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Ich bin iM EINsatz: „Bonne journée“ – Ein Franzose auf der „Datteln“

In See, 17.08.2016.


Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In allen deutschen Einsatzgebieten leisten unsere Soldaten täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Mein Einsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Oberleutnant zur See Pierre M. in der Brückennock des Minenjagdbootes „Datteln“. Nach der Seeoffizier-Ausbildung in Frankreich kam er direkt auf das deutsche Boot. (Quelle: Bundeswehr/PAO Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Ich bin Oberleutnant zur See Pierre M. und komme aus Frankreich. Seit September 2015 gehöre ich als französischer Austauschoffizier zur Besatzung „Echo“ auf dem Minenjagdboot "Datteln". Ich arbeite hier als „III WO“ (gesprochen: Drei-W-O) - als Dritter Wachoffizier. Es ist für mich die erste Verwendung als Seeoffizier nach meiner Ausbildung, die ich 2015 an der Marineoffiziersschule in Brest (Frankreich) abgeschlossen habe. Der Einsatz bei EUNAVFOR MED Operation Sophia ist auch mein erster Auslandseinsatz.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

Seemännische Manöver gehören zum Tagesgeschäft der Seeoffiziere. Dazu gehören Manöver auf engstem Raum – wie die Versorgung in See. (Quelle: Bundeswehr/PAO Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

An Bord der „Datteln“ leite ich eine „Fahrwache“, so nennen wir das Team auf der Brücke. Wir fahren das Boot, um unsere Einsatzaufträge durchzuführen. Ich entscheide über Kurs und Fahrt des Bootes und bin dem Kommandanten verantwortlich für die Entscheidungen, die ich auf der Brücke treffe. Um das Lagebild zu erstellen und das Boot einzusetzen, habe ich eine ganze Menge Personal zur Verfügung: Navigateure, eine Operationszentrale, Radarbediener, einen Brückenmaaten, Soldaten für die taktische Kommunikation, Ausgucks und Rudergänger. Schließlich müssen wir jederzeit wissen, was um das Boot herum oder im Verband passiert. So können wir den Kommandanten bei seinen Entscheidungen beraten und unterstützen.

Mit unserer Operationszentrale tragen wir zum Lagebild aller Schiffe und Flugzeuge im Verband bei. Dafür setze ich Schwerpunkte für die Soldaten an den Radaranlagen und an der Lagebildkonsole. Ich bewerte deren Meldungen und verteile Informationen. Wir haben auf der „Datteln“ ein Zwei-Wachen-System. Das bedeutet, dass ich nach sechs Stunden auf der Brückenwache sechs Stunden frei habe, bevor ich wieder auf der Brücke stehe.

Pierre und sein „Backseater“, der Erste Wachoffizier. Noch schaut er dem jungen französischen Offizier über die Schulter – bis dieser seinen Ersten Leistungsnachweis erhalten hat. (Quelle: Bundeswehr/PAO Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Als junger Wachoffizier leite ich auch Seemännische Manöver in meiner Wache – zum Beispiel das Anlegen in einem Hafen, längsseits gehen an ein fahrendes Schiff, oder Tanken in Fahrt. Manches Manöver erscheint leichter als das Andere, aber jedes davon hat so seine Tücken. Außerdem muss ich Notmanöver beherrschen – nautische oder technische Vorfälle, mit denen die Brücke umgehen muss, zum Beispiel ein Mann-über-Bord-Manöver oder ein Ruderversager. Aber auch die Abwehr eines asymmetrischen Angriffs muss ich einleiten können, wenn wir von Speedbooten angefahren werden, die nicht auf unsere Warnungen reagieren. Da ich noch relativ neu an Bord bin, kann ich auf die Unterstützung eines erfahrenen Wachoffiziers bauen. Er berät mich als „Backseater“, kann Fehler korrigieren. Das ist wie ein „Training on the job“.

Wenn ich sechs Stunden frei habe, bedeutet das nicht, dass ich sechs Stunden die Beine „hochlegen“ kann. Wenn der Kommandant weitere Wachoffiziere auf der Brücke oder in der Operationszentrale benötigt, dann müssen auch die ran, die frei haben. Meldungen an das deutsche Einsatzführungskommando oder das europäische Verbandshauptquartier müssen verfasst, deren Befehle ausgewertet und für das Boot umgesetzt werden. Der Einsatz muss in einem Einsatztagebuch, mit Fotos, Video- und Tonaufnahmen dokumentiert werden – typische Aufgaben aller Seeoffiziere an Bord.

Wichtig ist mir die Ausbildung – theoretisch und praktisch. Natürlich muss ich mich durch taktische Anweisungen wühlen, fachliche Dokumentationen und Vorschriften kennen. Aber gerade das Praktische macht mehr Freude – Ausbildung in der Bedienung der Waffen, in Navigation, taktischem Fahren. Wir „quizzen“ uns während der Fahrwache mit anderen Offizieren, um unser Wissen zu verbessern.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Manövrieren auf engstem Raum und in Fahrt. Das Minenjagdboot „Datteln“ geht in Fahrt an den Tender „Werra“ längsseits. Die Seeoffiziere sind dem Kommandanten verantwortlich für die Besatzung und das Boot. (Quelle: Bundeswehr/PAO Tender Werra)Größere Abbildung anzeigen

Als Wachoffizier hat man eine große Verantwortung. Das ist das Besondere an unserer Arbeit. Wir tragen schließlich Sorge für alle Kameraden an Bord, die sich darauf verlassen, dass wir richtige Entscheidungen treffen. Wir fahren auf einem Boot, welches etwa hundert Millionen Euro teuer ist und haben einen Auftrag des Deutschen Bundestages, im Topp weht die Bundesdienstflagge der Seestreitkräfte. Ob im Einsatzgebiet oder bei scheinbar einfachen Seefahrten zur Ausbildung in deutschen Gewässern – die Seefahrt birgt immer Gefahren, so gut die Technik auch sein mag. Viel bedeutet mir als französischer Austauschoffizier auch einfach der interkulturelle Austausch mit der Crew.

Das vermisse ich hier am meisten.

Am meisten vermisse ich die grüne Natur und einfache Sachen, die man auf See nicht genießen kann. Spaziergänge, Radio hören – und natürlich französisches Essen. Das Leben in Hamburg fehlt mir auch, ich fühle mich dort sehr wohl. Wenn ich einmal wieder nach Frankreich zurückkehre, wird mir dann wahrscheinlich Hamburg fehlen. Aber das ist das Los der Seeleute – und der Preis für den Beruf. Die Seefahrt ist ja das, was mir Spaß macht und wofür ich mich bewusst entschieden habe. Dafür werden wir aber auch entlohnt – wir sehen ungewöhnliche Orte, die uns sonst verborgen geblieben wären.

Das sind meine Pläne, Wünsche und Grüße.

Mein nächstes Ziel ist es, den ersten Leistungsnachweis für Minenjagdboote zu bekommen. Es ist eine Art nautisches und taktisches Patent der Deutschen Marine, der erste Schritt auf dem Weg zu einem Kommandantenzeugnis – für das man natürlich noch sehr viel mehr Erfahrung sammeln muss. Diesen ersten Leistungsnachweis zu erhalten, ist ein großer Schritt für einen jungen Offizier. Es bedeutet, dass ich ohne „Backseater“ fahren darf. Jeder Wachoffizier ist stolz in dem Moment, wenn der Kommandant die Brücke verlässt, er dort alleine als Leiter der Wache steht und merkt, dass der Kommandant ihm vertraut.

Ich möchte aber weiterhin Erfahrung und Wissen sammeln, vor allem in den Bereichen, die ich auch in Frankreich anwenden kann: Seemannschaft, Teamarbeit und taktische Operation. Wir arbeiten ja viel im Rahmen der EU und NATO zusammen. Außerdem möchte ich meine Sprachkenntnisse in Deutsch und in anderen Sprachen verbessern.


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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Pierre M.


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