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Nach Afghanistan und zurück – auf dem Weg zum Presseoffizier – Reisebericht Teil V

Potsdam, 23.01.2015.

Hauptmann Dominik W. wird durch das Presse- und Informationszentrum (PIZ) des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zum Presseoffizier ausgebildet. Er reist zur Unterstützung des Pressepersonals vor Ort nach Afghanistan. Er berichtet im Zuge seiner Dienstreise von seinen Erlebnissen aus dem Einsatzland.

Am Eingangsbereich des EOD-Areals

Am Eingangsbereich des EOD-Areals (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Afghanistan beginnt vor einem roten, angerosteten Tor. Hier „wohnt“ der EOD verkünden zahllose Schilder – Explosive Ordnance Disposal oder auf deutsch: die Kampfmittelabwehrkräfte. Vor dem Tor wehen die deutsche, die belgische und die estnische Flagge. Das umzäunte Areal ist blickdicht mit einer grünen Textilfolie umspannt, die am Zaun festgemacht wurde, wie bei fast allen Einheiten im Camp. Neben dem Tor ist noch eine kleine Gittertür im gleichen rostrot und daneben, auf einem Holzbrett, ein Tastenfeld für die Zahlenkombination, die die Tür öffnet.
Unter dem Ziffernfeld steht mit schwarzem Stift geschrieben „KLINGEL“ mit einem Pfeil nach unten und darunter ein kleines rechteckiges Kästchen aus ausgeblichenem, weißem Plastik. Ich drücke auf die Klingel, der Kunststoff knarzt. Erst passiert nichts, dann höre ich Schritte über den scheinbar sehr sandigen Innenhof und ein lächelnder belgischer Soldat öffnet mir: „What can you help us with?“

Auf Englisch erkläre ich ihm, dass ich gehört hätte, dass die EOD-Kräfte häufiger noch zum Sprengen rausführen und ich gerne darüber berichten würde, wenn es möglich wäre. Der Belgier bringt mich umstandslos zu seinem Chef, der in einem der weißen Bürocontainer sitzt, die rechts vom Tor aufgereiht sind. Nachdem ich ihm kurz erklärt habe worum es geht, führt er mich zum einzigen sprengenden Trupp, zwei Containerbüros weiter. Er führt mich zu Dimi.

Oberfeldwebel Dimi (li.)und Oberbootsmann Hannes vor ihrem Transportpanzer Fuchs

Oberfeldwebel Dimi (li.)und Oberbootsmann Hannes vor ihrem Transportpanzer Fuchs (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Dimi sitzt auf seinem Bürostuhl, lächelt mich aus seinem dichten, schwarzen Rauschebart an und sagt: „Du willst also mitkommen zum Sprengen?“ Dimi heißt eigentlich Dimitrios, ist der Sohn einer griechischen Mutter und eines italienischen Vaters und ein echter Schwarzwälder Bub. Im Kragen seines grünen Unterziehfutters steht eingenäht „OP North“ – der Name eines mittlerweile aufgelösten Lagers in Afghanistan und Synonym für schwere Gefechte deutscher Soldaten in Afghanistan. Er erklärt mir kurz worum es geht, nämlich um das Sprengen von Munitionsresten und fragt, ob es mir am Mittwoch passt. Mittwoch passt mir sehr gut. Auch alle anderen Wochentage hätten gut gepasst oder wären passend gemacht worden. Er verspricht mir, sich nochmal zu melden, wenn die letzten Absprachen getroffen seien.

Unerwarteter Anruf auf der Joggingrunde durch das Camp Marmal

Unerwarteter Anruf auf der Joggingrunde durch das Camp Marmal (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Abends beim Joggen klingelt mein Handy. Unaufgeregt fragt Dimi am anderen Ende der Leitung nach meiner Blutgruppe. A positiv. Es geht klar. „Na, denn bis Mittwoch, gell.“

Pünktlich um elf Uhr stehe ich vollbepackt vor dem Tor der EOD-Kräfte. Hannes macht auf. Hannes ist früher zur See gefahren, hat einen kleinen Oberlippenbart, kurze Haare und ist die rechte Hand von Dimi. Links vom Tor zeigt er mir den Transportpanzer „Fuchs“, mit dem wir rausfahren wollen und lässt mich meine Sachen hinten verstauen.

Kraftfahrer Florian auf seinem Transportpanzer Fuchs

Kraftfahrer Florian auf seinem Transportpanzer Fuchs (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

An dem Stahlklotz lerne ich Florian, den Fahrer, kennen. Florian scheint der einzige Kampfmittelabwehrsoldat ohne Bart zu sein. „Wächst nicht so richtig“, sagt er grinsend. Neben Dimi begrüßt mich jetzt auch noch Chris, der Schießsicherheitsfeldwebel, der das sieben x sieben Kilometer große Areal betreut, auf dem heute gesprengt wird.

Irgendwann gibt Dimi das Zeichen und ich klettere in den Bauch des Fuchs. Ich bekomme die rechte Luke in der Mitte des Kampfraumes zugeteilt. Ich verstaue meine Sachen so sicher wie möglich und setze mir die Sprechhaube für den internen Funkverkehr auf. Was mir aus der Panzerfahrschule als hässliche Lederhaube in Erinnerung geblieben war, ist nun ein in wüstentarn gehaltener Helm, der sehr nach Spezialeinsatz aussieht. Florian startet den Motor und wir verlassen das Gelände der EODs in Richtung „Infanterieplatte“.

Die Infanterieplatte ist eine Fläche neben der Hauptstraße auf dem Weg zum Haupttor. Dort koppeln wir mit Soldaten der Quick Reaction Force, einem Infanterieverband, der uns heute mit zwei Fahrzeugen schützen wird. Auch ein beweglicher Arzttrupp, der sogenannte BAT, bestehend aus zwei Rettungssanitätern und einem Arzt in einem geschützten Eagle IV Geländefahrzeug, steht schon bereit. Der Führer der Infanteriekräfte, ein im Gesicht bewaldeter aber oben kahler Hauptfeldwebel – Codename Mandrill – macht eine kurze Befehlsausgabe. Alle strahlen eine konzentrierte Professionalität aus. Jetzt geht es wirklich raus. Keine Übung, keine Platzpatronen, klar zum Gefecht. Ich muss über meine Nervosität lachen. Eine kleine Fahrt zum Schießplatz direkt neben dem Lager reicht schon, um mich zu beunruhigen. Dimi schaut mich an und fragt, ob es mein erstes Mal sei. Ich nicke. „Wird schon nix passieren, wir fahren nur zum Sprengen, gell.“

Dann setzt sich unser Konvoi in Bewegung. Wir passieren das Haupttor. Von meinem Platz an der Luke kann ich zum ersten Mal auch den mongolischen Wachhabenden in der Personenkontrollanlage sehen. Hinter einer Glasscheibe sitzt er auf einem erhöhten Podest mit mehreren Monitoren und blättert in einer Akte. Auch die übrigen mongolischen Soldaten nehmen kaum Notiz von uns. Alles Routine. Nur bei mir will sich keine Normalität einstellen.

Auf dem Weg zum Sprengplatz

Auf dem Weg zum Sprengplatz (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Zunächst umrunden wir das Camp Marmal. Am südwestlichen Rand biegen wir dann nach rechts auf eine staubige Piste in Richtung des gleichnamigen Gebirges ab. Auch außerhalb des Lagers bleibt die Welt sandfarben. Die karge Landschaft wird von dem zum Scheitern verurteilten Versuch unterbrochen, eine der wenigen asphaltierten Straßen in eine Allee zu verwandeln. Die offenbar erst vor kurzem eingepflanzten Bäume scheinen bereits jetzt ihrem Ende nahe.

Florian erhöht die Geschwindigkeit. Die verdorrenden Bäume verlassen mein Blickfeld. Es wird steiniger und zügig geht es hinauf. An einer Gabelung verlässt uns das vorausfahrende Infanteriefahrzeug, um auf einer nahegelegenen Kuppe Stellung zu beziehen. Auch das schließende Gefechtsfahrzeug biegt ab, um über uns zu wachen. Auf der Tiefebene zwischen den nun bemannten Hügeln erreichen wir den Sprengplatz.

Vorbereitung auf die Sprengung

Vorbereitung auf die Sprengung (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Insgesamt drei Munitionskisten samt Inhalt sollen heute zerstört werden. Während Dimi die vorbereiteten Kisten mit Sprengstoff versieht, legen die anderen ein Kabel vom Fuchs zur Sprengstelle. Dann müssen wir den Gefahrenbereich verlassen und Dimi präpariert die Sprengladung mit einem Zünder, den er an das Kabel anschließt.

Sprengung der zu entsorgenden Munitionskisten

Sprengung der zu entsorgenden Munitionskisten (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem ich in den Fahrerraum gestiegen bin, werden alle Türen und Luken geschlossen und verriegelt. Ich packe die mitgebrachte Kamera aus, richte sie durch das dicke Panzerglas auf den Horizont und warte. „Zündung“ ruft Dimi über Funk. Einer feurigen Explosion folgt eine Druckwelle, die unseren Panzer erschüttert. Ich halte den Auslöser der Kamera gedrückt bis die nachfolgende Staubwolke sich aufgelöst hat. Hannes auf dem Fahrersitz grinst zufrieden.

Noch zwei Mal gehen wir vor und statten Munitionskisten mit Sprengstoff aus. Dimi erklärt, dass er den Zünder am höchsten Punkt des Sprengstoffs anbringt, damit die Sprengung von oben nach unten wirkt und so die Teile nicht so weit weg geschleudert werden. Meine anfängliche Nervosität ist mittlerweile wie weggeblasen und ich versuche mir jeden Moment zu merken und gleichzeitig ein paar gute Fotos zu machen.

Dann kommt die finale Sprengung. Als die stärkste der drei Druckwellen unser Fahrzeug erfasst, fällt mir ein, dass ich gar kein Bild von Dimi beim Zünden gemacht habe. Als wir schon wieder zusammenpacken, holt er den kleinen Apparat für mich noch mal raus und zeigt mir, wie man ihn mit einer Kurbel betätigt. Beim Drehen beginnt ein orangenes Lämpchen zu blinken. Sobald es durchgehend leuchtet, kann man zünden, erklärt er mir. Ich mache ein paar Fotos und wir sind fertig.

Blick aus dem Feldlager auf das Marmalgebirge

Blick aus dem Feldlager auf das Marmalgebirge (Quelle: Bundeswehr/Dominik W.)Größere Abbildung anzeigen

Auf der Rückfahrt kann ich zum ersten Mal die schöne Landschaft bewundern. Sie ist zwar karg und nicht sehr farbenfroh, aber trotzdem sehr malerisch in ihrer Einfachheit. Insbesondere das majestätische Marmalgebirge im Hintergrund wirkt dadurch sehr eindrücklich auf mich.
Als wir vor dem Haupttor sind, klinken sich die Infanteristen mit ihren zwei Fahrzeugen aus und fahren weiter. Während die mongolischen Soldaten den Unterboden unseres Fuchses mit Spiegeln nach versteckten Sprengladungen absuchen, denke ich darüber nach, wie gerne ich jetzt auch einfach weiter gefahren wäre, um mehr von Afghanistan zu sehen.

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Stand vom: 23.01.15 | Autor: Dominik W.


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