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Einsatztagebuch Operation „Sophia“ (6): Ein Monat im Einsatz

In See, 29.07.2016.

Nach den ersten Wochen im Einsatzgebiet sind die beiden deutschen Schiffe bei der Operation Sophia fest in den Rhythmus des europäischen Verbands eingebunden. Seephasen von bis zu zwölf Tagen, kurze Hafenaufenthalte zur Nachversorgung. Auf See immer wieder Seenotrettungen und verdächtige Fahrzeuge in deren Nähe.

Gemeinsam mit dem Tender „Werra“ ist das Minenjagdboot „Datteln“ (vorn) im Einsatz

Gemeinsam mit dem Tender „Werra“ ist das Minenjagdboot „Datteln“ (vorn) im Einsatz (Quelle: Bundeswehr/Bastian Fischborn)Größere Abbildung anzeigen

Das Minenjagdboot „Datteln“ und der Tender „Werra“ sind seit gut vier Wochen in der Operation Sophia vor der libyschen Küste. Die beiden Schiffe operieren getrennt voneinander, nur manchmal taucht die Silhouette des anderen am Horizont auf. Fregattenkapitän Torsten Eidam, der Kontingentführer: „Der Verbandskommandeur setzt seine Schiffe als Einzelfahrer ein. Ein deutsches Minenjagdboot hat eine ganz andere Seeausdauer als eine spanische Fregatte. Das muss er bei der Operationsplanung bedenken. Während ein Tender bis zu zwölf Tage auf See bleibt, kommt ein Minenjagdboot schon einmal nach acht Tagen wieder zur Versorgung in den Hafen.“

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Gottesdienst auf Bierzeltgarnituren

Militärdekan Jochen F. beim Gottesdienst auf der Back des Tenders, hinter ihm die Flagge der katholischen Militärseelsorge

Militärdekan Jochen F. beim Gottesdienst auf der Back des Tenders, hinter ihm die Flagge der katholischen Militärseelsorge (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Am Abend des 24. Juli findet der katholische Militärdekan Jochen F. Zeit für eine Andacht auf der Back des Tenders. So nennen die Soldaten den Vorschiffsbereich auf dem Hauptdeck. Vor der untergehenden Sonne muss der Geistliche an diesem Sonntag improvisieren. Die Soldaten sitzen auf Bierzeltgarnituren, eine Kniebank sucht man vergebens. Jochen F. hat seine Stola umgelegt, steht vor der Flagge der katholischen Militärseelsorge. Er hat das Banner in den weiß-gelben Farben des Vatikan mit Klebeband am Bug befestigt.

Die kleine Bordgemeinde hält eine Gedenkminute für die Opfer des jüngsten Attentats in München. Zwei Besatzungsmitglieder stammen von hier, einer wohnt unweit des Anschlagsortes. Wer in seiner Gemeinde sitzt, ist dem Militärdekan nicht so wichtig: „Ob Katholiken, Protestanten, Muslime oder Besatzungsmitglieder ohne Konfession: Wir kommen zusammen, um unserem Glauben Ausdruck zu verleihen und die Gemeinschaft zu pflegen. Die Gemeinsamkeiten im Hoffen auf eine bessere Welt überwiegen. Erst recht hier, wo wir alle mit der Not vieler Menschen konfrontiert sind.“

122 Menschen rettete die Besatzung des Tenders „Werra“ am 22. Juli von einem Schlauchboot knapp außerhalb der libyschen Gewässer

122 Menschen rettete die Besatzung des Tenders „Werra“ am 22. Juli von einem Schlauchboot knapp außerhalb der libyschen Gewässer (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Zwei Tage zuvor war diese Not hundertfach an Bord der „Werra“. Die Besatzung des Kieler Schiffes sichtete morgens vier Schlauchboote, darin Hunderte Menschen, Schleuser hatten sie in der Nacht in Libyen aufs Wasser geschickt. Drei Seemeilen (etwa sechs Kilometer) außerhalb der Hoheitsgewässer machten sich die Speedboot-Besatzungen und das Boarding-Team der „Werra“ klar. Der Force Commander des Sophia-Verbands hatte den Auftrag erteilt, die Menschen aus einem der Schlauchboote an Bord zu nehmen. 122 waren es, darunter 27 Frauen und zwei Kinder. Das jüngste gerade einmal einen Monat alt.

Die geretteten Menschen werden auf das Schiff „MV Siem Pilot“ der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX gebracht, damit der Tender weiter im Einsatzgebiet bleiben kann

Die geretteten Menschen werden auf das Schiff „MV Siem Pilot“ der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX gebracht, damit der Tender weiter im Einsatzgebiet bleiben kann (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

„Um 12.30 Uhr“, sagt Eidam, „hatte die Besatzung diesen Auftrag abgeschlossen. Das Schlauchboot wurde dann als Hindernis für die Schifffahrt klassifiziert und in Brand gesetzt.“ Die Insassen wurden an das Schiff „Siem Pilot“ der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX übergeben, damit der Tender weiterhin im Einsatzgebiet bleiben konnte.

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„Schakale“ bei der Seenotrettung

In der Nähe der Seenotrettungen halten sich oft verdächtige kleine Boote auf. „Schakale“ nennen die Soldaten diese Fahrzeuge

In der Nähe der Seenotrettungen halten sich oft verdächtige kleine Boote auf. „Schakale“ nennen die Soldaten diese Fahrzeuge (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Noch während der Seenotrettung überprüften die Speedboote ein kleines Boot, das sich in der Nähe der Seenotrettungen aufhielt. Korvettenkapitän Preuß, der Kommandant der „Werra“ erklärt: „Wir haben es immer wieder mit kleinen Fahrzeugen zu tun, die sich auffällig nahe bei den Seenotrettungen aufhalten. Sie geben vor, zu fischen, warten ab, wie sich die Kriegsschiffe verhalten.“ Schakale nennen die Soldaten diese kleinen Boote. „Wenn sie etwas mit der Schleuserei zu tun haben, beschlagnahmen wir das Fahrzeug, so wie wir es am 9. Juli getan haben. Dazu müssen wir einen Anhaltspunkt haben. Zum Beispiel, wenn das Boot vorher ein Flüchtlingsboot geschleppt hat.“ Das Boarding-Team überprüft das kleine Boot, darüber kreist ein Hubschrauber des Verbandes. Die Soldaten weisen das kleine Fahrzeug an, von dannen zu ziehen. „Es gab“, so der Kommandant, „von diesem Fahrzeug keine Aufnahmen, die gezeigt hätten, dass wir es mit Verdächtigen zu tun haben.“ Das Fahrzeug fährt davon. Immer bleiben Zweifel, ob es sich nicht doch um Schleuser gehandelt haben könnte.

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Ein trauriger Anblick – 400 Menschen auf 15 Metern

Tags zuvor machte sich die spanische Fregatte „Reina Sofia“ in Catania (Italien) auf den Weg zurück ins Einsatzgebiet. Dort hatte sie drei Schleusereiverdächtige an die italienischen Behörden übergeben, deren Fahrzeug am 19. Juli kurz vor den libyschen Hoheitsgewässern beschlagnahmt worden war. Auch hier dasselbe Muster: Sie hatten sich mit ihrem kleinen Boot in der Nähe einer Seenotrettung aufgehalten, wurden aber vorher dabei beobachtet, wie sie ein mit Flüchtlingen besetztes Boot in Schlepp genommen hatten.

Das irische Patrouillenboot „LÉ James Joyce“ rettete Hunderte Menschen von einem 15 Meter langen Metallboot

Das irische Patrouillenboot „LÉ James Joyce“ rettete Hunderte Menschen von einem 15 Meter langen Metallboot (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

An diesem Tag wurden mehrere Hundert Menschen von Nichtregierungsorganisationen, Schiffen der Operation Sophia und dem irischen Patrouillenboot „LÉ James Joyce“ aufgenommen. Der Tender „Werra“ erhielt später den Auftrag, das Metallboot zu versenken, von dem die irische Besatzung Menschen aus Seenot gerettet hatte.

Unter Deck saßen Hunderte Menschen dicht an dicht . Es riecht nach Kot und Urin

Unter Deck saßen Hunderte Menschen dicht an dicht . Es riecht nach Kot und Urin (Quelle: Bundeswehr/Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

„Vorher musste unser Boarding-Team dieses Boot durchsuchen. Das tun wir, um zurückgelassene Gegenstände sichern zu können“, so der Kommandant. Den Soldaten, die an Bord des Metallboots gingen, bot sich ein trauriger Anblick. Auf 15 Metern Länge hatten Schleuser etwa 400 Menschen zusammengepfercht. Von Oberdeck des blauen Bootes führen drei Luken ins Innere, unter Deck. Dort saßen neben einem alten Dieselmotor diejenigen, die den Schleusern am wenigsten bezahlen können. „Wenn das Boot kentern sollte“, so der Kommandant, „bedeutet das für sie den sicheren Tod. Soviel zu der Mär, dass Holz- oder Metallboote sicherer seien als Schlauchboote.“ Auf dem Boot überall Kleidungsstücke, Schuhe, Wasserflaschen. Unter Deck Kot und Urin. „Es hat unglaublich gestunken“, erzählt einer der Soldaten, die das Boot durchsucht haben. Um 16.30 Uhr versinkt das leere Boot im Mittelmeer.

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Stand vom: 29.07.16 | Autor: Bastian Fischborn


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