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Ich bin iM EINsatz: „Der Austausch untereinander entschädigt für die Strapazen“

Gao, 26.09.2016.


Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten unsere Soldaten täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Mein Einsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Hauptmann Jenia R. ist als Mission Manager LUNA bei MINUSMA in Gao tätig
Hauptmann Jenia R. ist als Mission Manager LUNA bei MINUSMA in Gao tätig (Quelle: Bundeswehr/PAO DEU EinsKtgt MINUSMA )Größere Abbildung anzeigen

Ich heiße Hauptmann Jenia R., bin 28 Jahre alt und in meiner Heimatkompanie, der 4./Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ als Zugführer und Fluggeräteeinsatzoffizier KZO eingesetzt. Die VN-Mission in der gemischten Aufklärungskompanie bei MINUSMA in Nordmali ist mein erster Einsatz.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

Seit Mitte April bin ich in Gao und war zunächst Teil der niederländischen Aufklärungskompanie. Mein erster Auftrag war es, unser unbemanntes Aufklärungssystem Luna in die Mission einzuführen. Dieser Zertifizierungsprozess hat mehrere Wochen gedauert, bis wir am 29. Juni unseren „Vogel“ erstmals in die Luft bringen durften.

Die Vereinten Nationen in Gao hatten bis dahin noch keine intensiven Erfahrungen mit der unbemannten Luftfahrt. Ihre Vorgaben entsprachen zu dem Zeitpunkt ausschließlich denen der bemannten Fliegerei. Die größten Herausforderungen waren die Anerkennung und Genehmigung unseres Start- und Landebereichs und der Nachweis der Englischkenntnisse der Steuerer.

Der Luftraum wird von französischer und auch von malischer Seite überwacht, der Grund und Boden wiederum gehört ausschließlich der Regierung. So durften beispielsweise Bäume und Büsche, die in unserem designierten Landeraum nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprachen, nicht ohne Erlaubnis versetzt werden. Nach vielen Gesprächen und Präsentationen, sich wiederholenden Erkundungen und endlosem Warten durften wir dann endlich fliegen.

Bei der Vorerkundung: Bei Start und Landung muss alles passen
Bei der Vorerkundung: Bei Start und Landung muss alles passen (Quelle: Bundeswehr/PAO DEU EinsKtgt MINUSMA )Größere Abbildung anzeigen

Mein Einsatz endet bald. Seit wenigen Tagen ist mein Nachfolger da und besetzt gerade mein Büro, so dass ich für das Schreiben dieses Artikels in den Gefechtsstand ausweiche. Während hier das geschäftige Treiben seinen Lauf nimmt fällt mir noch eine weitere Herausforderung ein: Die Amtssprache der VN ist Englisch. Alle Dokumente unseres Luna-Systems mussten übersetzt werden. Unzählige Seiten Fach-Englisch wurden hier in Akkordarbeit übersetzt. Aber wir wissen ja, wie die Geschichte ausging: Wir dürfen fliegen.

Was beinhaltet nun mein Tätigkeitsfeld in der Aufklärungskompanie als „Officer UAV Operations“ und „Mission Manager Luna“? In der erstgenannten Funktion bin ich für die Luftraumkoordinierung der unbemannten Luftfahrzeuge mit den niederländischen Hubschraubern und dem Air-Traffic Control (ATC) Tower der Franzosen verantwortlich. Dabei geht es im Schwerpunkt darum, bei intensiven Luftraumbewegungen Kollisionen zu vermeiden. Diese Tätigkeit begeistert mich. Sie bedarf genauer Planung und flexiblem Reagieren in einem. Die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Nationen ist einmalig.

Hauptmann R. koordiniert für die Vereinten Nationen die LUNA-Flüge
Hauptmann R. koordiniert für die Vereinten Nationen die LUNA-Flüge (Quelle: Bundeswehr/PAO DEU EinsKtgt MINUSMA)Größere Abbildung anzeigen

Als Mission Manager bin ich für das Erstellen des Aufklärungsauftrags für Luna zuständig. Innerhalb des Planungsprozesses erhalte ich den Aufklärungsbedarf für unsere Drohne. Daraufhin formuliere ich den Aufklärungsauftrag in Form einer „Mission Order“ und bereite die Rahmenbedingungen des Fluges für den Luna-Zugführer und die Steuerer vor. Das beinhaltet auch administrative Aufgaben gegenüber den VN: Luftraum anfordern, Abrechnungen vorbereiten, Risikomanagement für die Luna-Piloten, Absprachen und das Ausfüllen von Online-Formularen. Da die VN für jede Flugstunde zahlen, prüfen sie auch sehr genau die Flugplanung und verlangen diese umfangreiche Dokumentation.

Am Flugbetrieb an sich bin ich nur sekundär beteiligt. Da liegt die Verantwortung beim Zugführer, der die Jungs zu jeder Tages- und Nachtzeit über die Start- und Landeplätze scheucht.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Dass ich mit dem Luna -Zug in den Einsatz gehen durfte, freut mich sehr. Ich kenne die Soldaten seit Januar 2014 und sie geben mir in diesem staubigen und heißen Land das Gefühl von Heimat. Das Zitat „Flieger, grüß mir die Sonne“ hat hier eine ganz besondere Dimension bekommen.
Zusammen haben wir in Mali den 5.000sten Flug des Luna-Systems in der Bundeswehr insgesamt erflogen und uns als Eutiner diesen Meilenstein gesichert. Der Zug hat hier Pionierarbeit geleistet und ich freue mich zu sehen, dass unsere Arbeit Früchte trägt und die Lüneburger Kameraden bald die Arbeit weiterführen können.

Was mich stolz macht? Die niederländischen Vorgänger hatten ihre – vielleicht auch berechtigten – Zweifel, ob wir in dem neuen Konstrukt einer gemischten Aufklärungskompanie ihre Arbeit erfolgreich weiterführen können. Meine feste Überzeugung: Ja, das konnten wir! Das englische Berichtswesen ist das essentielle Aufklärungsergebnis und das, woran wir gemessen werden. Das haben wir mehr als gut geschafft.

Die Zusammenarbeit mit den VN hat ihre Eigenheiten und kann manchmal mühsam sein. Das größte Problem sehe ich persönlich in den unterschiedlichen Dynamiken in der Zielsetzung. Die Vereinten Nationen planen ihre Missionen auf langfristige Stabilisierungsarbeit. So werden die Projekte auch angegangen. Wir Soldaten sind mit unseren Kontingenten meist nur für kurze Rotationszeiträume vor Ort und haben den Anspruch, so viel wie möglich in dieser kurzen Zeit zu schaffen. Die unterschiedlichen Sichtweisen bewirken unterschiedliche Herangehensweisen. Aber der Austausch mit Menschen aus aller Welt – ob aus Ghana, Kenia, Jordanien, Russland, Österreich oder von den Philippinen – entschädigt für die Strapazen.

Eigentlich ein klarer Fall: An der unbemannten LUNA gibt’s keinen Fallschirm für einen Piloten
Eigentlich ein klarer Fall: An der unbemannten LUNA gibt’s keinen Fallschirm für einen Piloten (Quelle: Bundeswehr/PAO DEU EinsKtgt MINUSMA)Größere Abbildung anzeigen

Eine Anekdote fällt mir noch ein. Während ein Inspektorenteam der VN bei uns war, um sich die Luna im Rahmen des Zertifizierungsprozesses anzuschauen, arbeitete der Leiter dieses Teams fleißig seine Check-Liste ab. Er stutzte kurz, schaute den Instandsetzungsfeldwebel an und fragte: „Wo ist denn der Rettungsfallschirm für den Piloten?“ Ein Hauptfeldwebel unseres Teams musste ein Grinsen unterdrücken und erinnerte die Inspektoren daran, dass es sich ja um ein unbemanntes Flugzeug handele.

Das vermisse ich hier am meisten.

Ich vermisse mein Zuhause und kann es kaum erwarten, meine Eltern und meine Geschwister wiederzusehen. In der Heimat ist viel passiert und ich möchte gern wieder Teil davon sein – und zwar nicht nur über WhatsApp oder Facetime. Ich habe die Hochzeit eines befreundeten und mir sehr wichtigen Paares verpasst. Ich möchte den beiden bald persönlich zu ihrer Hochzeit gratulieren. Auch auf meine Heimatkompanie freue ich mich. Das wird sensationell, all die Kameraden wiederzusehen. Der Rest im Schnelldurchlauf: Eigenes Essen, mein eigenes Bad und frisch duftende Bettwäsche.

Das sind meine Pläne, meine Wünsche und Grüße.

Nur noch wenige Tage und ich sitze im Flieger Richtung Köln und werde von meiner Einheit, meiner Schwester und meiner frisch verheirateten Freundin abgeholt. Ich freue mich darauf, die Gesichter am Flughafen sehen zu dürfen.


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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Jenia R.


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