beginnen. Morgen erwarten wir den Sonderbeauftragten der Bundesregierung für den Kampf gegen die Ebola-Epidemie, Herrn Botschafter Lindner. Das verspricht ein spannender Tag zu werden. Ich freue mich drauf.

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Dienstag, 22. Januar

Die C-160 Transall mit Botschafter Lindner nach der Landung

Die C-160 Transall mit Botschafter Lindner nach der Landung (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für den Kampf gegen die Ebola-Epidemie, Botschafter Walter Lindner, landet heute mit einer unserer Transalls auf dem Roberts-International-Airport. Wir gehen einfach über das Flugfeld zur Maschine um ihn bei seinem heutigen ersten Schritt auf liberianischen Boden zu begrüßen. In Deutschland wäre das so unvorstellbar. Einem herbeieilenden Sicherheitsmann geben wir zu verstehen, dass wir von der Botschaft seien und sich in der Maschine ein wichtiger Minister aus Deutschland befinden würde. Ein kurzes „Okay, Sir!“ und wir gehen einfach weiter.

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Lob für Geleistetes

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, in unserer abendlichen Besprechung

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, in unserer abendlichen Besprechung (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Abends, nach den obligatorischen Besprechungen mit unserem Führungspersonal, nimmt sich Herr Lindner Zeit, auch mit uns zu sprechen und nimmt am Abendbriefing teil. Er erklärt, wie wichtig unsere Arbeit auch weiterhin ist. Womöglich noch wichtiger, als sie ursprünglich geplant war. Es gelte die letzten 5% der Erkrankten aus den „normalen“ Erkrankungen herauszufiltern und zu isolieren. Dazu werden wir mit unserem SITTU-Modell an vorderster Front stehen und beispielhaft vorangehen.

Viele Augen schauen dabei auf uns. Selbst die Bundeskanzlerin sei sehr an unserer Arbeit interessiert, berichtet er. Wir werden wahrgenommen und unsere Arbeit von Herrn Lindner in Berlin gut in Szene gesetzt. Zum Ende der Besprechung melden alle Stationen für den morgigen ersten Behandlungstag ganz militärisch und mit einem großen Augenzwinkern „combat ready“.

Das anschließende Gruppenbild

Das anschließende Gruppenbild (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem der Applaus abgeebbt ist, bittet Herr Lindner um ein Kontingentfoto. „Kollege“ Sebastian erklärt sich bereit, die Bilder zu machen - und schon wieder bin ich auch mal selbst auf einem Bild zu sehen. Dankeschön an dieser Stelle.

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Freitag, 23. Januar

Post, ich habe Post. Nach einer wahren Odyssee durch halb Westafrika habe ich heute endlich die zwei Pakete meiner Frauen von zu Hause bekommen. Ich freue mich wie ein kleiner Junge und packe im Kreise der Kameraden die zwei schweren Pakete aus. Neben ein paar persönlichen Dingen sind sie randvoll mit Süßigkeiten, Chips, Schokolade und anderen „Genussmitteln“ gestopft. Das kommt allen zu Gute, so wie es auch alle anderen vor mir gemacht haben.
Ein paar Sachen sind auch gar nicht für mich gedacht, so zum Beispiel Zwieback mit Kokos. Aber die Leckereien „überleben“ nicht lange. Alle freuen sich und ich gebe gerne. Auch die Sachen, die ich eigentlich gerne selber essen würde. Schließlich kann ich ja nicht dicker als vorher nach Hause kommen. Wie würde das denn aussehen?

Herr Lindner verschaffte sich vor Ort einen Überblick

Herr Lindner verschaffte sich vor Ort einen Überblick (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Ein weiterer Programmpunkt des heutigen Tages ist der Besuch von Herrn Lindner im JFK Hospital. Er spricht mit der Leiterin, Angehörigen und mit der Verwaltung. Außerdem besichtigt er die Triage, die mit unseren Medizinern den Umständen vor Ort angepasst worden und deren Umbau nun praktisch abgeschlossen ist.
Bisher sah die Patientenannahme eigentlich eher wie eine etwas groß geratene Bushaltestelle aus, in der alle Kranken Seite an Seite saßen. Nun sind Mauern hochgezogen und verfliest, Laufwege gekennzeichnet worden. Herr Lindner ist sehr zufrieden mit unserer Arbeit und stellt einmal mehr die Professionalität unserer Team-Mitglieder heraus. „Hier kann man dank Ihrer Hilfe jetzt sicher arbeiten.“ Das ist schön zu hören. Nur schade, dass die Urheber des Ganzen das nicht mehr miterleben dürfen. Sie sind mittlerweile wieder zu Hause.

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Samstag, 24. Januar

Heute fliegt Herr Lindner wieder aus. Auf dem Weg zum Flughafen statten wir dem großen Zentralfriedhof „Disco Hill“ einen Besuch ab. Warum eine letzte Ruhestätte ausgerechnet diesen Namen trägt lässt sich nicht herausfinden, für einen deutschen Friedhof kommt er aber garantiert nicht in Frage.

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Sonntag, 25. Januar

Jeder Zentimeter wird auf den „Straßen“ genutzt

Jeder Zentimeter wird auf den „Straßen“ genutzt (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Heute sind wir mit dem Redaktions-Team nach Bong gefahren. Eine wahre Ochsentour, aber es hat sich gelohnt. Eine Amerikanerin führt uns durch die dortige ETU, die seit 32 Tagen keinen bestätigten Ebolafall zu verzeichnen hatte. Hier, in einem wahren Epizentrum der Epidemie, ist das ein gutes Zeichen.

Liberia scheint auf dem Weg zu sein, die Seuche zu besiegen. Auf dem Friedhof sind wir alle ganz still und in uns gekehrt. Jeder hängt seinen Gedanken nach, hält kurz inne, gedenkt der vielen Opfer. Insgesamt wurden hier bisher 104 Menschen begraben. Die Alterspanne liegt zwischen wenigen Monaten und 70 Jahren. Die Amerikanerin hat Tränen in den Augen. Viele Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, kannte sie. Doch dann besinnt sie sich darauf, dass auf der anderen Seite, mehr als 70 die ETU als geheilt entlassen haben.

Sie erzählt von „Josephine“, einem vier Monate alten Mädchen, dass Ebola überlebt hat. Ihre Mutter war zunächst schwer erkrankt, dann als geheilt entlassen worden. Danach steckte sie Josephine vermutlich über die Muttermilch an. Als das Mädchen schon im Sterben lag, entschloss sich das ETU-Team, sie durch ihre Mutter weiter stillen zu lassen. Vermutlich hat ihr das das Leben gerettet. Das Ganze wurde entsprechend dokumentiert und soll in ein Forschungsprojekt integriert werden. Ein weiteres Stückchen Hoffnung.

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Stand vom: 05.02.15 | Autor: Dennis K.


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