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EU-Ausbildungsmission in Somalia: „Bildung ist der Schlüssel“

Potsdam, 20.02.2015.

Seit 2010 engagiert sich die Europäische Union mit einer Trainingsmission beim Aufbau somalischer Streitkräfte (EUTM Somalia). Während deutsche Soldaten somalische Armeeangehörige bis Ende 2013 in Uganda trainierten, erfolgt dies seit dem ersten Halbjahr 2014 in Mogadischu. Oberstleutnant Jörg Hildebrand kehrte vor kurzem nach sieben Monaten von dort zurück. Im Interview schildert er seine Erlebnisse.

Herr Oberstleutnant, Sie sind vor wenigen Tagen aus Ihrem siebenmonatigen Einsatz bei der europäischen Trainingsmission in Somalia (EUTM SOM) zurückgekehrt. Was war vor Ort Ihre Aufgabe?

Oberstleutnant Jörg Hildebrand bei der EU Training Mission in Somalia

Oberstleutnant Jörg Hildebrand bei der EU Training Mission in Somalia (Quelle: Bundeswehr/Jörg Hildebrand)Größere Abbildung anzeigen

Als Teil eines multinationalen „Strategic Advisory Teams“ habe ich das somalische Verteidigungsministerium und den somalischen Generalstab beraten und beim Aufbau der somalischen Streitkräfte unterstützt. Darüber hinaus war ich Vorgesetzter aller deutschen Soldaten in der Mission und das Bindeglied zum Einsatzführungskommando.

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Wie sieht der deutsche Beitrag bei der Ausbildung somalischer Soldaten derzeit aus und wie gliedert er sich in das europäische Engagement im Rahmen dieser Mission am Horn von Afrika ein? Wie verläuft die Zusammenarbeit mit anderen Nationen innerhalb der Mission?

Derzeit befinden sich noch zwei weitere Offiziere im Stab der Mission, außerdem drei Ausbilder im multinationalen Ausbildungsteam und zwei weitere deutsche Soldaten als Unterstützungselement im Land.

Unterricht für somalische Soldaten

Unterricht für somalische Soldaten (Quelle: Bundeswehr/Pierre Schubjé)Größere Abbildung anzeigen

Deutschland beteiligt sich an mehreren Kursen für die somalischen Streitkräfte. Unter anderem an einer Ausbildung, bei der den somalischen Soldaten die Organisation einer Kompanie vermittelt werden. Die Herausforderung besteht darin, diese komplexen Zusammenhänge den Somaliern beizubringen, die weder lesen noch schreiben können. Sie müssen bedenken, dass dort keine militärischen Strukturen bekannt sind, dass die Bevölkerung jahrzehntelangen Bürgerkrieg erleben musste und kaum öffentliche Ordnung existiert.

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Bis zum Ende des Jahres 2013 bildete EUTM SOM somalische Sicherheitskräfte in Uganda aus, auch aus Sicherheitsgründen. Seit 2014 erfolgt das Training nun in Mogadischu. Wie konnten Sie in Somalia Ihren Ausbildungsauftrag erfüllen? Gab es kritische Situationen oder gar konkrete Bedrohungslagen?

Die Ausbildung in Uganda war einfacher, die Rahmenbedingungen weitaus leichter. Dort standen die Somalier sechs Monate lang, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche für die Ausbildung zur Verfügung. Das Umfeld war sicher und es bestand keine unmittelbare Bedrohung von außen oder innen. Die europäischen Ausbilder teilten sich in Uganda das Ausbildungslager mit den somalischen Soldaten und den ugandischen Gastgebern.

Rekruten der Somalia National Army bei einer Indienststellungs-Zeremonie

Rekruten der Somalia National Army bei einer Indienststellungs-Zeremonie (Quelle: Bundeswehr/Jörg Hildebrand)Größere Abbildung anzeigen

Die somalischen Streitkräfte wurden aber im Rahmen der Mission immer enger unterstützt und beraten, nicht mehr nur ausgebildet. Damit war verbunden, die Mission nach Mogadischu zu verlegen. Dieser Wechsel des Missionsstandorts trägt zur Stärkung der somalischen Eigenverantwortung bei – auch wenn die Rahmenbedingungen für die Ausbildung auf den ersten Blick schwerer sind als in Uganda.

In Somalia ist das Personal der EUTM aus Sicherheitsgründen in einem Camp auf dem Gelände des internationalen Flughafens von Mogadischu untergebracht. Das Gelände wird durch die Truppen der AMISOM (African Union Mission in Somalia) abgesichert.

Das Ausbildungslager, das „Jazeera Training Camp“, liegt außerhalb dieses gesicherten Bereiches. Daher müssen die Ausbilder täglich mit geschützten Fahrzeugen und unter militärischer Sicherung dorthin fahren. Sowohl die somalischen Soldaten als auch die Ausbildungseinrichtungen auf dem Gelände werden auf versteckte Waffen oder Sprengsätze untersucht. Erst dann kann die Ausbildung beginnen. Außerdem bleiben immer sogenannte „Guardian Angels“ zur Absicherung der Ausbilder vor Ort.

Während meiner Zeit in Mogadischu ist es zu keinen nennenswerten kritischen Situationen gekommen. Eine abstrakte Gefährdungslage lag jedoch immer vor. Es verging kein Tag in Mogadischu ohne Attentat oder Schießerei, allerdings nie konkret gegen EUTM SOM gerichtet.

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Wie muss man sich Unterbringung, Transport und Versorgung für die deutschen Soldaten, gerade in einem solchen Einsatz vorstellen, in einem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land?

Ein Flugzeug des Welternährungsprogramms am Flughafen von Mogadischu

Ein Flugzeug des Welternährungsprogramms am Flughafen von Mogadischu (Quelle: Bundeswehr/Pierre Schubjé)Größere Abbildung anzeigen

EUTM SOM ist in einem gesicherten Camp auf dem Flughafengelände untergebracht, das durch einen zivilen Anbieter betrieben wird. Die Unterkünfte bestehen überwiegend aus umgebauten Seecontainern. In jedem Container sind zwei Stuben mit jeweils einer Nasszelle eingerichtet, die Stuben jeweils mit zwei Soldaten belegt. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse in unmittelbarer Nähe zum Äquator sind alle Unterkunftscontainer oder Büroräume klimatisiert.

Der Betreiber des Camps sorgt auch für die Versorgung und Verpflegung. Einkaufsmöglichkeiten bestanden anfänglich überhaupt nicht. Erst nach und nach haben sich einige, sehr eingeschränkte Einkaufsmöglichkeiten für Dinge des täglichen Bedarfs auf dem Flughafengelände etabliert.

Außerhalb des Flughafengeländes kann man sich aufgrund der Sicherheitssituation lediglich mit geschützten Fahrzeugen und im Konvoi mit militärischer Sicherung bewegen. Das übernehmen Soldaten der AMISOM und italienische Fallschirmjäger. Italien trägt zurzeit bei EUTM SOM die Hauptverantwortung und stellt mit einem Brigadegeneral den Kommandeur der Mission.

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Sie hatten viel Kontakt zu somalischen Partnern. Wie wird von deren Seite das internationale Engagement beurteilt? Ist die europäische Unterstützung willkommen?

Somalische und deutsche Soldaten bei der Ausbildung im Trainingscamp

Somalische und deutsche Soldaten bei der Ausbildung im Trainingscamp (Quelle: Bundeswehr/Pierre Schubjé)Größere Abbildung anzeigen

Die somalischen Partner begrüßen das internationale Engagement in der Region sehr. Das somalische Militär schätzt insbesondere das Engagement von EUTM SOM. Schließlich ist EUTM SOM die einzige militärische Mission innerhalb der internationalen Gemeinschaft, die unmittelbar und direkt im somalischen Verteidigungsministerium unterstützt.

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Die somalischen Sicherheitskräfte sind aber immer noch im Aufbau begriffen. Gibt es Fortschritte in der Entwicklung und wagen Sie eine Prognose, wie lange sie der internationalen Unterstützung noch bedürfen?

Natürlich gibt es Fortschritte. Immerhin bildet EUTM SOM ja seit 2010 somalische Soldaten aus. Viele internationale Partner greifen der Somali National Army auch materiell unter die Arme.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass sich Somalia seit 1990 im Bürgerkrieg befand und die somalische Regierung auch heute noch nicht in allen Teilen des Landes die Kontrolle ausübt.

Durch den langen Bürgerkrieg erhielten ein bis zwei Generationen junger Menschen keine Schulbildung, der Anteil der Analphabeten ist hoch. Doch gerade gebildete Menschen werden zum Aufbau staatlicher Strukturen benötigt. Daher wird Somalia aus meiner Sicht noch viele Jahre benötigen, um wieder auf eigenen Beinen stehen zu können –vorausgesetzt, die politische Lage entwickelt sich stabil.

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Die Lage in Somalia ist etwas aus dem Fokus der deutschen Öffentlichkeit geraten. Die Piraterie an der Küste geht zwar stetig zurück, die Terrormiliz Al-Shabaab ist jedoch immer noch aktiv. Was würden Sie mit Ihren Erfahrungen und unter den frischen Eindrücken dem Land und seinen Menschen wünschen?

Ich wünsche der Bevölkerung, dass sie von Menschen regiert wird, denen das Land wichtiger als die eigene Karriere ist. Durch Bildung und Prosperität können die Grundlagen für den Terror beseitigt werden. Al-Shabaab lässt sich aus meiner Sicht militärisch nur bedingt besiegen. Letztendlich ist die Eindämmung des Terrors, wie in anderen Teilen der Welt auch, eine politische Aufgabe.

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Stand vom: 19.03.15 | Autor: PIZ EinsFüKdo Bw


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