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Einsatztagebuch Westafrika Teil 3: Von Hochs und Tiefs – doch stets mit gutem Gefühl

Monrovia/ Liberia, 15.01.2015.

Von Monrovia bis zum Marshall-Beach, über Aufbruchsstimmung und Bestürzung. Hauptfeldwebel Dennis K. berichtet in seinem Einsatztagebuch von seiner erlebnisreichen dritten Woche bei der Humanitären Hilfe für Westafrika in Liberia.

Freitag, 2. Januar 2015

Das John F. Kennedy Medical Center in Monrovia

Das John F. Kennedy Medical Center in Monrovia (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Heute erfolgte ein Besuch im John F. Kennedy-Hospital (JFK). Das JFK ist das größte Hospital in Monrovia und damit auch in ganz Liberia. Mit Ausbruch der Seuche stellte es seinen Betrieb ein. Zu viel Personal erkrankte und starb selbst. Viele Mitarbeiter kamen auch einfach nicht mehr, aus Angst, sich anzustecken.
Vor dem Ausbruch gab es etwas mehr als 50 Ärzte in Liberia, heute sind es nur noch etwa 20 - der Todesstoß für ein eh kaum existentes Gesundheitssystem. Einmal mehr haben unsere Techniker und Mediziner hier wahre Pionierarbeit geleistet. Zum Beispiel wurde der Generator zur Stromversorgung technisch durchgesehen und neu verkabelt. Denn jedes größere Gebäude hat hier eine eigene Stromversorgung, zu anfällig ist das öffentliche Stromnetz, wenn es überhaupt verfügbar ist. Auch unser Hotel hat solche „Monster“ vor der Tür stehen, aber auch an den ständigen Krach kann man sich gewöhnen.

Im JFK haben auch unsere Ärzte nach Kräften unterstützt, Personal ausgebildet, insbesondere aber die „Triage“ konzipiert. Das muss man sich wie eine Patientenanmeldung im Schutzanzug und bei Schutzabstand vorstellen. Hier kommen die Kranken an und werden zu ihren Symptomen befragt. Es könnte sich bei Fieber ja auch um eine Malaria-Erkrankung handeln - immerhin ist Monrovia einer der Hotspots für diese Erkrankung.
Das liegt vor allem daran, dass die Stadt um das Flussdelta des Mesurado-River entstanden ist. Weitere Krankheiten, mit denen hier schon eine Weile „gelebt“ wird, sind vor allem Cholera und HIV. Die HIV-Infektionsrate liegt bei über 25%.

Nach der Befragung wird der Patient entweder ein „Suspect“, also als Verdachtsfall eingestuft, oder als „normaler“ Kranker weiterbehandelt, soweit es möglich ist. Mit der Ausbildung des vor Ort ansässigen Personals steht und fällt der Kampf gegen Ebola. Wir, also alle internationalen Helfer, sind aber auf einem guten Weg.

Mediziner der Bundeswehr und des Deutschen Roten Kreuzes beraten sich mit ihren liberianischen Kollegen

Mediziner der Bundeswehr und des Deutschen Roten Kreuzes beraten sich mit ihren liberianischen Kollegen (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Außerdem erfahre ich, dass das JFK ein Ultraschallgerät bekommen hat, mit dem jedoch niemand umgehen konnte. Einer unserer Ärzte hat dieses „Problem“ daraufhin mit einer Schulung angepackt und gelöst. Das Krankenhaus selbst ist in einem schlechten Zustand und nicht mit europäischen Standards vergleichbar. Aber es tut sich etwas, es herrscht so etwas wie Aufbruchsstimmung. Es gibt bereits renovierte Teile und auch wieder Personal, das regelmäßig kommt und arbeitet.

Abends verabschieden wir wieder ein paar von uns. Bisher hatten wir keinen, der gerne gegangen ist. Alle werden die hier verbrachte Zeit vermissen. Das gilt für „Rotkreuzler“ und Bundeswehrangehörige gleichermaßen. Wir verstehen uns als eine Familie.

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Sonntag, 4. Januar 2015

Ein freier Tag, nichts ist geplant und noch können wir uns die Erholungstage leisten. Ich verbringe die meiste Zeit des Tages mit Lesen und Musikhören. Am Abend wird beschlossen, dass ich den freien Platz im Auto für einen Besuch im County Bong bekomme. Ein paar von uns haben dort vor ein paar Wochen ein „Hot“-Training mitgemacht, mit Ebola-Patienten gearbeitet. Zwei von uns werden morgen dorthin fahren, um an einem Campus ebenfalls am Hot-Training teilzunehmen. Auf der Fahrt dorthin werden wir der ETU vor Ort noch einen Besuch abstatten.

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Montag, 5. Januar 2015

Auf dem Weg nach Bong

Auf dem Weg nach Bong (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

198 Kilometer klingen für deutsche Verhältnisse nicht viel. Hier in Liberia bedeuten sie eine Tagesreise. Am frühen Morgen packen wir das Auto, laden Unmengen von Wasserflaschen und unser Gepäck ein. Irgendwo finde ich im Geländewagen sicher auch Platz. Wir verlassen Monrovia in Richtung Norden und durchqueren dazu einen „Markt“. Überall Menschen, Müll, Autos, Mopeds, chaotisch durcheinander fahrend und unangenehme Gerüche. Dazu der infernalische Lärm aus unzähligen Musikboxen. Wahnsinn. Kein Wunder, dass sich ein Virus wie Ebola so gut verbreiten konnte. Erstaunlich, dass die Zahl der Neuinfizierten praktisch auf null gesunken ist. Kurz außerhalb Monrovias hört die Straße einfach auf. Eine harte Asphaltkante markiert die Stadtgrenze. Danach bewegen wir uns über Straßen, die zum Teil diese Bezeichnung nicht verdienen, immer weiter in Richtung Bong.

Leere Marktstände am Straßenrand

Leere Marktstände am Straßenrand (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Unterwegs, je näher wir unserem Ziel kommen, durchfahren wir immer wieder kleinere Dörfer. Zum Teil liegen sie verwaist da, genauso wie einige Märkte. Es stehen nur die Holzgerippe der Stände am Straßenrand, nicht mit Palmwedeln eingedeckt, seit Monaten unbenutzt. Hier hat Ebola schlimm gewütet, ganze Landstriche wurden vermutlich mehr oder weniger entvölkert, oder sind von einer Landflucht betroffen. Die WHO rechnet mit einer hohen Dunkelziffer an Toten. Wahrscheinlich wird man nie genau sagen können, wie viele Tote Ebola tatsächlich gefordert hat. Zu abgelegen sind manche Dörfer, zu viele Erkrankte gehen auf dem Land zu ihrem „Heiler“. Die Menschen auf dem Land leben hier tatsächlich in Lehmhütten, waschen ihre Kleidung im Bach, leben von dem, was der Dschungel ihnen gibt. Ab und zu fahren wir an kleinen Reisfeldern vorbei, über allem liegt der rote Staub der Straße, der für dieses Land so typisch ist. Liberias Boden ist sehr eisenhaltig.

Dann erreichen wir die ETU in Suacoco/Bong. Obwohl wir nicht angemeldet sind, bekommen wir eine kurze Führung durch einen Australier. Leider kann und darf ich hier kaum Fotos machen. Zum einen gibt es dort zwei Ebola-Patienten, die aber als geheilt gelten, zum anderen möchten sie nicht, dass das Personal fotografiert wird. „Es gibt immer noch viel Angst und Aberglauben in der Provinz. Deshalb müssen wir unsere lokalen Mitarbeiter schützen“, sagt der Australier. Verständlich …

Der Friedhof der Ebola Treatment Unit – schrecklich und bizarr schön

Der Friedhof der Ebola Treatment Unit – schrecklich und bizarr schön (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Am beeindrucktesten ist der Friedhof der ETU . Es ist ein schrecklicher Ort, gleichzeitig aber auch wunderschön. Er liegt gute 150 Meter von der ETU entfernt in einem kleinen Stück Urwald. Die Aneinanderreihung der Gräber schockiert einen zunächst, auf den ersten Blick scheinen es hunderte Ruhestätten zu sein. Aber es wird einem schnell klar, dass es hier gelungen ist, einen Ort der Ruhe, Würde und Schönheit zu schaffen. Die Sonne scheint zwischen den Zweigen hindurch, es ist ruhig, genügend weit ab von der Straße. Hier kann man trauern, zur Ruhe kommen, Abschied nehmen.
Viele Helfer haben persönliche Bindungen zu ihren Patienten aufgebaut. Unvermeidbar, wenn man gemeinsam gegen den Tod kämpft. Wenn man den Kranken dann verliert, nimmt einen das mit. Aber die Helfer sind mit sich im Reinen, erzählt der Psychologe vor Ort, sie wissen, dass sie alles getan haben. Er erzählt auch von dem „Miracle“ der ETU . Eine schwangere Ebola-Patientin hat zwar ihr Kind verloren, das Virus aber selbst überlebt. Normalerweise liegt die Sterblichkeit bei Schwangeren bei etwa 95%, zweifellos ein Wunder.

Die Survivor-Wall in der Ebola Treatment Unit in Suacoco/Bong

Die Survivor-Wall in der Ebola Treatment Unit in Suacoco/Bong (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Die, die überlebt haben, verewigen sich auf der „Survivors-Wall“. Eine blau gestrichene Wand, auf der jeder Überlebende einen farbigen Handabdruck hinterlässt. Jeder Überlebende wird frenetisch gefeiert und in einer regelrechten Zeremonie verabschiedet, bekommt ein Zertifikat ausgehändigt, dass er Ebola-frei ist. Diese Momente geben den Helfern Kraft.

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Dienstag, 6. Januar 2015

Oberfeldwebel Tino G. führte das Interview mit dem „Tagesspiegel“

Oberfeldwebel Tino G. führte das Interview mit dem „Tagesspiegel“ (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Nach der gestrigen Fahrt nach Bong, bin ich ganz schön gerädert. Doch „the show must go on“. Es wird ein sehr produktiver Tag. Wir arbeiten unsere Projektliste ab. Neben einigen Skype-Interviews, ist auch Berichterstattung für Zeitungen dabei. Unter anderem erscheint im Berliner Tagesspiegel ein Bericht über Ebola, in den ein Interview mit einem unserer Soldaten eingebettet ist. Den Fragen, die er per Telefon beantwortet, steuere ich noch ein paar Bilder bei. Als Model schlägt er sich genauso gut wie im Interview. Beim Durchsehen der unterschiedlichen Online-Auftritte der Bundeswehr entdecke ich unseren Artikel über die Eröffnung „unserer“ ETU . Es macht immer ein bisschen stolz, seinen Namen unter den Bildern zu lesen.

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Mittwoch, 7. Januar 2015

Der Tag heute war aus Pressesicht relativ ruhig. Als dann aber zwei DRK-Mitarbeiter ihre selbstgemachten Fotos bei mir abladen, ist mein fotografisches Auge wieder gefragt. Mittlerweile habe ich über 8000 Bilder und Videos, nur die Hälfte davon ist von mir. Die frischen Bilder beschäftigen mich fast für den Rest des Tages. Ich nutze jede freie Minute, damit mir das Ganze am Ende nicht über den Kopf wächst. Jeder soll zum „Best-of“ beitragen. Im „Best-of“ für unsere Heimkehrer liegen mittlerweile 1700 Aufnahmen. Alle die zu mir kommen, freuen sich riesig, nicht selbst aussortieren zu müssen. Viele wissen jetzt schon, dass sie zu Hause die eine oder andere Powerpoint-Präsentation anfertigen dürfen. Da ist so ein vorsortierter Ordner natürlich Gold wert.

Dann flimmern die ersten Bilder aus Paris über die Bildschirme. Unfassbar, barbarisch, ein Angriff auf unsere gesamte westliche Welt, auf die höchsten Güter der Demokratien in ganz Europa, auf die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit. Sehr bedrückend für mich, gehöre ich doch auch irgendwie zur „schreibenden Zunft“.

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Donnerstag, 8. Januar 2015

Wir arbeiten einige Projekte ab, bereiten andere vor. Man merkt, dass Deutschland wieder aus dem Winterschlaf in Form von Weihnachtsurlaub und Jahreswechsel erwacht ist. Das ist gut. Arbeit lenkt ab. Ich erwische mich dabei, dass die Gedanken in die Heimat abschweifen. Völlig normal, insbesondere nach den Bildern von gestern. Wir verfolgen den ganzen Tag über die Entwicklung in Frankreich.

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Freitag, 9. Januar 2015

Ein nicht liebevoll behandeltes Paket aus der Heimat – doch alles blieb heil

Ein nicht liebevoll behandeltes Paket aus der Heimat – doch alles blieb heil (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Wieder ist eine Woche vorbei. Es gibt Tage, die vergehen wie im Flug. Andere wollen nicht enden. Heute werden wieder zwei Kameradinnen und ein Kamerad nach Hause fliegen. So langsam haben wir das Bundeswehr-Kontingent einmal durchgewechselt.

Das Highlight heute: wir haben Post bekommen. Unser Spieß hat nach einem stundenlangen Marathon und harten „Verhandlungen“ eine ganze Wagenladung an Feldpost-Paketen abgeholt. Ein Paket, das seit vier Wochen als verschollen galt, ist auch dabei. Es ist nicht gut behandelt worden, sieht aus, als wäre es drei Mal während der Fahrt vom Laster gefallen. Aber es ist nichts kaputt gegangen.
Fast schon rituell werden die Pakete im Beisein der meisten von uns ausgepackt. Unsere Rückkehrer sind großzügig und verteilen viele Dinge an die, die noch länger bleiben. Süßigkeiten und Chips stehen ganz hoch im Kurs, aber auch diverse Shampoos wechseln besonders unter den Frauen schnell den Besitzer. Ich selbst habe Pech. Ich weiß, dass meine „Ladies“ zu Hause zwei Pakete auf den Weg geschickt haben. Allerdings sind die erst seit gestern unterwegs. Naja, bin ich eben bei der nächsten Fuhre dabei.

Man erkennt, wie wichtig die Feldpostversorgung in die Einsätze ist. Es sind die Kleinigkeiten aus der Heimat, die uns Soldaten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Sei es ein Paket mit Süßigkeiten, Pflegeartikeln, Fotos oder ein einfacher Brief. Es ist wichtig, auch in Zeiten von Internet, Chats und Handys, einen klassischen Brief zu bekommen. Hätte ich persönlich gar nicht gedacht. Also, Ihr da zu Hause: Denkt an alle im Einsatz und schreibt mal wieder. Ist nicht schwer, macht aber unglaublich glücklich.

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Samstag, 10. Januar 2015

Ich habe heute schlechte Laune. Das kommt selten vor, aber irgendwie gehen mir heute Alltäglichkeiten einfach auf den Geist. Umgangssprachlich würde man das wohl einen „Lagerkoller“ nennen. Ich tue das einzig Richtige in dieser Situation. Ich muss raus aus dem Büro, packe mir den Laptop, setze mich an die stickige, aber in diesem Fall „frische“ Luft und arbeite im Freien weiter. Ein Hoch auf das liberianische Wetter, dass es mir erlaubt, draußen zu sitzen.
Jeder hat hier mal einen schlechten Tag, das ist vollkommen normal. Einige sprechen dann mit den Kollegen oder Kameraden, die ihnen in irgendeiner Form näher stehen. Manche machen es wie ich, sie suchen sich ein stilles Plätzchen, nehmen sich eine Auszeit in Form von Musik über Kopfhörer und kommen dadurch auch schnell wieder runter.
Auch ich habe mich nach einer guten Stunde wieder beruhigt. Ich war sogar noch produktiv dabei, habe ich doch diesen Text fast zu Ende geschrieben. Das Wochenende naht und heute hat „die Presse“ sogar Bergfest. Die Hälfte des Einsatzes ist schon vorbei.

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Sonntag, 11. Januar 2015

Am Marshal-Beach

Am Marshal-Beach (Quelle: Bundeswehr/Dennis K.)Größere Abbildung anzeigen

Wir machen eine kleine Exkursion zum Marshall-Beach, etwa 90 Minuten Fahrzeit von unserem Hotel entfernt. Ein malerischer Strand, mit einem kleinen vorgelagerten Fischerdorf. Die Brandung am Strand ist gewaltig. So etwas kenne ich sonst nur von schweren Stürmen an der Nordsee. An der gesamten Küste Liberias wird davor gewarnt, im Atlantik zu schwimmen. Es herrscht eine extrem starke Strömung, die einen innerhalb kürzester Zeit abtreiben lassen würde. Deshalb gehen wir auch nur bis auf Hüfthöhe ins Wasser, jederzeit mit den Füßen auf Grund. Die Wellen sind wirklich gewaltig, das Wasser ist warm. Anschließend genießen wir die heute zugezogene Sonne. So nah am Äquator ist die Sonne aber so intensiv, dass wir uns ständig ein- bzw. nachcremen müssen. Mehr als zwei Stunden bleiben wir daher auch nicht. Selbst mit Sonnenschutzfaktor 30 würde man sich hier ganz schnell einen Sonnenbrand holen. Später im Hotel lasse ich den Tag wieder mit Lesen und mit Musik ausklingen. Morgen beginnt meine vierte Woche.

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Stand vom: 29.01.15 | Autor: Dennis K.


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