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Ich bin iM EINsatz: „Immer eine Handbreit Recht unterm Kiel“

In See, 26.11.2015.


Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten unsere Soldaten täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Mein Einsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Iris L. ist als Rechtsberaterin auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“
Iris L. ist als Rechtsberaterin auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“ (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Ich bin Oberstleutnant Iris L. und – außerhalb dieses Einsatzes im Mittelmeer – Rechtsberaterin an der NATO School in Oberammergau. Nach meinem Wechsel als Juristin aus der freien Wirtschaft zur Bundeswehr vor sechs Jahren war ich zunächst Rechtsberaterin und Wehrdisziplinaranwältin bei der 2. Luftwaffendivision in Birkenfeld und Rechtslehrerin an der Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck. Dies ist mein erster Auslandseinsatz.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

Ihr Arbeitsplatz: Der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ im Mittelmeer
Ihr Arbeitsplatz: Der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ im Mittelmeer (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Meine Aufgaben im Einsatz sind sehr vielfältig. Ich berate den Kommandanten des Einsatzgruppenversorgers „Berlin“, der derzeit auch deutscher Kontingentführer ist. Außerdem stehe ich auch anderen Vorgesetzten an Bord in allen Rechtsfragen zur Verfügung – sei es einsatz- und operationsrechtlich, aber auch disziplinar-, straf- und beschwerderechtlich.

Da EUNAVFOR MED mehrere Phasen hat, die jeweils unterschiedliche Befugnisse für die Soldaten vorsehen und die Mission gleichzeitig multinational ist, arbeite ich auch immer eng mit dem Stab des italienischen Verbandsbefehlshabers zusammen. Ihm gegenüber vertrete ich, in enger Absprache mit dem Kontingentführer und dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr, die deutsche Rechtsauffassung.

Wenn die „Berlin“ den Auftrag erhält, sich um einen Seenotfall zu kümmern, besteht meine Aufgabe nicht nur darin, die praktische Durchführung aus rechtlicher Sicht zu begleiten. Auch die Übergabe der an Bord genommenen Menschen an die italienischen Behörden und die dazu notwendigen Dokumente gilt es vorzubereiten. Bei Befehlsgebungen prüfe ich mit und unterrichte die Besatzung zu aktuellen Themen in Rechtsfragen.

Jeder Tag auf See ist anders und nur zu einem gewissen Grad planbar – was aber den Reiz der Aufgabe ausmacht. Ob die „Berlin“ im Seegebiet patrouilliert, zu einem Seenotrettungsfall gerufen wird oder gegen mutmaßliche Schleuserboote vorgehen soll, entscheidet sich immer kurzfristig.
Die Aufgabenpriorisierung durch den Verbandsbefehlshaber kann sich von einer auf die nächste Minute ändern. Als Rechtsberater und „Einzelkämpfer“ an Bord bin ich deshalb voll in das Führungsteam integriert. Diese Einbindung in die Kommunikations- und Abstimmungsprozesse schätze ich genauso wie die tägliche kameradschaftliche und menschlich angenehme Zusammenarbeit mit vielen Soldaten.
Die Vielfalt der Aufgaben und die gefragte Flexibilität sind eine Herausforderung. Es macht aber zugleich großen Spaß, einen Beitrag zur Aufgabe des Schiffes und seiner Besatzung bei der Operation „Sophia“ leisten zu können.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Auch auf der Brücke steht Iris L. der Führung des Schiffes in allen rechtlichen Fragen zu Seite
Auch auf der Brücke steht Iris L. der Führung des Schiffes in allen rechtlichen Fragen zu Seite (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Als „Badegast“, wie die nicht zur Stammbesatzung gehörenden Soldaten bei der Marine gerne genannt werden, musste ich mich zunächst erst einmal daran gewöhnen, an Bord zu leben und zu arbeiten. Auf dem Tender „Werra“, auf dem ich zunächst eingesetzt war, konnte ich meine Seefestigkeit bei Wellen von bis zu dreieinhalb Metern testen. Auf einem so großen Schiff wie der „Berlin“ mit 174 Metern Länge kann man in den ersten Tagen schon die Orientierung verlieren – ganz zu schweigen vom Besuch auf dem Flaggschiff, dem italienischen Flugzeugträger „Cavour“, dessen Hangar alleine die Größe mehrerer Fußballfelder hat.

Die Kombination aus fachlicher Vielfalt und einem Arbeitsumfeld, in dem man nicht von „Stuben“, sondern von „Kammern“, nicht vom „Bett“, sondern vom „Bock“ und nicht vom „Mittagessen“, sondern von „Backen und Banken“ spricht, entschädigt für die wenige Freizeit und Privatsphäre. Diesen wichtigen und hautnahen Einblick in das Leben und Arbeiten der Marinesoldaten möchte ich nicht missen – auch weil ich im Inland als Rechtsberaterin zwar viel mit Soldaten zu tun habe, aber selbst als zivile Beamtin arbeite. Lediglich im Auslandseinsatz bin ich selbst auch im Soldatenstatus unterwegs.

EUNAVFOR MED steht unter anderem auch für die Rettung von Menschenleben im Mittelmeer, und ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein. Bei allem in Deutschland diskutiertem Für und Wider der Mission zeigt mir der Blick in die Gesichter der Geretteten – die häufig am Ende ihrer Kräfte sind – dass wir hier etwas Wichtiges und Sinnvolles tun.

Das vermisse ich hier am meisten.

Mir fehlen natürlich meine Familie und meine Freunde. Auch wenn man per Email und telefonisch versucht, so gut wie möglich in Kontakt zu bleiben, fehlt man im Alltag. Ich bekomme meist leider nur zeitverzögert mit, wo zuhause möglicherweise gerade der Schuh drückt. Trotz der wirklich tollen Kameradschaft an Bord vermisse ich auch meine Kollegen und Kameraden aus Oberammergau, die mir nicht nur fachlich, sondern gerade auch menschlich sehr ans Herz gewachsen sind.

Und dann gibt es da noch Joy, meine Labradormixhündin, die mich zuhause auch bei Wind und Wetter vor die Tür treibt.

Das sind meine Pläne, meine Wünsche und Grüße.

Das Ende meines Einsatzes wird nun greifbarer und ich freue mich schon sehr darauf, meine Familie und Joy am Flughafen wieder in die Arme nehmen zu können und meine Freunde wiederzusehen. Die Wetterumstellung könnte durchaus spannend werden – da ich Anfang nächsten Jahres in warme Gefilde in den USA versetzt werde, wird es aber nur ein kurzes Intermezzo.

An dieser Stelle möchte ich insbesondere die Kollegen aus der Rechtspflege grüßen, die mir bereits bei der Vorbereitung meines Einsatzes und dann auch mittendrin jederzeit persönlich, telefonisch oder per Email mit Rat und Tat zur Seite standen und es sich auch nicht nehmen ließen, mich immer wieder mit „Carepaketen“ zu überraschen. Das ist wirklich nicht selbstverständlich! Ich danke Euch von ganzem Herzen für diese Ablenkungen und Aufmunterungen.


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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Iris L.


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