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200 Kilometer in zehn Stunden – Als Militärbeobachter unterwegs im Südsudan

Rumbek (Südsudan), 06.07.2016, Bundeswehr.

Gesprächsaufklärung ist die Hauptaufgabe der VN im Südsudan. Die Wege zur Bevölkerung in den kleinen, verstreuten Ortschaften sind oft von vielerlei Hindernissen geprägt. Hauptmann Mario K. ist ein Militärbeobachter bei UNMISS im jüngsten Staat der Erde. Er berichtet von Begegnungen in einem Dorf und von der Begleitung von Hilfskonvois, die ebenfalls zu seinen Aufgaben gehört.

200 Kilometer Autofahrt – hört sich nicht viel an. Doch wenn man dafür zehn Stunden braucht, wird es interessant. Die Straßenverhältnisse im Südsudan sind schlechter als jeder Panzer-Treck auf dem Truppenübungsplatz im niedersächsischen Munster. 200 Kilometer sind die maximale Distanz, die man zwischen Sonnenauf- und -untergang schaffen kann. Bei der Begleitung eines Konvois der Vereinten Nationen mit Hilfsgütern reduziert sich das Ganze nochmal auf maximal 120 Kilometer. Und während der gerade vorherrschenden Regenzeit sind es manchmal auch nur 50 Kilometer am Tag.

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Sechs Fahrzeuge – die Patrouille

Nach eineinhalb Stunden mit 30 km/h ist Zeit für die erste Pause

Nach eineinhalb Stunden mit 30 km/h ist Zeit für die erste Pause (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Wir starten um 8:00 Uhr, die Patrouille besteht aus sechs Fahrzeugen: Zwei kleine LKWs als Mannschaftstransporter, ein Geländewagen mit Sicherheitskräften an Bord, zwei Fahrzeuge mit Soldaten aus Nepal und unser Auto.
Die ersten 30 Kilometer sind echt mühsam, die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 20 km/h. Mehr ist einfach nicht drin. Nach eineinhalb Stunden machen wir die erste kleine Pause. Knappe zehn Minuten später geht es weiter.

Nach 35 Kilometern Richtung Südosten biegen wir in Richtung Nordosten ab. Die Strecke ist für hiesige Verhältnisse in einem guten Zustand. Es ist möglich, knapp 50 km/h zu fahren, ohne dass man Angst haben muss, dass die Kiste auseinanderfliegt. Die Autos machen hier schon Einiges mit.

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Das erste Hindernis

Eine Herde Langhornrinder versperrt die Straße

Eine Herde Langhornrinder versperrt die Straße (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Auf der Strecke kommt es immer wieder vor, dass komplette Herden von Langhornrindern über die Straße ziehen. Wir haben Mühe, an ihnen vorbei zu kommen. Wir passieren mehrere Cattle Camps, Viehlager mit bis zu 2000 Rindern. Die typischen Langhornrinder der Dinka werden nicht gegessen, sie sind heilig!
Gleichzeitig sind die Vierbeiner aber auch Hauptstreitpunkt im Land. Sie werden sich gegenseitig gestohlen, um sich eine Frau kaufen zu können. Jeder Diebstahl erwirkt die Revanche des Bestohlenen. Wird jemand bei diesen „Cattle Raids“ getötet, kann das durch 31 Kühe kompensiert werden. Hört sich für unsere Ohren unvorstellbar an, ist hier aber gängige Praxis. That‘s South Sudan.

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Das Ziel ist erreicht

Nepalesische UN-Schutzkräfte bei der Mittagspause

Nepalesische UN-Schutzkräfte bei der Mittagspause (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel, eine kleine Ortschaft namens Amok-Piny Payam, im Nordosten vom Rumbek County East.
Wir fahren zum Haus des Ortsvorstehers, wollen Informationen zur Sicherheitslage in diesem Gebiet gewinnen. Leider sind weder der Ortsvorsteher noch irgendein Dorfpolizist da.

Mit dem Übersetzer Yohanna (Mitte) und der Dorfbevölkerung von Amok-Piny Payam

Mit dem Übersetzer Yohanna (Mitte) und der Dorfbevölkerung von Amok-Piny Payam (Quelle: Bundeswehr/PAO UNMISS)Größere Abbildung anzeigen

Ich begebe mich mit unserem Übersetzer Yohanna unter das Volk. Es ist nicht schwer mit Südsudanesen ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist immer, freundlich zu wirken und sie mit einem Lächeln zu begrüßen. In den meisten Fällen funktioniert das als „Icebreaker“. Spätestens wenn ich mich vorgestellt habe und erwähne, dass ich aus Deutschland komme, entgegnet mir ein Lächeln und der folgende Smalltalk leitet die erste Gesprächsphase ein.

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Aufwärmen ist immer wichtig

Diese zeitlich variable Aufwärmphase sollte bei der Gesprächsführung stets beachtet, und keinesfalls als unwichtig angesehen werden. Je besser diese Einstiegsphase läuft, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, relevante Informationen im Gespräch gewinnen zu können. Witzig ist, dass mein Vorname, wie bei den meisten Dinka in diesem Gebiet, mit den Buchstaben Ma beginnt. Sie geben hier stets ihren Söhnen Namen, die ebenfalls mit dieser Buchstabenkombination beginnen. Dieser Zufall ist für die Herstellung der Beziehungsebene ein nicht unerheblicher Vorteil.

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Fünf Lehrer für 500 Schüler

Die Bevölkerung ist den Blauhelmsoldaten freundlich gesinnt

Die Bevölkerung ist den Blauhelmsoldaten freundlich gesinnt (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Während des Gesprächs mit den Dorfbewohnern stellt sich der örtliche Lehrer als wichtige Informationsquelle heraus. Ich unterhalte mich mit ihm sehr angeregt und bekomme einen guten Kontakt zu ihm. Er ist auch der Englischlehrer in seiner Schule. Es gibt im Ort noch vier weitere Lehrer.
Da die Regierung faktisch zahlungsunfähig ist, haben sie seit drei Monaten kein Gehalt mehr erhalten. Mein Gesprächspartner verdient 300 südsudanesische Pfund, umgerechnet etwa zehn 10 US-Dollar.
Er macht auf mich einen netten und freundlichen Eindruck. Er erzählt mir, dass insgesamt etwa 500 Schüler aus den umliegenden Gebieten seine Schule besuchen. Einige von ihnen würden dafür bis zu neun Kilometer durch den Busch laufen müssen. Wir fahren zur Schule, ich will mir ein Bild machen.

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Die Ruine ist die Schule

Dies ist leider nicht die Schule, sondern eines der eher besseren Häuser im Südsudan

Dies ist leider nicht die Schule, sondern eines der eher besseren Häuser im Südsudan (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Hätte er sie mir nicht gezeigt, hätte ich die Schule als solche nicht erkannt. Es sind eigentlich nur ein paar Sitzbänke, wie sie in Deutschland für Spaziergänger im Wald stehen und eine Ruine eines Hauses ohne Dach. Das bedeutet, dass während der Regenzeit kein Unterricht stattfindet. Ich habe im späteren Patrouillenbericht den Vorschlag unterbreitet, hier für wenig Geld ein UN-Projekt zu starten und ein Dach zu errichten. Wir machen uns auf den Rückweg.

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Das Abenteuer Rückweg

Bei der Rückkehr nach Rumbek ist alles überflutet

Bei der Rückkehr nach Rumbek ist alles überflutet (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Am Horizont sind dunkle Wolken zu erkennen. Es scheint, als ob es im Bereich Rumbek richtig stark regnen würde. Dort angekommen, ist alles überschwemmt. Vor zehn Stunden war es rund um die Base noch staubig und trocken, und nun sind überall große Pfützen.
Ich bin nach knapp 200 Kilometern Offroad geschafft, aber es hat mich persönlich erfüllt und bereichert. Das Schöne ist, beispielsweise im Vergleich zu Afghanistan, dass wir hier nicht angegriffen werden und der Großteil der Bevölkerung positiv gegenüber der VN eingestellt ist.

Der Schutz der Zivilbevölkerung hat in der UNMISS-Mission höchste Priorität und daher wurde neulich kurzfristig eine robuste Patrouille zusammengestellt. Was war passiert? Am Abend zuvor hatte ein Streit unter verschiedenen Stämmen, circa 20 Kilometer nördlich von Rumbek, zu einer blutigen Auseinandersetzung geführt Es sind zahlreiche Opfer zu beklagen. Es sollen dabei 93 Menschen, unter ihnen auch viele Frauen und Kinder, getötet worden. Der Hintergrund der Schießerei war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Unser Auftrag besteht nun darin, Hintergrundinformation durch Gesprächsaufklärung zu gewinnen.

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MLOs begleiten Hilfskonvois

UN-Hilfskonvois werden im Südsudan stets von Militärbeobachtern begleitet

UN-Hilfskonvois werden im Südsudan stets von Militärbeobachtern begleitet (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Neben dieser Tätigkeit begleiten wir regelmäßig die UN-Hilfskonvois und führen die Verhandlungen an den Checkpoints. Diese Verhandlungen sind durchaus fordernd, da die Checkpoints gern als Einnahmequelle gesehen werden. Wie die Lehrer haben alle Staatsbediensteten im Land, egal ob Polizisten oder Soldaten, seit mindestens drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Sie versuchen nun, an den Checkpoints an etwas Bargeld zu kommen.

Das Zelt wird zum Nachtlager bei der Begleitung der Konvois

Das Zelt wird zum Nachtlager bei der Begleitung der Konvois (Quelle: Bundeswehr/Mario K.)Größere Abbildung anzeigen

Die VN-Konvois werden über die gesamte Strecke von verschiedenen MLO-Teams begleitet. So bin ich dann mindestens ein oder zwei Nächte außerhalb der Base und übernachte im Zelt. Am nächsten Morgen erfolgt dann die Übergabe des Konvois an die nächsten MLOs aus dem Bundesstaat, der als nächstes durchquert wird. Das wiederholt sich von Süd nach Nord, bis das eigentliche Ziel des Hilfskonvois erreicht ist.

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Stand vom: 06.07.16 | Autor: Mario K.


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