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Nach Afghanistan und zurück – auf dem Weg zum Presseoffizier Reisebericht Teil II

Mazar-e Sharif, 29.12.2014.

Hauptmann Dominik W. wird durch das Presse- und Informationszentrum (PIZ) des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zum Presseoffizier ausgebildet. Er reist zur Unterstützung des Pressepersonals vor Ort nach Afghanistan. Er berichtet im Zuge seiner Dienstreise von seinen Erlebnissen aus dem Einsatzland.

Hauptmann W. vor der Kulisse des Marmalgebirges.

Hauptmann W. vor der Kulisse des Marmalgebirges. (Quelle: Bundeswehr/Marc Tessensohn)Größere Abbildung anzeigen

Afghanistan beginnt mit einem lauten Klopfen. Ich habe leicht verschlafen. Nach unserer Ankunft am späten Abend hatte ich nur eine Stunde geschlafen. Im Halbschlaf hatte ich den Wecker einfach wieder ausgeschaltet und halluziniert, dass der Sprecher Afghanistan mir großzügig erlaubt habe zu schlafen, so lange ich wolle. Hatte er nicht und nun klopfte er ungeduldig.

Während ich der vorausgegangenen Gruppe hinterhereile, sehe ich das Lager zum ersten Mal im Sonnenlicht. Beige ist eindeutig die dominierende Farbe. Neben den asphaltierten Wegen ziehen sich offene Kanäle, die mal schmaler, mal breiter, mal tiefer, mal flacher sind. Sie dienen dem Abfluss des Schmelzwassers vom angrenzenden Marmalgebirge, welches sich besonders im Frühjahr seinen Weg quer durch das Lager bahnt. Unsicher folge ich der erstbesten Straße und hoffe, die Gruppe bald einzuholen. Unser Fotograf der hinter mir herrennt hat auch nur eine grobe Vermutung wo es lang geht, aber sie ist richtig und wir kommen dennoch pünktlich an.

In den kommenden Tagen lernen wir das Lagerleben einigermaßen kennen und unsere Orientierung wird laufend besser. Das Lager ist in Baufelder unterteilt, wie ich bei einem Interview, das ich begleite, erfahre. Diese Entscheidung wurde irgendwann bei der Erkundung des Geländes gefällt und zieht sich bis heute durch. Immer wieder werden Baufelder erfolgreich als Treffpunkte ausgemacht und man vergisst, dass es mal nach Neubaugebiet und Bauerschließungsmaßnahme geklungen hat. Die meisten der Baufelder sind aber bereits zurück- oder zumindest umgebaut. Das Ende des International Security Assistance Force - Einsatzes ist überall sichtbar. Von über 3.000 deutschen Soldaten zu Spitzenzeiten in diesem Lager sind wir zum Zeitpunkt unseres Besuches nun erstmals unter 1.000 angekommen.

Insbesondere im Norden des Lagers, dass für amerikanische Truppen 2009 nochmal erweitert wurde, sind häufig nur noch Betonflächen zu sehen. Zeugen der amerikanischen Zelte, die vor kurzem noch auf ihnen standen. Denn im Gegensatz zu den sandfarbenen Schutzunterkünften der Deutschen, den sogenannten Sheltern, nutzen die US Streitkräfte hauptsächlich Zelte zum schnellen und kostengünstigen Aufbau von temporären Lagern. Das bedeutet aber auch, dass man bei Beschuss aus dem Zelt laufen muss, um sich in einer der davor befindlichen Betonschutzröhren zu schützen. Bisher wurden wir nicht beschossen. Die zentimeterdicken Stahlwände um mein Bett herum beruhigen aber ungemein.

Am zweiten Tag habe ich Gelegenheit das Treiben am Main Gate, dem Haupttor, zu beobachten. Mongolische Soldaten zeichnen für die Sicherheit am inneren Tor dieser langen Sicherheitsschleuse verantwortlich und afghanische Sicherheitskräfte am äußeren Tor. Während das äußere Tor eine Stacheldrahtrolle ist, an der zwei bis drei Afghanen ihren Dienst verrichten, folgt nach einem Parcours mit mehreren Geschwindigkeitshemmern, ähnlich denen, die man aus deutschen Städten kennt, das große Haupttor, bestehend aus einer überdachten Schrankenanlage mit mehreren Zufahrten und einem länglichen Gebäude für die Personenkontrolle, inklusive Räumen zum Abtasten. Alles eingerahmt von den gerne übereinander gestapelten Hescos, quadratischen, nach oben hin offenen Gitterboxen, in denen robuste sandfarbene Säcke hängen, die mit Sand und Geröll gefüllt werden und so Schutz gegen Angriffe aller Art bieten und nach ihrer Herstellerfirma benannt sind.

Steht man zwischen sieben und acht vor dem Haupttor kann man außer der mongolischen Wache auch die afghanischen Ortskräfte sehen, wie sie zu Dutzenden aus der Personenkontrolle kommen. Die meisten eher mit dem aus dem Fernsehen bekannten Erscheinungsbild mit Bart und schlichter Kleidung. Manche aber auch zunehmend westlich gekleidet mit bevorzugt amerikanischen Slogans auf der Brust, Jeans und sandfarbenen Kampfstiefeln von einer der ISAF Nationen. Viele grüßen freundlich, manche machen lieber einen Bogen um den merkwürdigen ausländischen Soldaten, der sie vor dem Tor stehend und mit einem Notizbuch bewaffnet anstarrt.

Reger Verkehr auf der Lagerstraße

Reger Verkehr auf der Lagerstraße (Quelle: Bundeswehr/Marc Tessensohn)Größere Abbildung anzeigen

Ein kleiner weißer Bus fährt zur gleichen Zeit gemütlich tuckernd auf der Lagerstraße Richtung Tor und sammelt nach einem von außen nicht erkennbaren Muster alle paar Meter einige Arbeiter auf oder fährt an ihnen vorbei. Kurz vor der Schrankenanlage wendet er wieder und rollt gemächlich wieder zurück in Richtung Lager. Dabei passiert er auch die afghanische Küche, die für die afghanischen Arbeiter im Lager eingerichtet ist. Ein eher bescheidener Bau mit einem kleinen Blechrohr als Schornstein, aus dem beharrlich dunkelgrauer Rauch steigt. Ein Kamerad schlägt vor, dort mal essen zu gehen, warnt aber, dass schon einige verwöhnte deutsche Mägen der Herausforderung nicht standgehalten hätten. Ich denke an die Zeit zurück, als ich immer vorn sitzen musste im Auto und mir bis zur vierten Klasse noch immer ein Strauß Petersilie von meiner Mutter um den Hals gebunden wurde, um meiner hartnäckigen Reiseübelkeit vorzubeugen und verschiebe den Besuch auf ein späteres Datum.

Ehrenhain für Gefallene Soldaten im Camp Marmal

Ehrenhain für Gefallene Soldaten im Camp Marmal (Quelle: Bundeswehr/Marc Tessensohn)Größere Abbildung anzeigen

Am Ehrenhain für die Gefallenen folgt der Kleinbus der Straße nach rechts und verschwindet aus meinem Blickfeld als er den afghanischen Markt passiert. Der Markt besteht aus vielleicht einem Dutzend Containern, die so gestellt sind, dass ein U-förmiger Weg durch den Markt entsteht. Zweifellos die besten Geschäfte macht der Händler gleich im ersten Container, der Stickereien anbietet. Eine sehr gute Geschäftsidee in einem Lager voller Uniformierter, die als einziges Zeichen der Individualität selbst erdachte Klettaufnäher, sogenannte Patches, tragen.

Stickerei auf dem lokalen Markt im Camp Marmal.

Stickerei auf dem lokalen Markt im Camp Marmal. (Quelle: Bundeswehr/Marc Tessensohn )Größere Abbildung anzeigen

Auch die Einheiten wollen individuelle Abzeichen und sogar die Namensschilder können hier mit deutscher und/oder afghanischer Flagge und Übersetzung auf Dari genäht werden. Kostenpunkt drei Euro pro Stück. Entsprechend floriert der erste Container, so dass der Inhaber trotz der Truppenreduzierung in einem dicken Auftragsbuch blättern kann, als ich nach meiner Bestellung frage.

Hinter dem Markt beginnt das Lager mit seinen Sheltern (Unterkünfte) und Lagern. Ganz im Norden das Rollfeld des Flughafens, dessen südliche Hälfte schon zum Lager gehört und durch Wälle, lange Tore vom nördlichen zivilen Flughafen getrennt ist. Die Bewachung des Tores wird durch ungarische Sicherungskräfte sichergestellt. Südlich davon an der langen von Ost nach West verlaufenden Straße, auf der nun auch der kleine Bus verschwunden ist, haben die meisten Einheiten Ihre Hallen. An dieser Straße liegt die deutsche Dining Facility oder kurz DFac, also die deutsche Truppenküche.

Die Küche ist einer der wichtigsten Orte des Lagers, denn hier treffen sich die Soldaten bis zu drei Mal am Tag. Die Truppenküche ist ein großer Raum mit einem Eingang auf der einen und dem Ausgang auf der anderen Seite. Wenn man durch eine der Seitentüren eintritt steht man zunächst in einem kleinen Vorraum mit etwa 10 Waschbecken. Überhaupt sind die Spender für Desinfektionsmittel und Waschbecken gut verteilt im Lager und nie weit entfernt. Hygiene ist eine der zentralen Säulen für eine sichere Rückkehr nach Hause.

Der eigentliche Küchenraum beginnt mit einem Empfang hinter zwei großen Flügeltüren. Dort muss man sich ausweisen oder anderweitig glaubhaft machen, dass irgendjemand dem zivilen Betreiber der Speisekammer Geld zahlt für den gewünschten Verzehr. Seit meinem ersten Morgen, an dem ich so rüde geweckt wurde, geht es zum üppigen Frühstücksbuffet welches sich rechts vom Eingang befindet und vom einfachen Soldaten bis zum General jeden Besucher mit einer Brot- und Brötchenauswahl, Aufschnitt (auch vom Schwein), Käse, Müsli, Obst und Gemüse sowie einer eigenen Kaffeebar samt Barista glücklich macht. Links vom Eingang stehen Tischreihen, um die gesammelten Waren auf zivilisierte Weise dem Magen zugänglich zu machen. An den Wänden und den roten Stützsäulen hier und da Fernseher, die das hauseigene Bundeswehr TV, Al Jazeera und Euronews übertragen.

Dominik W. auf dem Weg zum Presseoffizier

Dominik W. auf dem Weg zum Presseoffizier (Quelle: Bundeswehr/Marc Tessensohn)Größere Abbildung anzeigen

An der gleichen Straße, an der die Küche liegt, findet sich auch eine kleine Kapelle. Sie liegt auf halber Strecke der Ost-West-Straße und dient sowohl den evangelischen, wie den katholischen Soldaten als Gotteshaus. An der Kapelle geht die vielleicht zweitwichtigste Straße des Lagers ab in Richtung Süden. Folgt man diesem Weg, passiert man zunächst das Atrium zur Linken. In diesem Viereckigen Bau mit Innenhof befinden sind einige Truppenbetreuungseinrichtungen, wie ein Kraftraum oder die Oase, eine von der evangelische und katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuungbetriebene Gastwirtschaft. Gegenüber befindet sich der Marketenderladen, ein kleines Geschäft betrieben durch die Logistikkompanie und daneben die Feldpost, eine kleine Postfiliale, die sich großer Beliebtheit erfreut und die betrieben wird von Postbeamten, die sich als Resevisten für einen Einsatz freiwillig gemeldet haben.

Fährt man weiter Richtung Süden folgen dann noch die ABC-Abwehrkompanie zur Linken, Radio Andernach zur Rechten und der mittlerweile verwaiste norwegische Bereich des Lagers, in dem noch zwei zivil betriebene Geschäfte für den täglichen privaten und militärischen Bedarf zur Verfügung stehen, sowie eine kleine Pizzeria von deren Dach man einen weitläufigen Blick über das Lager hat. In der Ferne sieht man Lagerhallen, umzäunte Bereiche und vor allem das malerische Marmalgebirge, mal schroff, mal glatt, im Vordergrund erst wellig, dann hügelig und die Spitzen schon mit Schnee bedeckt.

Beschreibt man das Lagerleben so, könnte man vergessen, was man immer und aus jedem Blickwinkel sieht: die Sicherungsmaßnahmen. Hoch über unseren Köpfen schwebt beispielsweise der Blimp, ein zeppelinförmiger Heliumballon, der über ein Stahlseil in der Flughöhe reguliert wird, ansonsten aber fest über dem Lager schwebt. Mit Aufklärungstechnik versehen, überwacht er alle Bewegungen rund um das Lager. Ein Lager, das von einer dicken Mauer eingerahmt ist. Vom Dach der Pizzeria erkennt man das Ende des Aktionsradius der im Lager geschützten Soldaten gut. Sicherheit, die erarbeitet wird. Jeder Soldat ist bewaffnet. Vor den Sportanlagen stehen Wachen, die sogenannten Guardian Angels. Und es wird dem Beochbachter wieder klar, dass all die Annehmlichkeiten letztlich Ablenkung sind von der Bedrohungslage, der Enge und dem Heimweh.

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Stand vom: 19.01.15 | Autor: Dominik W.


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