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Libanesisches Boarding-Team stoppt Eindringling vor der Küste

In See, 14.11.2017.

Es ist noch früh am Morgen, die Sonne klettert langsam in den Novemberhimmel, als der zivile Tanker „Halloumi“ aus dem türkischen Hafen Mersin kommend Kurs auf den libanesischen Hafen Beirut nimmt. Auf der Brücke herrscht gespannte Aufmerksamkeit, gefälschte Frachtpapiere liegen bereit, und die Ladung hat es in sich: Waffen und Drogen, die möglichst bald unauffällig gelöscht werden sollen. Hauptsache der Schmuggel geht glatt, und die Küstenwache taucht nicht auf.
Aber genau die ist schon auf dem Weg, genauer gesagt in der Luft. Denn die libanesische Küstenradarstation hat bereits Boardingteams alarmiert, weil der Tanker angeblich einen Ruderschaden hat und nicht mehr antwortet, seine Fahrt aber fortsetzt.

So sieht es jedenfalls das Ausbildungs-Drehbuch vor, nachdem hier gleich die Boardingübung der libanesischen Marine ablaufen wird. Ein Szenario, wie es jederzeit real vorkommen könnte. Tatsächlich wird das Schmugglerschiff von der Korvette „Magdeburg“ gespielt, mit 60 Marinesoldaten an Bord und Waschpulversäcken, die als Drogenpakete herhalten müssen. Und weil auf die Übung die Auswertung folgt, wird sie penibel beobachtet: Ein libanesisches Marine-Team hat sich dazu auf der „Magdeburg“ eingeschifft, ebenfalls der deutsche Militärattaché.

Ausbildungsschwerpunkt: Boarding-Einsätze

Gruppenbild – Lagendarsteller und libanesische Marinesoldaten

Gruppenbild – Lagendarsteller und libanesische Marinesoldaten (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Als ziviler Tanker „Halloumi“, unangekündigt und unerlaubt die Sechs-Meilen Grenze zu durchbrechen, diese Rolle wird von der Korvette „Magdeburg“ jetzt erwartet. Seit nunmehr elf Jahren nimmt die deutsche Marine im UNIFIL-Einsatz Überwachungs- und Ausbildungsaufgaben wahr. Neben dem Überwachen der Seewege und dem Unterbinden von Waffenschmuggel steht die Ausbildung der libanesischen Marine im Focus. Beinahe täglich üben Marineschiffe der Vereinten Nationen, die den realen Schiffsverkehr simulieren, die Verfahren zwischen ihnen und den acht libanesischen Küstenradarstationen.. Die einlaufenden Schiffe werden von den libanesischen Behörden angesprochen, das sogenannte Hailing, und müssen sich vor dem Eintritt in die libanesischen Hoheitsgewässer in einem festgelegten Verfahren identifizieren. Können sie dies nicht, und steuern trotz Warnung und Verbot weiter auf die Küste zu, greift die libanesische Marine mit Speedbooten, Hubschraubern und Boardingteams ein. Dieses Verfahren hat die libanesische Seite unter anderem mit den deutschen Soldaten

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Nach dem Briefing heißt es: „Und . . . Action!“

Briefing in der OPZ durch den ersten Wachoffizier

Briefing in der OPZ durch den ersten Wachoffizier (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)

An Bord der „Halloumi“, die ihren phantasievollen Namen für die Übung einer Käse-Bezeichnung verdankt, hat der erste Wachoffizier die Besatzung für ihre Rolle gebrieft. Sie ist genau instruiert, wie sie unter Missachtung des Anmeldeverfahrens auf die Küste zusteuern und nachher auf das Boarding reagieren soll. Ab dem Moment, wenn die libanesischen Soldaten das Schiff betreten, wird vor allem eines gefragt sein: Improvisationstalent.

 Bei manch einer Frage durch die Küstenradarstation ist Improvisationstalent gefragt – der „echte“ Navigationsoffizier an Bord unterstützt

Bei manch einer Frage durch die Küstenradarstation ist Improvisationstalent gefragt – der „echte“ Navigationsoffizier an Bord unterstützt (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Um kurz nach 10 Uhr lokaler Zeit und etwas über 20 nautische Seemeilen vor der Küste des Libanons beginnt die Übung. Die Küstenradarstation hat den zielstrebigen Kurs des unbekannten Schiffes bemerkt und meldet sich über Funk: „Unknown vessel, unknown vessel … this is the lebanese armed forces navy … can you hear me?“ (sinngemäß: „Unbekanntes Schiff . . . dies sind die libanesischen Streitkräfte . . . Können Sie mich hören?“) An Bord der auf richtiger Frequenz angerufenen „Halloumi“ spielt ein Obermaat den Navigationsoffizier. Er lächelt verschmitzt und schmunzelt: „Es geht los!“. Dann greift er zum Funk. Wie abgesprochen, zeigt er sich am Anfang noch kooperativ, gibt die Identität des Schiffes preis und reduziert auf Aufforderung auch noch die Geschwindigkeit. Auf die Frage nach der Ladung bietet der gespielte Navigationsoffizier zwar noch eine Rückfrage beim Schiffsagenten an. Dann jedoch schaltet er mehr und mehr auf stur und lügt, den direkten Kurs auf Beirut nicht ändern zu können, weil die Ruderanlage defekt sei. Die Reparatur sei schon im Gange. Tatsächlich steuert das Schiff unverändert auf die libanesischen Hoheitsgewässer zu. Doch der libanesische Anrufer von der Küstenradarstation lässt nicht locker. Mit jeder zurückgelegten Seemeile wird seine Stimme am Funk energischer. Dann eskaliert die Situation vollends: Der Hörer wird hingelegt und mit verschränkten Armen schaut die Besatzung tatenlos hinaus in die Ferne.

Niemand wird dem Küstenradar mehr antworten. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Regieanweisung aus der Operationszentrale den Start eines Hubschraubers der libanesischen Streitkräfte von Land veranlasst. Dann kommt der Befehl: Das Boardingteam der Libanesen zur „Halloumi“ auf dem Weg

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Widerstand brechen – Verbotenes bergen

 Gekonnt und im Sekundentakt seilen sich die libanesischen Boardingsoldaten auf dem Flugdeck des vermeintlichen Tankers M/V Halumi ab

Gekonnt und im Sekundentakt seilen sich die libanesischen Boardingsoldaten auf dem Flugdeck des vermeintlichen Tankers M/V Halumi ab (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Dann schlagen auch schon die wirbelnden Rotorblätter über dem Heck des Schiffes. Binnen Sekunden seilen sich die Libanesen auf den „Tanker“ ab und stürmen an Oberdeck in Richtung Brücke. Auf dem Weg angetroffenes Besatzungspersonal wird in Schach gehalten oder auch mit Kabelbindern und auf dem Boden liegend fixiert. Der Kapitän wird auf der Brücke zur Rede gestellt. Aus ihm kriegen sie nichts raus. Er gibt vor, nichts zu verstehen. Plötzlich wird es auch noch laut an Oberdeck. Eines der Besatzungsmitglieder, offensichtlich stark alkoholisiert, greift das libanesische Team direkt an.

Auf Drohungen und Angriff durch die Besatzung reagieren die libanesischen Boardingsoldaten prompt

Auf Drohungen und Angriff durch die Besatzung reagieren die libanesischen Boardingsoldaten prompt (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Als die Boardingsoldaten dabei die Waffe im Hosenbund des Lagendarstellers entdecken, wird zielgerichtet und ohne großes Zaudern reagiert. Er wird mit harten Griffen an den Boden gedrückt, muss dort in unbequemer Position verharren.
„Alles gut! Das reicht“, presst er hervor und gibt auch gleich die Bewertung. „Das Brechen des Widerstands war effektiv und richtig!“, urteilt der Oberstabsgefreite Daniel H., der als ausgebildeter Boardingsoldat der deutschen Marine weiß, wovon er spricht.
Währenddessen hat die Durchsuchung des Schiffes begonnen. Mit Erfolg! Ein Boardingsoldat reißt das Paket mit weißem Pulver aus seinem Versteck. Mit einem lauten Ruf meldet er den Fund.

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Übungskritik und Kaltgetränk

Hart aber herzlich – kameradschaftliche Umarmung zum Ende der Übung

Hart aber herzlich – kameradschaftliche Umarmung zum Ende der Übung (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Damit neigt sich die Übung allmählich dem Ende. Schiff und Besatzung wurden durchsucht, alle erkennbaren Gefahren gebannt und die anfangs unklare Lage an Bord von den Libanesen unter Kontrolle gebracht. Wie auf Kommando fällt bei Abpfiff der Übung auch die Anspannung aus vielen Gesichtern. Angelegte Fesseln werden gelöst, Schulterklopfen entspannt die Situation, Umarmungen und ausgefallenes Lachen machen sich breit. Wenig später werden die Boardingsoldaten und die überwältigte „Halloumi“-Besatzung mit einem Energy-Drink anstoßen und sogar „Patches“ austauschen.

Abschlussbriefing durch den Leiter des deutschen Ausbildungskommandos in Jounieh, Korvettenkapitän Arne P.

Abschlussbriefing durch den Leiter des deutschen Ausbildungskommandos in Jounieh, Korvettenkapitän Arne P. (Quelle: Bundeswehr/PAO UNIFIL)Größere Abbildung anzeigen

Beim folgenden Abschlussbriefing sind beide Seiten mit den gezeigten Leistungen zufrieden. Der Leiter des deutschen Ausbildungskommandos im Libanon, Korvettenkapitän Arne P., wendet sich an das libanesische Boardingteam und lobt die, nach allen Regeln der Verhältnismäßigkeit, gut gewählten Level der Eskalationsstufen. Auch der Zugführer des Boardingteams, ein bei der Deutschen Marine ausgebildeter Oberleutnant der libanesischen Marine, ist mit dem Einsatz zufrieden und richtet zur Überraschung vieler in nahezu akzentfreiem Deutsch seinen Dank an die Besatzung: „Es war wirklich super organisiert und toll gespielt. Vielen Dank für die schauspielerische Leistung und die Mühe!“

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Stand vom: 14.11.17 | Autor: PAO UNIFIL


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