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Ich bin iM EINsatz: „Für mich zählt allein der Mensch.“

In See, 04.05.2016.


Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten unsere Soldaten täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Mein Einsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Militärseelsorger Bernhard Jacobi auf dem EGV „Frankfurt am Main“: „Es bewegt mich, wie viel Vertrauen man mir schenkt.“
Militärseelsorger Bernhard Jacobi auf dem EGV „Frankfurt am Main“: „Es bewegt mich, wie viel Vertrauen man mir schenkt.“ (Quelle: Bundeswehr/PAO EGV „Frankfurt am Main“)Größere Abbildung anzeigen

Mein Name ist Bernhard Jacobi, ich bin 51 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Seit gut drei Jahren bin ich Militärseelsorger auf dem Marinestützpunkt der Einsatzflottille 2 in Wilhelmshaven. Zuvor war ich 20 Jahre lang als Gemeindepfarrer an verschiedenen Orten tätig: Bonn, im Bundesstaat Virginia an der Ostküste der USA, zuletzt in der Nähe von Aachen. In meiner Freizeit fahre ich gerne Motorrad.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

Bei der Vorbereitung eines Gottesdienstes an Bord
Bei der Vorbereitung eines Gottesdienstes an Bord (Quelle: Bundeswehr/PAO EGV „Frankfurt am Main“)Größere Abbildung anzeigen

Zurzeit bin ich für drei Monate auf dem Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“ im EUNAVORMED-Einsatz im Mittelmeer.

Als Seelsorger stehe ich allen Besatzungsmitgliedern jederzeit als Gesprächspartner zur Verfügung. Natürlich unterliege ich dabei der Schweigepflicht, das ist mir wichtig. Ob es einfach um ein nettes Gespräch, um Sorgen zu Hause, oder um dienstliche Fragen geht – für mich zählt allein der Mensch, nicht der Dienstgrad, die Konfession, die Religion, oder die Geisteshaltung.

Als Militärseelsorger lebe ich mit der Besatzung, esse in allen Messen, besuche die Soldaten an ihren Arbeitsplätzen und suche täglich das Gespräch mit ihnen. Durch mein soziales Netz ist es mir auch möglich, Angehörige der Soldaten daheim zu unterstützen, um auf diesem Wege dem Soldaten im Einsatz etwas den Druck und die Hilflosigkeit zu nehmen.

Die Beratungsgespräche, die ich führe, eröffnen den Betroffenen in der Regel einen neuen Blick auf die Dinge. Sie helfen, Last von den Schultern zu nehmen und neue Strategien zu Konfliktbewältigung zu erlernen, um trotz der Rahmenbedingungen des Einsatzes psychische Stabilität und eine positive Einstellung zu erlangen. Und natürlich werden auch Gottesdienste an Bord gefeiert, zu denen alle eingeladen sind.

Während der Aufnahme von Menschen aus Seenot bin ich als Militärseelsorger in einem Regenerationsbereich für die Betreuung des beteiligten Personals mitverantwortlich. Ich kümmere mich gemeinsam mit anderen Soldaten darum, dass Getränke, Obst und Essen bereitstehen, um vor allem jene Besatzungsmitglieder zu betreuen, die bei dieser anstrengenden Arbeit rund um die Uhr eingebunden sind. Im Rahmen freier Kapazitäten und wenn es gewünscht wird, spreche ich auch mit geretteten Flüchtlingen, um ihnen zu helfen, damit sie sich belastende Bilder und traumatische Erfahrungen etwas von der Seele reden können.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Auch bei der Aufnahme der in Seenot geratenen Menschen, packt der Militärseelsorger mit an und kümmert sich um die Betreuung der eingesetzten Besatzungsmitglieder
Auch bei der Aufnahme der in Seenot geratenen Menschen, packt der Militärseelsorger mit an und kümmert sich um die Betreuung der eingesetzten Besatzungsmitglieder (Quelle: Bundeswehr/PAO EGV „Frankfurt am Main“)Größere Abbildung anzeigen

Durch das gemeinsame Leben an Bord bin ich sehr dicht bei den mir anvertrauten Menschen. Es bewegt mich, wie sehr ich von ihnen wertgeschätzt werde und wie viel Vertrauen sie mir schenken. Die Kameraden kommen, wenn sie ernste Probleme haben, nehmen mich aber auch mit, wenn sie bei einem Hafenaufenthalt irgendwo zum Essen gehen. Einmal sollte ich sogar mit in einen Tattoo-Shop, um die jungen Soldaten zu beraten! Ein anderes Mal war ich mit Kameraden tauchen – sie hatten einfach gefragt, ob ich Lust hätte mitzukommen. Alleine hätte ich mich das nie getraut, es war ein großartiges Erlebnis.

Meine Frau hat auch schon mal Gallseife nach Daressalam geschickt. Ich habe dann einem Soldaten geholfen, das von seiner Freundin bemalte und dann leider mit Erdnussbutter bekleckerte T-Shirt wieder zu säubern.

Besonders bewegend finde ich immer wieder, wie sehr sich die Soldaten für ihr Patenprojekt, ein Kinder- und Jugendheim in Frankfurt, einsetzen. Ich habe schon zweimal eine Versteigerung von selbstgebastelten Dingen an Bord im Einsatz erlebt, bei denen unglaublich viel Geld für die Einrichtung der Stiftung Waisenhaus e.V. gespendet wurde.

So etwas erzähle ich auch gerne in der Öffentlichkeit, denn ich erlebe hier so viel Menschliches und spreche mit so vielen reflektierten jungen Frauen und Männern, dass mir grundloses und unreflektiertes Schimpfen über Soldaten echt weh tut – das haben sie nicht verdient!

Das vermisse ich hier am meisten.

Natürlich vermisse ich meine Frau und meine Kinder am meisten. Ganz besondere Momente sind es dann natürlich, wenn Post aus der Heimat kommt. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen der Post und beim Öffnen der Geschenke auch schon mal Heimweh habe. Ich freue mich auch schon wieder darauf, mit dem Motorrad zu fahren, oder draußen am Meer Dauerlauf zu machen, auf einen Grillabend mit Freunden im Garten, aber auch darauf, die Glocken der Garnisonkirche wieder läuten zu hören.

Das sind meine Pläne, meine Wünsche und Grüße.

Für die kommenden Jahre werde ich noch die ein oder andere therapeutische Zusatzausbildung absolvieren, um noch besser für die Soldaten da sein zu können. Wenn ich im Mai wieder zu Hause bin, freue ich mich auf ein paar Tage Urlaub mit meiner Frau und die Zeit mit meinen Kindern.

Der Besatzung der „Frankfurt am Main“ wünsche ich noch einen guten Einsatz, vor allem eine wohlbehaltene Rückkehr zu den Menschen, die ihnen anvertraut sind und von denen sie erwartet werden.


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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Bernhard Jacobi


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