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Das Wunderwerk hydraulischer Mechanik

Al-Asrak, 20.02.2018.

Im deutschen Einsatzkontingent Counter Daesh sammeln die Luftfahrzeugbesatzungen wertvolle Informationen für die Koalition der Operation „Inherent Resolve“ im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Am Boden sorgen die Techniker der Instandsetzungsstaffel dafür, dass ihre Jets immer im Topzustand für den Einsatzflugbetrieb zur Verfügung stehen. Deshalb steht einer dieser Jets nun für einen komplexen Eingriff im Schelter. Der erfahrene Hydrauliktechniker Hauptfeldwebel Sven G. und seine Kameraden sind bereit für den Wechsel einer HLWSCU.

Die High-Lift-Wing-Sweep Control Unit (HLWSCU): Die genaue Funktionsweise dieses Bauteils ist den Wenigsten bekannt
Die High-Lift-Wing-Sweep Control Unit (HLWSCU): Die genaue Funktionsweise dieses Bauteils ist den Wenigsten bekannt (Quelle: Bundeswehr/PAO Counter Daesh)Größere Abbildung anzeigen

Nicht nur der Name hat es in sich: Die High-Lift-Wing-Sweep Control Unit, kurz HLWSCU oder Hochauftriebs-Flügelschwenk-Steuergerät, ist der Teil des Tornados, der dafür sorgt, dass sich der Winkel der Flügel verstellen kann und damit sowohl im Langsam- wie auch Schnellflug die optimalen aerodynamischen Verhältnisse vorliegen. Der Tornado wurde als Schwenkflügler konzipiert. Das bedeutet, dass er in der Lage ist, die Winkel der Flügel zwischen 25° und 67° zu verstellen. Auf Minimalstellung ist der Luftwiderstand sehr gering und das Flugzeug kann schneller fliegen. Sind die Flügel ausgebreitet, kann sich der Kampfjet mithilfe der integrierten „Hoch-Auftriebs-Anlage“ auch bei niedriger Geschwindigkeit stabil in der Luft halten. Ein unscheinbarer schwarzer Kasten, der genau das mithilfe seiner zahllosen Ventile schafft – ein Wunderwerk der hydraulischen Mechanik.

Beschädigt? – Nein, nur abgelaufen

Die Hydraulikanlage weist weder einen Defekt noch eine andere Störung auf. Bei der HLWSCU handelt es sich um ein Time Change Item (TCI), welches eine Laufzeit von 4.000 Stunden hat. Danach muss es aus flugsicherheitstechnischen Gründen gegen ein neues oder generalüberholtes Bauteil ersetzt werden. Der Tornado beinhaltet viele solcher TCI -Teile aus verschiedensten Fachbereichen, wie zum Beispiel Mechanik, Hydraulik, Elektrik, Triebwerk, Schleudersitz, Klimaanlage, Flugausrüstung und Avionik.

Unter diesem Geflecht aus Kabeln und Rohren liegt die HLWSCU
Unter diesem Geflecht aus Kabeln und Rohren liegt die HLWSCU (Quelle: Bundeswehr/PAO Counter Daesh)Größere Abbildung anzeigen

In den seltensten Fällen wechselt ein Techniker ein Bauteil allein. „Ohne die Hilfe der anderen Fachbereiche kommt man hier nicht aus, besonders für ein derart komplexes Verfahren wie dem Wechsel der HLWSCU , die wie viele andere Bauteile auch in fast unzugänglichen Bereichen des Jets verbaut ist.“, so Sven G. Teilweise zu dritt entfernen die Männer in schwindelerregender Höhe Gestänge und Rohre aus dem Jet, überprüfen Leitungen und bauen Computer aus, um an das „alte“ Hydrauliksegment heranzukommen.

„Team Luftwaffe“ in Aktion: Unter gegenseitiger Aufsicht legen die Techniker das Bauteil frei
„Team Luftwaffe“ in Aktion: Unter gegenseitiger Aufsicht legen die Techniker das Bauteil frei (Quelle: Bundeswehr/PAO Counter Daesh)Größere Abbildung anzeigen

„Kommunikation ist jetzt enorm wichtig“, sagt Feldwebel Heinrich J., der vom Boden aus mit einem Kran das Bauteil vorsichtig aus dem Luftfahrzeug hebt. Wie überall gehen die Techniker ohne Hektik und mit äußerster Präzision vor. Denn eines ist besonders riskant: Kleinstteile wie Schrauben oder Werkzeug dürfen nicht in den Tiefen des Flugzeugs verloren gehen. „Wenn das passiert, machen wir halt länger. Und wenn wir den halben Flieger zerlegen; wir müssen das Teil so lange suchen, bis wir es gefunden haben“, meint dazu Stabsunteroffizier Sven S., der in der Zwischenzeit ein weiteres Bauteil entfernt.

Flugsicherheit als oberstes Gebot

Jeder Eingriff in das Luftfahrzeug setzt nach Abschluss der Arbeiten eine Funktionsprüfung voraus. Flugsicherheit ist in allen Bereichen der Luftfahrt oberstes Gebot. Deswegen wenden die Techniker konstant das Vieraugenprinzip an.

Das Team aus Meister und Mechanikern wechselt innerhalb von acht Stunden die HLWSCU . Nachdem der Meister die Arbeit abgenommen hat, überprüft Hauptfeldwebel Silvan D., der speziell als Luftfahrzeugnachprüfer für Mechanik und Hydraulik ausgebildet wurde, den ordnungsgemäßen Einbau des Bauteils. Ein verantwortungsvoller Job, denn er ist derjenige, der das Flugzeug wieder für den sicheren Flugbetrieb freigibt: „Wenn das jetzt nicht passt, bleibt der Flieger morgen stehen.“

Die Arbeiten sind erledigt. Was jetzt folgt, ist eine langwierige Prozedur aus Funktionsüberprüfungen. Jede einzelne Leitung, die für den Wechsel aus- und wieder eingebaut wurde, muss dicht sein. Auch hier arbeiten die einzelnen Fachgruppen Hand in Hand. Hauptfeldwebel Stefan P., Spezialist im Bereich Klimaanlagen und Mechanik, beaufsichtigt konzentriert den Triebwerks-Testlauf: „Jetzt sehen wir, ob alles funktioniert“. Die Erde bebt, ohrenbetäubender Lärm macht sich breit.

Aus Fehlern lernen durch Dokumentation

Was bei den einen „Papierkrieg“ heißt, ist für die Experten der Luftwaffe ein wichtiger Schritt. Nicht nur für das Hydraulikteam ist es essenziell wichtig zu jeder Zeit Veränderungen, die am Luftfahrzeug durch Arbeiten geschehen sind, nachzuvollziehen. Niemand ist perfekt, aber damit Fehler kein weiteres Mal passieren, gehört die Dokumentation der Arbeiten einfach dazu. So perfektionieren die Techniker der Luftwaffe nach und nach ihre Arbeitsabläufe und Prüfprozesse.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Arbeiten sind abgeschlossen. Der Kampfjet ist getestet und freigegeben und Sven G. kontrolliert, wie jeder der am Flugzeug gearbeitet hat, sein Werkzeug: „Das ist bei jedem von uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, denn niemand hat Lust auf Schraubenschlüssel mit Flugstunden.“

Alles hat in diesem Koffer seinen Platz. Loses Werkzeug gilt als verpönt
Alles hat in diesem Koffer seinen Platz. Loses Werkzeug gilt als verpönt (Quelle: Bundeswehr/PAO Counter Daesh)Größere Abbildung anzeigen

Die Sonne über der jordanischen Wüste ist bereits untergegangen, die meisten Soldaten sind im Camp, die Techniker vom Instandsetzungszug packen jetzt erst ihre Materialien ein und machen die letzten Lichter aus.

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Stand vom: 20.02.18 | Autor: Dorian B.


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