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Einsatztagebuch Westafrika Teil 6: Eine letzte, sehr beeindruckende Woche

Monrovia / Liberia, 06.02.2015.

Montag, 26. Januar

Hauptfeldwebel Dennis K. vor seinem Einsatz

Hauptfeldwebel Dennis K. vor seinem Einsatz (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Die sechste Woche beginnt. Unglaublich, dass mein Einsatz damit dem Ende entgegen geht. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich gestern erst angekommen. An anderen Tagen habe ich das Gefühl schon eine Ewigkeit hier zu sein.
Am Morgen öffne ich das letzte Türchen in meinem Einsatzkalender. Den haben vor Abflug meine Kameraden in Köln in meine Kiste geschmuggelt. Jede Woche im Einsatz gab es ein Foto, das mich aufmuntern und bei Laune halten sollte. Das ist voll und ganz gelungen. Eine tolle Idee, für die ich mich an dieser Stelle gerne auch öffentlich bedanke.

Abends verlässt uns das Team der Redaktion der Bundeswehr aus Berlin wieder in Richtung Heimat. Sie haben in der einen Woche jede Menge Eindrücke unserer Arbeit in und von Liberia mitnehmen können. Film- und Fotoaufnahmen sind „im Kasten“. Die Fahrt zum Flughafen wird dann noch einmal richtig spannend. Das Einzige, was an einem liberianischen Fahrzeug sicher funktioniert, ist die Hupe. Die Beleuchtung hingegen ist offenbar nicht so wichtig. Trotzdem werden hier auch völlig unbeleuchtete Fahrzeuge bei Dunkelheit bewegt. Deshalb kann es schon mal passieren, dass aus der Dunkelheit plötzlich ein LKW oder ein anderes Fahrzeug auftaucht, an dem keine einzige Lampe funktioniert. So auch heute. Oberleutnant Gabi W. meistert das plötzlich auftauchende Hindernis mit Bravour und bringt uns alle sicher zum Flughafen. Liegengebliebene Fahrzeuge werden hier übrigens nicht mit Warndreiecken markiert, sondern mit großen, ausgerissenen Grasbüscheln.

Während der Fahrt bemerken wir am rechten Vorderrad ein Geräusch, als wäre ein Stein im Profil steckengeblieben. Am Flughafen stellt sich der „Stein“ als dicke Schraube heraus und ein leises Zischen kündet von Luftverlust. Also ist Muskelkraft gefragt. Das Rad ist nach gut fünf Minuten gewechselt und wir können sicher zurückfahren.

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Dienstag, 27. Januar

Heute kommen 13 große Pakete an. Wie sich herausstellt, sind es Pakete mit Spenden für Kinder. Oberfeldwebel d. R. Tino G. hat in Deutschland wohl eine kleine Spendenaktion ins Leben gerufen, um unsere Psychosoziale Station der SITTU mit Spielsachen auszustatten. Dass es so viel wird, hätte er vermutlich selbst nicht gedacht. Wir überlegen zusammen mit den Kameraden des DRK, einen Teil der Spenden an Häuser für Ebola-Waisen weiterzugeben. Tausende Kinder haben seit Ausbruch von Ebola ihre Eltern verloren.

Anstrengend: Arbeit im Schutzanzug bei den herrschenden Temperaturen

Anstrengend: Arbeit im Schutzanzug bei den herrschenden Temperaturen (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Außerdem helfe ich heute zwei Kameraden bei der Erstellung einer Präsentation und einer Taschenkarte zum Thema „Donning“ und „Doffing“ (Anlegen und Ablegen der Schutzkleidung). Sie soll für das neue Personal Anhalt und eine Stütze sein. Dazu dokumentiere ich jeden einzelnen Schritt des Ankleidens und des Ablegens des PPE (Personal Protective Equipment = Schutzanzug). Obwohl der Kamerad, der die einzelnen Schritte durchführt, sofort den Anzug wieder auszieht, ist er danach komplett durchgeschwitzt.

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Mittwoch, 28. Januar

Das zweites Kontingentfoto, diesmal mit Stativ und mir mit drauf (vorn rechts)

Das zweites Kontingentfoto, diesmal mit Stativ und mir mit drauf (vorn rechts) (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Heute mache ich das zweite Kontingentfoto. Meine Familie hatte mir ein Stativ mit der Post geschickt. So kann ich dann auch ganz bequem mit zehn Sekunden Countdown mit auf das Bild.
Mittlerweile gehören der Pressestabsoffizier und ich zum „alten Eisen“. Keiner ist aktuell länger da als wir. So langsam wird mir auch bewusst, dass es keine Woche mehr dauert, bis ich wieder in der Heimat bin. Am Freitag kommen unsere Nachfolger. Sie werden die Mission womöglich bis zum Ende begleiten.

In der Wäscherei unserer Einrichtung bei Nacht

In der Wäscherei unserer Einrichtung bei Nacht (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Außerdem ist mir noch eingefallen, was ich noch nicht fotografiert habe: Unsere SITTU bei Nacht. Das muss natürlich nachgeholt werden. Und so bin ich dann spät abends wieder „drüben“, um die Atmosphäre einzufangen.
Es ist natürlich ruhiger, aber immer noch stickig warm. Da wir mittlerweile mehrere Patienten mit möglicherweise hochinfektiösen Erkrankungen betreuen, läuft die SITTU auch nachts im Schichtbetrieb. Nurses, Sprayer, die Wäscherei - alles ist besetzt.

Im Patientenzelt huschen zwei von uns im Schutzanzug von Bett zu Bett. Sie sind es auch, die bei Anlieferung eines weiteren Patienten wieder Schwerstarbeit leisten müssen. Erst gestern haben sie eine doch recht kräftige Frau unter Vollschutz aus einem Auto geborgen. Allein dafür haben sie fast 90 Minuten gebraucht. Das kann pro Schicht sogar öfter passieren.

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Donnerstag. 29. Januar

Souvenirgeschäfte = Fehlanzeige

Souvenirgeschäfte = Fehlanzeige (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

„Bringst Du mir was mit?“ Diese Frage haben mit Sicherheit viele Kameraden aus dem Kontingent von ihren Lieben zu Hause gehört. Doch was soll man aus einem Land mitbringen, in dem es keinen Tourismus und keine Souvenirläden gibt? Es ist wirklich schwer, etwas zu finden. Viele haben einen kleinen Laden am Straßenrand, unweit unseres Hotels, ausgemacht, wo es Schnitzereien zu kaufen gibt. Doch aus welchem Holz sie sind, kann keiner beurteilen. Es wäre äußerst unangenehm bei der Einreise Probleme mit dem Zoll zu bekommen, wenn die gekaufte Figur aus schützenswertem Tropenholz besteht. So beschränken sich die Mitbringsel häufig auf die Bilder, die gemacht worden sind und die persönlichen Eindrücke von Land und Leuten.

Auf der einen Seite gerät man sehr schnell ins Schwärmen - Liberia ist auf seine eigene Weise wunderschön. Es gibt abseits von Monrovia Orte, die sind so malerisch, so fremd und so beeindruckend, dass man sich fragt: „Wieso machen die Leute nicht mehr daraus?“
Will man diese Frage beantworten, kommt man unweigerlich auf die andere Seite dieses geschundenen Landes zu sprechen. Es ist noch gar nicht lange her, dass ein Bürgerkrieg das aufstrebende Liberia wieder um Jahrzehnte zurückwarf. Viele Menschen sind traumatisiert, haben Situationen erlebt, die man sich gar nicht vorstellen mag. Dann kam Ebola und zerstörte wieder viele Familien, ließ das ohnehin kaum vorhandene Gesundheitssystem nahezu zusammenbrechen.
Das komplette soziale Leben lag fast ein Jahr komplett brach, vielen wurde durch neue Auflagen ein Großteil ihres kulturellen Erbes genommen. Hinzu kommt, dass viele Menschen hier in bitterer Armut leben, auf Tagelohn angewiesen sind, um ihre Familien durchzubringen. All das macht es den meisten Menschen fast unmöglich, „etwas daraus zu machen“.

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Freitag, 30. Januar

Die Leichen werden hier mit Pritschenlastern zum Friedhof gebracht

Die Leichen werden hier mit Pritschenlastern zum Friedhof gebracht (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Heute fahre ich noch einmal mit unserem Pfarrer zum „Discohill“-Friedhof. Dieser Friedhof, der am Heiligabend eröffnet wurde, befindet sich außerhalb Monrovias auf staatlichem Gelände. Hier finden alle Toten aus dem Einzugsbereich Monrovias ihre letzte Ruhestätte.
Wir sprechen mit dem Manager, einem Amerikaner, über dieses Projekt. Die Begräbnisse sind hier kostenlos. Allerdings werden auch alle Toten so behandelt, als wären sie hochinfektiös. Bei vielen der Toten würde man auch gar nicht wissen woran sie tatsächlich gestorben seien. Die Verstorbenen werden auch nicht, wie man das bei uns kennt, mit einem Leichenwagen angeliefert. Vielmehr liegen die weißen Leichensäcke meistens auf einem offenen Pritschenlaster, oder auch in einem angelieferten Kühlcontainer.

Die Krankheit machte auch vor den Kleinsten nicht halt

Die Krankheit machte auch vor den Kleinsten nicht halt (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Der Manager berichtet, dass an einem Tag einmal 28 Kinderleichen angeliefert wurden. Wenn man dann einen ganzen Tag nur Kinder beerdigen muss, mache das auch ihn, der bereits im Tsunamigebiet, in Sierra Leone und in Haiti geholfen habe, absolut fertig. Unser Pfarrer, der auf Wunsch in unserer SITTU die Aussegnung von Gestorbenen übernimmt, bietet seine Hilfe an, um allen ein würdiges Begräbnis zukommen zu lassen. Darüber freut sich der Amerikaner sehr.

Abends holen wir noch unsere Nachfolger für die Pressearbeit am Flughafen ab. Jetzt dauert es nicht mehr lange und ich kann in den Flieger nach Hause steigen.

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Samstag, 31. Januar

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Einweisung unserer Nachfolger. In einer mehrstündigen Fahrt durch Monrovia fahren wir einmal komplett die Kreisstraße ab. So auch auf den Somalia-Drive, den nördlichen Bogen um Monrovia. Es ist so etwas wie ein Gewerbegebiet, das aus Baustoffhandel, Schrottplätzen und anderen Läden besteht.

Alltag auf Afrikas Straßen

Alltag auf Afrikas Straßen (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Auf dem schmalen und zum Teil katastrophalen Asphaltband herrscht Chaos. Lkw an Lkw, dazwischen Mopeds, Handkarren, Straßenverkäufer, die von Auto zu Auto gehen. Wenn es auf einer liberianischen Straße einmal nicht weitergeht, fährt man eben neben der Straße weiter.
Dabei ist es dem Liberianer völlig egal, was ihm im Weg steht, oder ob er entgegen der Fahrtrichtung fährt. Wenn es dann mal nicht weitergeht, drängelt man sich eben wieder zurück auf die Straße. Tja, und dann sitzt man als Westeuropäer in so einem Chaos und kriegt den Mund nicht mehr zu.
Wir nehmen es mit Humor und warten geduldig, beschränken uns auf das Umfahren von geparkten oder havarierten Fahrzeugen, die natürlich auf der Fahrbahn instand gesetzt werden. Als dann auch noch eine Rinderherde quer durch die Fahrzeuge getrieben wird, hat das schon etwas Surreales. Aber das ist eben Afrika.

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Sonntag, 01. Februar

Heute zeigen wir unseren Nachfolgern den Marshall-Beach. Auf dem Weg dorthin, nehmen die beiden Kameraden Dinge wahr, die für uns „alte Hasen“ schon vollkommen alltäglich sind. Turmhoch bepackte Autos, Lastwagen, die so verzogen sind, dass sie beim Bremsen vier schwarze Streifen auf dem Asphalt hinterlassen würden. Palmen überall, Müllverbrennung am Straßenrand, vier Personen auf einem Moped , die Straßenverhältnisse.

Am Marshall-Beach: Den Einsatz Revue passieren lassen

Am Marshall-Beach: Den Einsatz Revue passieren lassen (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Am Marshall-Beach lasse ich für mich dann den Einsatz Revue passieren und bin gedanklich ganz, ganz weit weg. Es war eine fordernde Zeit, eine völlig andere Welt, die ich hier betreten habe. Vieles wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Abends fange ich dann an zu packen und beginne mich auf die Heimat zu freuen.

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Montag, 02. Februar

Heute ist es soweit: Es geht nach Hause! Den Vormittag verbringen wir ein letztes Mal in Monrovia, bei der Abgabe unseres Gepäcks. Acht Soldaten werden heute zurückfliegen. Da ich einen dienstlichen Koffer als Übergepäck für Kamera, Laptop und den ganzen dazugehörigen Kleinkram habe, wechseln 200 US-Dollar den Besitzer. Gott sei Dank ist unser Spieß (Kompaniefeldwebel) dabei, der das übernimmt. Ich hätte das nicht mehr bezahlen können, da meine Kasse das nicht mehr hergibt und meine Kreditkarte nicht für Afrika freigeschaltet war.
Offenbar war es trotz aller Bemühungen nicht möglich, dieses Extragepäck vorab auf mein Ticket zu buchen. Das wundert mich zwar, aber bei manchen Dingen denke ich mittlerweile afrikanisch. Dann klappt es eben irgendwie anders.

Die Verabschiedung – es geht nach Hause

Die Verabschiedung – es geht nach Hause (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Die Verabschiedung ist schön. Jetzt stehe ich auch da vorne und sage dem Kontingent meine „letzten Worte“: „Ich wollte einmal im Leben mit Profis arbeiten, nur für fünf Minuten. Hier hatte ich das Privileg sechs Wochen lang mit Profis zu arbeiten. Dafür danke ich Euch sehr.“

Auf der Fahrt zum Flughafen kreisen meine Gedanken. Ein letztes Mal ertrage ich die schwüle Hitze am Flughafen, den launischen Afrikaner, der mein Handgepäck durchschaut und freue mich, als ich endlich die Maschine betrete, die um 21:30 Uhr abhebt und uns zunächst nach Brüssel bringt.

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Stand vom: 05.02.15 | Autor: Dennis K.


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