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Halbzeit im Mittelmeer: Rettungen und eine Geburt auf der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“

In See, 20.11.2017.

Die Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ hat am 15. August die Aufgaben als 6. Deutsches Einsatzkontingent im Rahmen der EUNAVFOR MED Operation Sophia vom Tender Rhein übernommen. Nach gut der Hälfte des Einsatzes beantwortet der Kommandant, Fregattenkapitän Christian Schultze, Fragen zum Einsatz, spricht über die Geburt eines kleinen nigerianischen Jungen an Bord „seines Schiffes“ und erinnert sich auch an die 26 toten Migranten, die der spanische Versorger „Cantabria“ an Bord genommen hat.

Fregattenkapitän Schultze an Bord seiner Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“

Fregattenkapitän Schultze an Bord seiner Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Herr Fregattenkapitän Schultze, am 15. August 2017 haben sie als Kommandant der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ die Aufgaben des Kontingentführers 6. Deutsches Einsatzkontingentes EUNAVFOR MED Operation Sophia übernommen. Gleich während der ersten See-Phase hatten Sie bei einem Seenotfall 158 in Not geratene Personen aufgenommen, während der zweiten See-Phase weitere 134 Migranten. Haben sie mit diesem „Verlauf“ gleich zu Beginn gerechnet?

Grundsätzlich muss man auf eine solche Aufgabe immer vorbereitet sein, und mit den Erfahrungen des letzten Jahres im Einsatz hier vor Ort waren wir das auch. In dieser Jahreszeit war aufgrund des guten Wetters mit in Seenot geratenen Personen in Booten zu rechnen. Die Abläufe an Bord sind etabliert. Als wir zu dem Seenotfall gerufen wurden, war die Lage sehr schnell klar. Ein mit Menschen vollkommen überfülltes Schlauchboot, Frauen und Kinder, die winkten und um Hilfe riefen, keinen Antrieb hatten und rundherum nur Wasser. Da ist einfach der Seenotfall zu erklären und die Menschen an Bord zu nehmen. Auch wenn das nicht der Kern unseres Auftrages ist, so ist die Wahrscheinlichkeit, auf einen Seenotfall zu treffen hier sehr viel höher als anderswo auf den Meeren. Der eigentliche Auftrag, das Unterbinden des Waffenschmuggels von und nach Libyen sowie das Aufdecken der Netzwerke hinter der Schleuserkriminalität, ist jedoch ständig präsent und wird konsequent verfolgt. Die Aufnahme von in Not geratenen Personen ist sozusagen der Umgang mit dem Symptom der Schleusernetzwerke.

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Nach zwei Monaten Einsatz ging es in die verdiente zweiwöchige „Halbzeitpause“ auf Malta. Nach Wiederaufnahme und Erreichen des Einsatzgebietes ereigneten sich weitere Seenotfälle für Ihre Besatzung. Ist das Anbordnehmen von Migranten aus überfüllten Schlauchbooten schon Routine?

Die in Seenot geratenen Personen erhalten eine warme Mahlzeit auf dem Flugdeck der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“

Die in Seenot geratenen Personen erhalten eine warme Mahlzeit auf dem Flugdeck der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Nach zwei Monaten Einsatz ging es in die verdiente zweiwöchige „Halbzeitpause“ auf Malta. Nach Wiederaufnahme und Erreichen des Einsatzgebietes ereigneten sich weitere Seenotfälle für Ihre Besatzung. Ist das Anbordnehmen von Migranten aus überfüllten Schlauchbooten schon Routine? Diese Aufgabe kann niemals Routine sein, da sich jede Aufnahme aufgrund der vielfältigen Faktoren wie Wind, Seegang, Tageszeit, Jahreszeit, Anzahl und Zusammensetzung der Menschen und der möglichen Unterstützung anderer Einheiten sehr unterschiedlich gestaltet. Insgesamt haben wir mit den beiden Aufnahmen vom letzten Jahr nun sechs Rettungsaktionen gehabt, und keine war wie die andere. Daher ist es sehr gut, dass man ein eingespieltes Team hat, was sich an einem festen und bewährten Ablauf orientieren kann. Wir haben da – auch dank der Erfahrungen und der Vorarbeit – unseres Schwesterschiffes „Schleswig-Holstein“ viel Arbeit investiert und sind nun in der Lage, schnell, gründlich und verlässlich zu arbeiten. Die Leistungen der gesamten Besatzung kann ich nicht genug loben.

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Während des letzten Transits in den sogenannten Port of Safety, den von italienischen Behörden benannten Abgabehafen, brachte eine 25-jährige Nigerianerin einen gesunden Jungen in „Ihrem“ Backbordhangar zur Welt. Was empfanden Sie und Ihre Soldaten, als sich die Nachricht an Bord verbreitete?

Die Schiffsärztin mit der Mutter und Maverloy

Die Schiffsärztin mit der Mutter und Maverloy (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut, und ich bin sicher, dass es allen hier an Bord ebenso geht, die bereits im letzten Jahr mit im Einsatz waren. Die Geburt eines Kindes ist immer etwas sehr Schönes. Im letzten Jahr wurde auch ein Kind geboren, nur leider kam es tot zur Welt. Die Euphorie über die Geburt schlug in tiefe Trauer um und legte sich fast schon lähmend über Schiff und Besatzung. Als sich nun die Kunde verbreitete, dass auf unserem Schiff wieder ein Kind zu Welt kommen sollte, hatten wir alle ein wenig Sorge. Zum Glück ging alles gut. Dank der großartigen Arbeit unseres Sanitätsteams kam der Junge mit dem Namen Maverloy gesund zur Welt.

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Am Tag der Geburt hätten Sie eigentlich die Migranten auf den spanischen Versorger „Cantabria“ übergeben und im Seegebiet verbleiben sollen. Aus versorgungstechnischen Gründen verlegten Sie jedoch mit ihrem Schiff nach Italien und die „Cantabria“ verblieb im Seegebiet. Das spanische Schiff wurde daraufhin in einen Seenotfall verwickelt, bei dem die spanischen Seeleute 26 tote, darunter auch schwangere Frauen, bergen mussten. Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?

Wie dicht Freude und Leid beieinander liegen, kann ich nicht genug betonen. Für uns, die wir davon wussten, war es schwer, sich so richtig über die Geburt an Bord zu freuen. Insgesamt betrachtet, ist es erschreckend, was dort passiert ist. Unsere Gedanken waren an diesem Abend bei der Besatzung der „Cantabria“. Natürlich sind wir auf den Umgang mit dem Tod – insbesondere während eines Seenotfalles – vorbereitet. Die Erfahrung möchte jedoch niemand machen. Sollte es dennoch einmal so sein, haben wir hier an Bord zunächst einen Militärpfarrer, der seelsorgerisch tätig werden kann. Mit der aus der Heimat zur Verfügung und auf Abruf stehenden Unterstützung weiß man immer, dass man Hilfe in dieser Situation bekommen kann. Das ist ein sehr beruhigendes Gefühl.

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Kommen Sie bei den einsatzbedingten Aufgaben auch noch zu Ihren Routinetätigkeiten?

Die Einsatzaufgaben bestimmen schon die meiste Zeit des Tages. Dennoch muss man sich um den Kompetenz- und Erfahrungserhalt an Bord kümmern. Häufig werden Ausbildungs- und Übungsvorhaben aufgrund der Ereignisse im Einsatz verdrängt. Dann muss ein Ersatztermin gefunden werden, was meistens auch gelingt. Der Wechsel zwischen Ausbildungsabschnitten und der Wahrnehmung der Einsatzaufgaben gestaltet den Dienst an Bord abwechslungsreich und lässt keine Langeweile aufkommen. Anspruchsvolle seemännische Manöver, wie eine Seeversorgung, sind für alle ein absolutes Highlight und zeigen immer wieder in beeindruckender Weise, wie gut eingespielt das gesamte Team hier an Bord ist. Darauf kann man sehr stolz sein, und das bin ich auch.

Ein Stück weit beginnt man mit der Ausbildung jedoch auch immer wieder von vorn, wenn zum Beispiel Leistungsträger das Schiff dauerhaft verlassen. Der Verlust von Expertise ist durch intensives Üben und Ausbilden zu kompensieren. Kameradschaft muss wachsen. Insofern kann man sagen, dass es auch immer eine emotionale Angelegenheit ist, wenn man mehr als zwei Jahre gemeinsam verbracht hat, durch Dick und Dünn gegangen ist und der eine dann auf einmal gehen muss. Aber auch das gehört zu unserem Beruf, und man muss damit umgehen lernen. muss damit umgehen lernen.

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Im letzten Jahr waren Sie schon einmal mit Ihrem Schiff im Einsatz Sophia. Wie bewerten Sie den jetzigen Einsatz auch im Vergleich zum letzten Jahr?

Fregattenkapitän Schultze beim Versorgungsmanöver in See. Über zwei Stunden fährt die Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ mit einem Abstand von 40 Meter neben dem spanischen Versorgungsschiff „Cantabria“.

Fregattenkapitän Schultze beim Versorgungsmanöver in See. Über zwei Stunden fährt die Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ mit einem Abstand von 40 Meter neben dem spanischen Versorgu … (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich die Aufgaben nicht signifikant verändert haben. In meinen Augen sind die Seenotfälle etwas weniger geworden, jedoch kann ich über die Gründe hierfür nur Spekulationen anstellen. Sicher leisten die Schiffe im Einsatz zwischen Libyen und Italien einen Beitrag dazu. Es wäre aber töricht zu glauben, dass dieses der alleinige Grund ist. Die Bestrebungen der Stabilisierung sind vielfältig und wir leisten einen kleinen Beitrag dazu.

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Weihnachten und Silvester werden Sie mit Ihrer Besatzung in See verbringen. Bereiten Sie Ihre Besatzung auf diese Zeit besonders vor?

Auch Emotionen gehören dazu. Kommandant und Besatzung verabschieden zwei Offiziere im Hafen von Augusta

Auch Emotionen gehören dazu. Kommandant und Besatzung verabschieden zwei Offiziere im Hafen von Augusta (Quelle: Bundeswehr/PAO EUNAVFOR MED)Größere Abbildung anzeigen

Die besinnliche Zeit, das Fest der Liebe und Gemeinsamkeit, das Zusammenkommen mit den Lieben: All das werden wir in diesem Jahr nicht haben. So gilt es, die Besatzung auf diese besondere Zeit vorzubereiten. Einige wenige von uns haben, so wie ich, bereits die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, Weihnachten in See zu sein. Für mich wird es in meinen gut zehn Jahren Seefahrt das vierte Mal sein, dass ich in dieser Zeit nicht zuhause sein kann. Natürlich werde ich meine Erfahrungen an meine Besatzung weitergeben. Wir werden Gottesdienste feiern, festlich essen und wenn es die Situation im Einsatz zulässt, auch versuchen, ein wenig zu entspannen. Ich bin mir sicher, dass viele nicht wissen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen und sich sicherlich einsam fühlen. Aber ich weiß auch, dass es zusammenschweißt und man hinterher sagen kann, dass man es gemeinsam geschafft hat. Eine Erfahrung und ein Gefühl, das einem niemand nehmen kann.

Besonderes Augenmerk gebührt jedoch unseren Angehörigen daheim, die ohne uns auskommen müssen. Auch hier werde ich mich kümmern und versuchen, die Familien an unserem speziellen Weihnachtsfest teilhaben zu lassen und so eine Brücke zu bauen.

Gemeinsam werden wir Ende Januar auf einen erfolgreichen Einsatz, eine intensive und entbehrungsreiche Zeit zurückblicken und uns freuen, wenn wir wieder daheim sind.

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Stand vom: 24.11.17 | Autor: PAO EUNAVFOR MED


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