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ISAF: Einsatztagebuch vom 08. Mai 2013 - „Zweieinhalb Minuten an der Eckfahne“

Hauptmann Johannes S.
Hauptmann Johannes S. (Quelle: Bundeswehr)
Mazar-e Sharif, 08.05.2013.

Hauptmann Johannes S. ist seit Anfang Januar 2013 als Presseoffizier in Mazar-e Sharif eingesetzt.
Nach seinem Abitur trat Johannes S. im Jahr 2002 in die Bundeswehr ein. Er schloss die Offizierausbildung inclusive des Studiums an der Universität der Bundeswehr in München erfolgreich ab. Er war dann als Zugführer und stellvertretender Kompaniechef in der Gebirgsjägertruppe eingesetzt.
Seit Mai 2011 ist Hauptmann S. als Presseoffizier für die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der Gebirgsjägerbrigade 23 mit ihren fünf Standorten in Süddeutschland verantwortlich.
Im ISAF-Einsatz wird er die Besuche von Medienvertretern im Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord (RC North) vorbereiten und diese bei ihrer Arbeit begleiten. Regelmäßig berichtet er hier für einsatz.bundeswehr.de von seinen Erlebnissen und Erfahrungen.
Sein Einsatz neigt sich nun dem Ende zu, und so endet auch sein Einsatztagebuch. Wir danken Hauptmann S. für die interessanten Einblicke in den letzten vier Monaten. Hier folgt nun sein vorerst letzter Eintrag.

08. Mai 2013: „Zweieinhalb Minuten an der Eckfahne“

Um 2:50 Uhr verschwinden zwei Stahlkolosse im Rachen des größten Transportflugzeuges der Welt. Heute geht es für eine Panzerhaubitze 2000 und ein Gruppentransportfahrzeug Boxer (GTK Boxer) zurück nach Deutschland. Zusammen wiegen sie rund 100 Tonnen. Im Innenraum der ANTONOV 124-100 könnte man problemlos Fußball spielen und würde sich dabei nicht auf die Füße treten. „Ein beeindruckender Abschluss für die Dreharbeiten“, sage ich mit Blick in den Laderaum zum ARD-Hauptstadtkorrespondenten, mit dem ich zehn Tage lang die Vorbereitungen für den Rückflug eines GTK Boxers vom OP North nach Deutschland begleitet habe. Das Ergebnis gibt es am 8. Juli um 21:00 Uhr in der ARD zu sehen.

Ein Stahlkoloss verschwindet im Rachen des größten Transportflugzeuges der Welt
Ein Stahlkoloss verschwindet im Rachen des größten Transportflugzeuges der Welt (Quelle: Bundeswehr/PAO RC North)Größere Abbildung anzeigen

Nach einer kurzen Nacht, die durch die Recherchen für das bevorstehende Interview noch kürzer wurde, sitze ich am 26. April um 8:30 Uhr dem Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcupsieger im Biathlon, Hauptfeldwebel Michael Greis, der im Rahmen der Truppenbetreuung die deutschen Soldaten besuchte und eine Autogrammstunde gab, gegenüber. „Ich wollte mir mal anschauen, wie das für die Soldaten in Afghanistan so ist“, antwortet er mir mit seinem, aus Funk und Fernsehen bekanntem, Allgäuer Dialekt. Allein das kurzweilige 90-minütige Interview hätte einen eigenen Blog-Eintrag gefüllt. Die Eindrücke der letzten sieben Stunden zwischen der Beladung der ANTONOV und dem Interview mit dem sympathischen Olympiasieger, weiß ich – völlig übermüdet und mit tiefschwarzen Augenringen – gar nicht mehr richtig zu schätzen.

Mir ist bewusst, dass ich die letzten vier Monate einen privilegierten Status genossen habe, der nicht repräsentativ für die gut 4.000 Soldaten im Einsatz ist. Viele Kameraden verrichten monoton erscheinende Tätigkeiten, arbeiten im (Nacht-) Schichtdienst, verlassen das Lager in den vier bis sechs Monaten kein einziges Mal, haben keinen Kontakt zur Bevölkerung und im schlimmsten Fall sind ihre Arbeitsergebnisse nicht sichtbar für andere. Wenn es etwas gäbe, worüber ich mich beschweren müsste, dann ist es die absolute Reizüberflutung.

Osama mochte Volleyball

Mit einem Team des ZDF begleitete ich Mitte April Soldaten bei einer Brunneneinweihung nördlich des OP North. 35 Grad zeigt das Thermometer an. Wir steigen aus dem klimatisierten Panzer und bewegen uns in Richtung Brunnen. Am Ziel angekommen – ich schätze die Entfernung auf 800 Meter – bin ich schweißgebadet. Unter meiner Schutzweste krame ich nach meinem Notizblock. Über mich selbst lachend, ziehe ich einen Stapel durchgeweichter Blätter mit nicht mehr zu entziffernden Kugelschreiberaufzeichnungen heraus. Etwas unprofessionell lehne ich dabei an einer Holzstange, die als Befestigung eines Volleyballnetzes dient. „Volleyballnetze haben die damals unter Osama bin Laden überall aufgebaut. Osama hat gerne Volleyball gespielt“, sagt der in Kriegs- und Krisengebieten erprobte Reporter des ZDF zu mir. Das sind die Anekdoten, die einen selbst mit komplett durchgeschwitzter Kleidung, bei 35 Grad und mit 30 Kilogramm Ausrüstung zum Lächeln bringen.

Dass es sich, wie auf den kleinen gelben Ortsschildern am OP North zu sehen, nicht um einen „Ponyhof“, sondern um die reale Welt handelt, wird mir am Vorabend einer Patrouille wieder bewusst. „Sprengstoffanschlag auf afghanische Sicherheitskräfte und Beschuss eines Combat Outposts (behelfsmäßige Befestigungsanlage an einem strategisch wichtigen Punkt), 25 Kilometer nördlich des OP North“, trägt der Verantwortliche vor. Am Abend beschäftigt mich die Frage, worüber man mit seinen Freunden und seiner Familie zu Hause sprechen kann, ohne dabei unnötig Angst zu schüren? Ich hoffe, dass ich den richtigen Mittelweg gefunden habe.

Eine positive Entwicklung

Am Straßenrand stehend beobachte ich, wie hunderte Mädchen und Jungen mittags eine Schule in Pol-e Khomri verlassen. Zu Beginn kommen einige von ihnen etwas schüchtern auf mich zu. Schnell bildet sich eine Traube von 15 Kindern. Alle schauen mich neugierig an, stellen durcheinander dutzende Fragen. Wir unterhalten uns auf Englisch über Deutschland und was im Moment meine Aufgabe in Afghanistan ist. Im Gespräch mit Soldaten, die bereits 2010 in dieser Region waren, erfahre ich am Abend, dass dies damals undenkbar gewesen wäre. Man kann nur hoffen, dass die positive Entwicklung so weiter geht.

Von den Eindrücken fast erschlagen

Es ist der 18. April, 17:30 Uhr. Befehlsausgabe für einen Konvoi vom OP North nach Mazar-e Sharif. Bei den Soldaten sitzt ein ARD-Hauptstadtkorrespondent, der hektisch auf seinem Smart-Phone tippt. „Johannes, ich habe etwas Wichtiges für die Soldaten“, flüstert er mir zu. Zwei Minuten später liest er die Meldung eines Kollegen einer Nachrichtenagentur aus Berlin vor. „Afghanistan nach 2014: Bundeswehr will bis zu 800 Soldaten für Trainingsmission stellen“. So sind es die Soldaten des C-Zuges der PATF (Partnering Advisory Task Force) Mazar-e Sharif am OP North, die diese, nicht nur in Deutschland lang erwartete Information, vermutlich als Erste in ganz Afghanistan und noch vor sehr vielen Politikern in der ganzen Welt, erhalten.

Wie es ist, wenn andere über einen lachen, erlebte ich, als ich in Pol-e Khomri am Polizeihauptquartier innerhalb von zwei Tagen zweimal für einen afghanischen Übersetzer gehalten wurde. Gesichtsschwärze, Haarfarbe, Augenfarbe und Dreitagebart trugen dazu bei, dies zu vermuten. Meine rudimentären Dari-Kenntnisse hingegen ließen mich auffliegen. Der neben mir stehende Afghane fing herzhaft an zu lachen, erklärte mir, was passiert war, und konnte es sich nicht verkneifen, es auch den anderen Soldaten zu erzählen.

Es gehört dazu, auch mal über sich selber lachen zu können und zu ertragen, dass andere über einen lachen: Hauptfeldwebel Andreas W. (re.) und ich
Es gehört dazu, auch mal über sich selber lachen zu können und zu ertragen, dass andere über einen lachen: Hauptfeldwebel Andreas W. (re.) und ich (Quelle: Bundeswehr/Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

„Und von da unten wurden wir 2010 noch regelmäßig beschossen“, erinnerte sich ein einsatzerfahrener Soldat mit Blick auf die 600 Meter im Tal entfernten rot-weißen Sendetürme, als ich Anfang Februar zum ersten Mal am OP North war. Dass sich die Sicherheitslage hier gravierend zum Positiven verändert hat, spüren die Soldaten jeden Tag, wenn sie zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften in den Ortschaften im „Highway-Triangle“ patrouillieren. Die Gewissheit, dass es so bleibt, hat aber keiner.

Fast die Hälfte meines Einsatzes durfte ich Journalisten zum OP North begleiten. Das spartanische „Leben aus dem Rucksack“, der Kampf gegen die Natur, der Umgang der Soldaten mit der Bedrohungslage in dieser Region, aber vor allem die unbeschreiblich hohe Berufszufriedenheit bleiben mir in Erinnerung. Zentimeterhoch wird hier in ein paar Wochen der feinkörnige Staub liegen. Nach dem Aufwirbeln durch vorbeifahrende Autos sucht er sich unweigerlich seinen Weg in jede Körperöffnung. Ab dem ersten Schritt fängt man bei diesen Temperaturen an zu schwitzen. Der Staub vermischt sich auf der Haut mit Schweiß und überzieht den Körper mit einer feinen Schicht – wie Schmirgelpapier. Bei der abendlichen Dusche nimmt das Handtuch beim Abtrocknen die braunrote Farbe an.

Für mich ist dies hier die Reifeprüfung für jeden Vorgesetzten. Unter den denkbar schwierigsten Umständen müssen sie sechs Monate lang die ihnen anvertrauten Soldaten führen. Früher oder später offenbart sich hier aufgrund der fehlenden Privatsphäre jeder. Wer hier führen will, muss Vorbild sein!

Innerhalb von drei Wochen im April durfte ich – nahezu ohne Unterbrechung – Reporter von ARD, ZDF und vom SPIEGEL begleiten – immer im Hinterkopf, dass das Gedrehte und Geschriebene zu Hause ein Millionenpublikum erreichen wird. Lehrreicher und intensiver hätte die Zeit nicht sein können.

Nachtschicht am OP North, Kratzen an der Belastbarkeitsgrenze
Nachtschicht am OP North, Kratzen an der Belastbarkeitsgrenze (Quelle: Bundeswehr/Christian Tipke)Größere Abbildung anzeigen

Gefühlte vier Wochen

Der Einsatz bot viele Höhen und die nicht ausbleibenden Tiefen. Die wenigen Tiefpunkte ließen sich mit einem Schuss Gelassenheit und einer Portion Sarkasmus schnell überwinden. Die etwas fatalistische Lebensweisheit eines älteren Freundes half dabei: „Nimm dein Leben nicht zu ernst, du überlebst es eh nicht!“

Die Zeit im Einsatz kam mir nicht vor wie vier Monate, sondern eher wie vier Wochen: Eine halbe Woche Ankommen, Auspacken und Einleben. Drei Wochen arbeiten und eine halbe Woche packen, Arbeit übergeben und Abschied nehmen.

Auch wenn ich im Unterschied zum Ausnahmealpinisten Hermann Buhl keinen 8000er im Alleingang erstbestiegen habe, spricht er mir mit seinem Zitat aus der Seele: „Eine wohlige Müdigkeit, als Reaktion auf die angestrengte Nervenarbeit der letzten Monate, hat von mir Besitz ergriffen. Wunschlos genieße ich die Freude über das Erreichte.“

Der Presseansturm im März und April trug sein Übriges dazu bei, dass aus meinem Onlinetagebuch ein Monatsbuch wurde. Subjektiv und kritisch sollte ich schreiben. Und alle zehn Tage hätte ich einen Beitrag veröffentlichen sollen. Wäre es ein militärischer Auftrag gewesen, müsste ich meinem Chef melden, dass ich diesen – nicht nur zeitlich – nicht erfüllt habe.

Trotz unzähliger Hubschrauberflüge habe ich lediglich einen geografischen Mikrokosmos Afghanistans gesehen. Auf einem Fußballplatz wäre es vielleicht der Viertelkreis, der um eine Eckfahne gezogen ist. Umgerechnet auf die Dauer des seit Ende 2001 mandatierten Einsatzes habe ich mit meinen vier Monaten ungefähr 3% Prozent davon vor Ort miterlebt. Hätte mir jemand prophezeit, dass ich mich über zweieinhalb Minuten „Spielzeit“ an der Eckfahne eines Fußballspiels freuen würde, dann hätte ich es nicht geglaubt.

Am Ende meines Einsatzes wäre es angebracht, ein Fazit zu ziehen. Die Intensität der letzten Wochen und die nahtlosen Übergänge zwischen den Highlights ließen es noch nicht zu, dass ich mir abschließend Gedanken über das Erlebte mache. Durch den ständigen, oftmals zu abrupten, Wechsel zwischen Planung und Improvisation kam nie Langeweile auf. Dies kratzte jedoch das ein oder andere Mal an meiner Belastbarkeitsgrenze.

Der Anblick von Staub, Steinen und braunen Feldern in den letzten Monaten führte dazu, dass ich mich mehr als sonst auf den beginnenden Frühling in Deutschland freue. Außer „Zeit mit Freundin und Familie verbringen“ steht nur „Ausruhen und Erholen“ auf meiner imaginären To-do-Liste für die nächsten vier Wochen.

Der Einsatz endet, das Onlinetagebuch auch
Der Einsatz endet, das Onlinetagebuch auch (Quelle: Bundeswehr/Andreas Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Wenn ich mich an den letzten Satz meines ersten Tagebucheintrages erinnere, kann ich nur sagen: Ich erwartete viel. Ich erlebte mehr…

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08. März 2013: Zufrieden im Schlamm

Im Anflug auf den Observation Post North
Im Anflug auf den Observation Post North (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Wenige Meter über den braun-grünen Hängen rauschen zwei „Nazguls“ durch die unendliche Weite Nord-Afghanistans. Die Transporthubschrauber CH 53 sind wegen ihrer optischen Ähnlichkeit nach den riesigen Greifvögeln aus „Herr der Ringe“ benannt. Steil abfallende Hänge wechseln sich mit öder und unwirtlicher Landschaft ab. Kein Baum, kein Strauch so weit das Auge reicht. Hunderte Kilometer von der Zivilisation entfernt, steigt hin und wieder Rauch aus einer Lehmhütte auf. Unvorstellbar, dass in dieser kargen und rauen Umgebung Menschenleben möglich ist.

Zwei Journalisten wollen am Observation Post (OP) North für sieben Tage einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Soldaten im Alltag begleiten. „Wir wollen morgens beim Aufstehen und abends beim Zähneputzen dabei sein“, warnen sie mich, als wir uns im Vorfeld über das Projekt unterhalten.

21. Februar, 3.40 Uhr

Frühstück vorbereiten um 4.30 Uhr: Guido Schmidtke (li.) interviewt Stabsfeldwebel Olaf H. (re.)
Frühstück vorbereiten um 4.30 Uhr: Guido Schmidtke (li.) interviewt Stabsfeldwebel Olaf H. (re.) (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Der Wecker klingelt. Mit verschlafenen Augen schäle ich mich langsam aus meinem Schlafsack. Heute steht Stabsfeldwebel Olaf H. im Mittelpunkt der Dreharbeiten. Zusammen mit sechs Soldaten verwandelt er morgens und abends das 400 Personen fassende Zelt am OP North in einen Gourmettempel. Als Verpflegungsfeldwebel bereitet er an sechs Tagen das Frühstück und Abendessen für die Soldaten vor. Dienstags ganztägig sowie jeden Mittag ernähren sich die Soldaten von Fertignahrung. An diesen Tagen bleibt die Küche wegen Reinigung geschlossen. „Man gewöhnt sich an die langen Tage“, gibt Stabsfeldwebel Olaf H. um 20.45 Uhr sichtlich erschöpft und mit kleinen Augen zu. Frühstück vorbereiten, Waren einkaufen und annehmen, Müll wegbringen, Kühlcontainer überprüfen, eine Stunde Sport zur Abwechslung, Abendessen zubereiten und eine abschließende Teambesprechung füllen einen 17-stündigen Arbeitstag aus. Die beiden Journalisten sind mit ihren Kameras rund um die Uhr dabei. Erst nach einigen Tagen wird mir bewusst, wie wichtig leckeres, abwechslungsreiches und mit Liebe zubereitetes Essen ist. Es geht dabei weniger um den Bauch – satt wird man auch von Fertignahrung – sondern vielmehr um den Kopf.

„Heute hat‘s wieder super geschmeckt“, unterbricht uns einer der Soldaten, als Stabsfeldwebel Olaf H. abends bei der Essensausgabe von den Journalisten interviewt wird. Viele klopfen ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Das ist das größte Kompliment, das wir bekommen können“, sagt er sichtlich bewegt in die Kamera. Die gute Stimmung im Verpflegungszelt kann auch von gelegentlich abbrechenden Plastikmessern, die ihren Weg durch saftigen Rinderbraten in Richtung Boden des Plastiktellers suchen, nicht getrübt werden.

22. Februar, 20.35 Uhr

Befehlsausgabe für die Patrouille am nächsten Tag. „Bleiben Sie ganz ruhig. Man kann es eh nicht beeinflussen, ob etwas passiert“, sagt Hauptfeldwebel Christian E. – Zugführer von 40 Soldaten der Quick Reaction Unit – mit ruhiger Stimme zu einem der Journalisten. Bei strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen stehen am nächsten Morgen 30 Soldaten im Halbkreis vor den Fahrzeugen. Hauptfeldwebel E. bittet einen Soldaten nach vorne. „Alles Gute zum 26. Geburtstag! Wir haben noch eine Überraschung für Dich“, sagt der Hauptfeldwebel lachend und klopft dem Geburtstagskind auf die Schulter. Es läuft mir eiskalt den Rücken runter, als sich 30 bewaffnete Männer mit dunklen Sonnenbrillen formieren, um „Happy Birthday to you“ so laut zu singen, dass die dröhnenden Motoren für eine Minute nicht mehr zu hören sind.

Transportpanzer Fuchs kurz vor dem Umkippen, 200 Schaulustige Afghanen lassen sich das Spektakel nicht entgehen
Transportpanzer Fuchs kurz vor dem Umkippen, 200 Schaulustige Afghanen lassen sich das Spektakel nicht entgehen (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Zusammen mit einem Journalisten sitze ich im Fahrzeug des Patrouillenführers. Eingequetscht in den Schalensitz verbringen wir fast zwei Stunden im fahrenden DINGO bis eine Stimme aus dem Funkgerät krächzt: „Fuchs festgefahren, 200 vor Ortschaft“.

„Alle bereit? Wir sitzen ab“, sagt Hauptfeldwebel Christian E. mit einem kurzen Blick über die Schulter von seinem Kommandantensitzplatz in Richtung des Journalisten. Starke Regenfälle haben die schmalen Feldwege aufgeweicht. Das Fahrzeug ist nach rechts abgerutscht und droht zu kippen. „Das kann ja heiter werden“, denke ich mir beim Blick durch die Scheibe, als ich ungefähr 100 schaulustige Afghanen um das Transportfahrzeug herum stehen sehe.

Die Schweißperlen sammeln sich auf Christians Stirn. Seine Stimme wird lauter. Selbst einem Laien würde nicht entgehen, dass mit der Situation nicht zu spaßen ist. Wir stehen auf einer 200 mal 200 Meter großen Freifläche, die auf drei Seiten von Lehmhäusern umgeben ist. Die Straße ist durch das Fahrzeug versperrt, die Patrouille in zwei Teile getrennt. Der Bergeversuch dauert schon mindestens 15 Minuten. Aus der Umgebung strömen immer mehr Menschen heran. Einige von ihnen haben ein Handy am Ohr.

Der Kameramann springt wie ein Eichhörnchen durch die Szenerie. Ich folge ihm und versuche selber den Überblick zu behalten. „Wo können wir hingehen? Wo wird es gefährlich? Wann kann er dem Protagonisten eine Frage stellen? Wie reagiert Christian?“ Zahllose Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wenn der Fernsehzuschauer in einigen Wochen in der geplanten Reportage auf Kabel 1 annähernd nachvollziehen können soll, wie sich dieser Moment für den Patrouillenführer anfühlt, dann muss die Kamera unmittelbar am Geschehen sein.

Christians Brillengläser sind beschlagen. Zahllose Funksprüche gehen ein. Die 35 Kilogramm schwere Ausrüstung drückt auf den Körper. Der Gehörschutz zwingt zum Schreien. Soldaten warten auf Anweisungen. Und das alles in einem Gelände, wo man leichte Beute für einen Anschlag ist. Vermutlich würde ein einziger dieser Stressoren für Otto-Normalverbraucher bereits zum Kollaps führen.

Gute Laune nach einem Oscar-verdächtigen Statement
Gute Laune nach einem Oscar-verdächtigen Statement (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Christians Stresspegel befindet sich am Zenit, als der erfahrene Journalist mit der Kamera auf ihn zugeht und ihm eine Frage stellt. Innerlich zucke ich zusammen und bin kurz davor, dem Journalisten handfest mitzuteilen, dass das jetzt nicht der ideale Zeitpunkt ist. Ich ringe mich durch und warte Christians Reaktion ab. „Meine Soldaten haben die Rundumsicherung eingenommen. Das Fahrzeug wird gleich auf meinen Befehl von einem anderen Panzer aus dem Graben gezogen. Wir müssen hier schnellstmöglich weg, weil wir hier wie auf dem Präsentierteller stehen“, sagt er in fast Oscar-verdächtiger Manier. Ich stehe hinter der Kamera und denke mir, „super O-Ton, gut, dass ich es laufen lassen habe“. Hauptfeldwebel E. grinst mich an, nimmt sein Funkgerät und arbeitet weiter, als wäre nichts gewesen.

Zum Abschluss der Bergung erleben die Soldaten noch ein Spektakel am Himmel. Über uns stürzen sich zwei Kampfhubschrauber „Tiger“ in die Tiefe. Wie Adler auf der Jagd nach Beute kommen sie vom Himmel. Geschätzte 100 Meter über dem Boden pfeifen sie über die jubelnden Soldaten hinweg. Die Szene erinnert mich an Western-Filme, in denen kurz vor der drohenden Stürmung des Forts überraschend die Kavallerie angeritten kommt. Ich wünschte mir, alle Kritiker der Einführung des Hubschraubers hätten in die glücklichen Gesichter der Soldaten schauen können, als die beiden „Tiger“ ihre Anwesenheit in beeindruckender Weise präsentierten. Schützend zogen sie zwei Stunden über uns ihre Kreise und hätten im Fall des Falles eingreifen können.

„Heute haben wir Glück gehabt. Das hätte auch anders ausgehen können“, gibt Hauptfeldwebel Christian E. beim alkoholfreien – am OP North herrscht Alkoholverbot – Feierabendbier mit müder Stimme unter vier Augen zu.

26. Februar, 10.45 Uhr

Regen, Schnee und viel Schlamm - Patrouille abgesagt! Hauptfeldwebel Andreas W. vor der Kamera
Regen, Schnee und viel Schlamm - Patrouille abgesagt! Hauptfeldwebel Andreas W. vor der Kamera (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Regen geht über in Schneefall. Dichter Nebel hängt über dem Berg. Eisig kalt pfeift der Wind über die schneebedeckten Hügel und durchdringt alle Kleidungsschichten. Die für heute geplante Patrouille findet nicht statt, weil die Luftunterstützung durch Sanitätshubschrauber nicht gewährleistet ist. „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, was 2010 am OP North los war“, sagt der Protagonist des heutigen Tages, Hauptfeldwebel Andreas W., mit einer winkenden Bewegung und führt die Journalisten in sein Zelt. 2010 war er als Zugführer zusammen mit seinen Soldaten in die längsten Feuergefechte mit deutscher Beteiligung seit dem 2. Weltkrieg verwickelt. „Die Mission war für zwei Tage geplant. Nach 15 Tagen waren wir wieder im Lager“, sagt er schmunzelnd.

Abgemagerte bärtige Soldaten lagen erschöpft von den Feuergefechten oben ohne im Schatten ihrer gepanzerten Fahrzeuge. Ihre Hosen und Oberkörper überzogen von rot-braunem Staub. Ballistische Weste, Helm und Gewehr lagen in Reichweite. . „40 Grad und mehr hatten wir da“, beschreibt er die damalige Situation. Sechs Wochen keinen Kontakt nach Hause, kein fließend Wasser, tagaus tagein Fertignahrung und tägliche Feuergefechte bestimmten den Alltag im Jahr 2010.

„Wie man sieht, hat sich die Sicherheitslage deutlich zum Positiven verändert“, sagt er zu einem der staunenden Journalisten.

Hauptfeldwebel Andreas W. stellt sein Schuh-Sortiment vor
Hauptfeldwebel Andreas W. stellt sein Schuh-Sortiment vor (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Die Soldaten am OP North schlafen in Zelten, auf Feldbetten und im Schlafsack. Sechs Monate lang. Mit Planen – wahlweise in grüner oder weißer Farbe – trennen sie ihre Bereiche voneinander ab. Die „Privatsphäre“ beschränkt sich auf 2 mal 2 Meter. „Ich höre es, wenn sich mein Nachbar nachts auf dem Feldbett umdreht, wenn er schnarcht, oder wenn er mit seiner Freundin telefoniert“, beschreibt Hauptfeldwebel Andreas W. das Leben auf engstem Raum.

In einem 30 Meter von seinem Zelt entfernten Container befinden sich die Toiletten und Duschen. Zu dieser Jahreszeit bedeutet das nachts: Stiefel anziehen, Mütze aufsetzen, warme Jacke überwerfen, Stirnlampe einschalten und über Schotter und Schnee zur Toilette gehen. „Man gewöhnt sich an Alles“, sagt er lachend.

„Schickimicki könnt ihr woanders!“ Improvisiertes Fitness-Studio am winterlichen OP North
„Schickimicki könnt ihr woanders!“ Improvisiertes Fitness-Studio am winterlichen OP North (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

In den sieben Tagen am OP North habe ich mit zahlreichen Soldaten gesprochen und viele andere bei der Arbeit beobachtet. Die Lebensumstände sind alles andere als mitteleuropäischer Standard. In meiner elfjährigen Dienstzeit habe ich noch keine Einheit und keinen Standort erlebt, wo die Berufszufriedenheit dennoch auch nur im Ansatz so groß gewesen wäre. Lange versuche ich der Frage auf den Grund zu gehen, warum ausgerechnet hier - wo am 18. Februar 2011 ein Afghane drei deutsche Soldaten erschossen hat, wo einem im Winter Schnee und Schlamm und im Sommer 40 Grad Hitze das Leben schwer machen und wo die Soldaten bei ihren täglichen Patrouillen mit der Gefahr leben müssen, in die Luft gesprengt zu werden – die Berufszufriedenheit so greifbar ist.

Weitab von der Heimat macht ein Großteil der Soldaten genau das, wofür er monate- und jahrelang ausgebildet wurde. Modernste Fahrzeuge, wie der GTK Boxer stehen zur Verfügung. Es muss nicht auf dem Papier schön aussehen, sondern in der Praxis funktionieren. Dabei erinnere ich mich an die Worte eines ungarischen Generals bei der einsatzvorbereitenden Ausbildung in Bydgoszcz, Polen: „Wir brauchen keine ‚Copy-Paste-Officers‘ und auch keine ‚Power-Point-Heros‘“. Die zu Hause oft übertriebene und teilweise behindernde Bürokratie rückt hier in den Hintergrund. Vom Obergefreiten bis zum Oberstleutnant trifft es jeden gleichermaßen, wenn es um das Putzen von Duschen und Toiletten oder die Verteilung der Wachdienste geht. Ich habe noch zwei Monate Zeit um eine abschließende Erklärung zu finden. Vorerst gebe ich mich damit zufrieden.

Die Berufszufriedenheit der Soldaten steckte mich an. Sichtlich erschöpft fliegen wir mit 35 Stunden Filmmaterial im Gepäck am 28. Februar nach Mazar-e Sharif zurück. Ich freue mich darauf, in drei bis vier Monaten das Resultat bei Kabel 1 zu sehen. Genau so freue ich mich auf das nächste Medienprojekt am OP North, das unter bayerischen Vorzeichen steht. Schon ab dem 8. März begleite ich einen Redakteur des Bayerischen Rundfunks nach Baghlan.

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28. Februar 2013: Zirkusreife Vorstellung in Kabul

Der beißende Geruch von Kerosin und die stickig warme Luft aus den röhrenden Triebwerken begleiten uns beim Einsteigen in die altehrwürdige Transall. Seit gut fünf Jahrzehnten ist das Transportflugzeug für die Bundeswehr im Einsatz. Heute fliege ich zusammen mit 40 Personen in Richtung Kabul. Alles wackelt und scheppert im Innenraum, als sich der Stahlkoloss mit ohrenbetäubendem Lärm beim Start in die Luft kämpft. Es ist so laut, dass eine Unterhaltung mit meinem Chef, der mir gegenüber in einem der spartanischen Sitze Platz genommen hat, nur schreiend möglich wäre. Aus diesem Grund drücke ich mir den Gehörschutz in die Ohren und mache die Augen zu.

Vermutlich unbestiegene Gipfel des Hindukusch
Vermutlich unbestiegene Gipfel des Hindukusch (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Von einem kurzen Durchsacken der Maschine wachgerüttelt, bemerke ich beim Blick durch das 30 cm breite Guckloch, dass wir gerade die Ausläufer des Hindukuschs passieren. Schneebedeckte – größtenteils namenlose und unbestiegene – Gipfel so weit das Auge reicht. Wenige Minuten später landen wir am Kabul International Airport.

Vor der „Grandler Stubn“ in Kabul
Vor der „Grandler Stubn“ in Kabul (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Beim Betreten unserer Unterkunft – sie trägt den Namen „Grandler Stubn“ – erkläre ich meinem Chef, was ein „Grandler“ ist. Meine Übersetzung dafür lautet: „das ist ein bayerischer Ausdruck für Nörgler“. Nach einer Orientierungsrunde im Camp stemme ich abends im überdimensionierten amerikanischen Fitnesstempel noch ein paar Gewichte. Die Größenordnung entspricht einem Zirkuszelt. Es riecht aber nicht nach Elefanten und Tigern, sondern nach kaltem Männerschweiß. In der Mitte, wo im Zirkus die Löwen durch brennende Ringe springen, sind zwei muskelbepackte amerikanische Soldaten beim Bankdrücken. Manege frei! Einer, der Dompteur, feuert lauthals an, der andere drückt Unmengen an Kilos in die Höhe, bis sein Kopf rot anläuft. Falls es eine Skala für Testosteron-Konzentration gibt, könnte man hier den Maximalwert messen. Ihre Staturen unterscheiden sich bis auf die Tätowierungen an Armen und Beinen fast nicht von Zirkusbären: 1,90 Meter groß, 100 Kilogramm schwer und Oberarme so dick wie Oberschenkel. Ziemlich beeindruckt von der kostenlosen Vorstellung verlasse ich das Zelt.

Mit einem kalorienreichen amerikanischen Frühstück starten mein Chef und ich in den nächsten Tag. Heute treffen sich alle Presseoffiziere aus den sechs Regionalkommandos Afghanistans. Am Vormittag erklären uns drei Referenten, wie in Zukunft die Zusammenarbeit mit den afghanischen Pressesprechern der Sicherheitskräfte koordiniert werden soll. Wir erhalten Einblicke, wie viele Medienanfragen in den einzelnen Regionalkommandos zu beantworten sind, wofür sich die Journalisten am meisten interessieren und wie sich die Zahlen die letzten Jahre entwickelt haben. Mein bisheriger Eindruck, dass das mediale Interesse an der Mission am Hindukusch nachgelassen hat, bestätigt sich beim Blick auf die Zahlen nicht.

Zum Abschluss des Vormittags führt uns ein amerikanischer Offizier durch die Operationszentrale, sozusagen das Herz und Hirn des Afghanistan-Einsatzes. Von außen deuten die Ausmaße auf eine große Dreifach-Turnhalle hin. Im Inneren reiht sich ein Computer an den anderen. Über den Bildschirmen kleben kleine Nationalfähnchen mit kryptischen Abkürzungen, welche die Funktion des dahinter arbeitenden Soldaten beschreiben. Dutzende Menschen schauen mehr oder weniger verkrampft auf Bildschirme. Riesige Projektoren werfen Lagekarten und Luftaufnahmen an die Wände. Nach 10 Minuten verlassen wir – immer noch beeindruckt von der Größe – das vermeintliche Epizentrum des Elektrosmogs in Afghanistan.

Vor den Flaggen der NATO-Staaten- Multinationalität in Kabul
Vor den Flaggen der NATO-Staaten- Multinationalität in Kabul (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Wie können wir helfen, damit die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der afghanischen Sicherheitskräfte noch erfolgreicher wird? So lautet die zentrale Frage des Tages. Aus den Gesprächen mit anderen Pressesprechern nehme ich mit, dass die afghanische Pressearbeit deutlich personenzentrierter ist, als wir sie kennen. Die abschließende Frage einer blonden Journalistin, ob es nach der Reduzierung der ISAF-Kräfte und der Übernahme der Verantwortung durch die Afghanen überhaupt noch möglich sei, als Frau die Sicherheitskräfte zu begleiten, stimmt mich nachdenklich. Unvorstellbar, dass sich in Mitteleuropa eine weibliche Journalistin darüber Gedanken machen muss.

Die Tage vor der Konferenz durfte ich einen Journalisten – ein deutscher Experte für Sicherheits- und Militärpolitik – aus Berlin in Mazar-e Sharif begleiten. Die Vorfreude auf diesen durchaus kritischen und spannenden Termin war zur Verwunderung meiner Kameraden groß. Die Gespräche mit dem Journalisten eröffnen zur Abwechslung eine ganz andere Perspektive auf den Einsatz. „Da hat sich schon viel zum Positiven verändert“, antwortet er auf meine Frage, ob sich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr im Laufe der letzten Jahre verändert habe. Er kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen, als wir später über – für Außenstehende – undurchsichtige Strukturen, die Internetauftritte und Abkürzungen der Bundeswehr sprechen. „Eigentlich müsste es in einigen Fällen ‚Ablängungen‘ heißen“, stimme ich ihm im Spaß zu. Das Ausmaß an Abkürzungen im Auslandseinsatz übersteigt das menschenverträgliche Niveau deutlich. Erschwerend kommen Bezeichnungen hinzu, bei denen es uns selbst schwer fällt, sie in einfachem Deutsch zu erklären. Abends beim Telefonieren muss meine Freundin bei jedem zweiten Satz nachfragen, wenn ich von KAIA (Kabul International Airport), MES (Mazar-e Sharif) oder DCOS SPT (Deputy Chief of Staff Support) spreche.

Blick über den Kabul International Airport in Richtung Hindukusch (KAIA)
Blick über den Kabul International Airport in Richtung Hindukusch (KAIA) (Quelle: Bundeswehr/Johannes S.)Größere Abbildung anzeigen

Der Journalistenbesuch führt uns zur sogenannten Materialschleuse. In zwei großen Zelten werden Container und Kraftfahrzeuge angenommen, überprüft und verpackt, bevor sie nach Deutschland transportiert werden. Ungefähr 6000 Container und 1200 Kraftfahrzeuge werden hier bis Ende 2014 durchgeschleust.
Wie eine Raubkatze vor dem Sprung steht er da, der neue Kampfhubschrauber. Ein sehr treffender Name, denke ich mir, als ich die Formen des TIGERs begutachte. Wie angespannte Muskeln, nicht üppig, sondern eher elegant und durchtrainiert steht er vor uns. Stolz erklärt der Techniker eine Stunde lang die Einsatzmöglichkeiten des Hubschraubers. Vor allem die Bewaffnung, die Unterschiede zum französischen Modell sowie das späte Einführungsdatum interessieren den Journalisten.

Dank modernster Technik bekomme ich zwischendurch noch vertraute bayerische Stimmen zu hören. In der Mittagspause führt ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks von München aus ein Interview mit einem Soldaten im Camp Marmal, der kurz vor seiner Rückkehr aus dem Einsatz steht. „Worauf freuen Sie sich am meisten? Was werden Sie die ersten Tage nach ihrer Rückkehr machen? War es anstrengend?“ Das alles will der Redakteur vom Soldaten wissen. Bis ich mir diese Fragen stellen werde, dauert es noch ein paar Wochen. Trotzdem freut man sich für jeden, der den Einsatz gut und gesund hinter sich gebracht hat.

Die nächsten Tage stehen unter dem Motto, „Was macht eigentlich ein…?“ Ein Kamerateam begleitet vier Soldaten am Observation Post Nord, eine Flugstunde südöstlich von Mazar-e Sharif gelegen, jeweils einen Tag lang. Bei den Dreharbeiten werde ich viele bekannte Gesichter aus der Heimat treffen. Man ist „am Ende der Welt“, es ist schlammig und steinig, teilweise anstrengend. Deshalb freue ich mich umso mehr darauf, bei den Kameraden aus meiner Heimat zu sein, die ich schätze und von denen ich weiß, dass sie im Notfall alles für einen machen würden. Genauso wie ich für sie.

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15. Februar 2013: Baustelle Afghanistan

Im Sommer soll die neue Pionierschule bezugsfertig sein
Im Sommer soll die neue Pionierschule bezugsfertig sein (Quelle: Bundeswehr/S.Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Rechts hinten quetsche ich mich samt Ausrüstung und Waffe in den schwarzen Recaro-Schalensitz. Mit einem lauten Knall fällt die schwere Stahltür des gepanzerten Fahrzeugs ins Schloss. „Vergessen Sie nicht, die Minenverriegelung zu schließen, Herr Hauptmann“, weist mich der junge Soldat links neben mir mit einem Fingerzeig auf einen grünen Hebel hin. Vor sich hat er eine Art Fernseher mit vielen Knöpfen. In seiner rechten Hand hält er einen Joystick, mit dem er das Waffensystem auf dem Dach des Fahrzeugs bedient. „Hier kann man rein- und rauszoomen. Mit diesem Knopf kann ich auf das Nachtsichtgerät umschalten“, erklärt er mir mit ruhiger Stimme.

Fast jeden Tag pendeln die Soldaten des Transportzuges zwischen Camp Marmal und dem 30 Kilometer westlich gelegenen Camp Mike Spann. Mir fällt auf, wie routiniert die Vorbereitungen für den Marsch ablaufen: Keiner schreit herum, jeder weiß genau, was er zu tun hat. Das Umfeld wirkt beruhigend auf mich. Es reicht ja, dass ich aufgrund meiner ersten Fahrt außerhalb des Lagers leicht angespannt bin. Im letzten von fünf gepanzerten Fahrzeugen sitzend, verlasse ich bei strahlendem Sonnenschein um 8 Uhr das Lager. Zwei Journalisten recherchieren heute an der Pionierschule der afghanischen Armee und ich begleite sie.

Journalistenbegleitung zur zukünftigen Pionierschule

Eine Stunde später begrüßt uns Oberstleutnant Wolfgang B. am Eingang zum Camp Mike Spann. In einem der zahllosen Container erklärt er den Journalisten mit Hilfe von Organigrammen und Fotos, was vor Ort passiert. „Die neue Pionierschule bietet Platz für 700 Studenten“, sagt er mit stolzer Stimme. Das 24 Millionen Euro teure Projekt soll im Sommer 2013 bezugsfertig sein. „An der derzeitigen Schule haben wir schon 3.700 afghanische Soldaten ausgebildet“, ergänzt er und erklärt, dass ein multinationaler Stab, bestehend aus Belgiern, Norwegern, Schweden, Ungarn, Finnen und Deutschen, für das Mentoring verantwortlich ist.

Auf den Bildern sehen wir, wie geschreinert und geschweißt wird. Dutzende afghanische Soldaten stehen vor großen Baumaschinen und lassen sich die Bedienung erklären. An einer anderen Station lernen sie die Grundlagen der Kampfmittelbeseitigung.

Der „Abzugsfinger“ des Fotografen fängt am Ende des Vortrages an zu zucken. Er brauche unbedingt noch Fotos von der Ausbildung der afghanischen Soldaten, sagt er.

Stationsausbildung an der afghanischen Pionierschule
Stationsausbildung an der afghanischen Pionierschule (Quelle: Bundeswehr/S. Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Im Halbkreis sitzen 25 afghanische Soldaten im Freien auf dem staubigen Boden um einen Tisch herum. Aufmerksam schauen sie dem vor ihnen stehenden afghanischen Ausbilder auf die Finger, als er anhand einer alten russischen Rakete die Gefahren von Sprengfallen erklärt. Ich verstehe kein Wort von dem, was der Ausbilder sagt. Gut, dass Said neben mir steht. „Komm, lass uns weitergehen“, sagt er am Ende der Ausbildung in fehlerfreiem Deutsch zu mir. In eleganter landestypischer Kleidung und mit sauber geputzten schwarzen Lederschuhen – was bei all dem Staub nicht einfach ist – geht er neben mir zur nächsten Ausbildungsstation. Said arbeitet seit drei Jahren als Dolmetscher für die Bundeswehr. Vor einigen Jahren kam er nach Deutschland, hat seinen Realschulabschluss in Hamburg gemacht und dann noch mehr als ein Jahr in Lübeck gelebt. „Ich wäre gerne in Deutschland geblieben. Leider habe ich keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen“, erklärt er mir auf die Frage, wieso er so gut Deutsch spricht.

„Das hier werden Unterkunftsgebäude für die Lehrgangsteilnehmer. Und auf dieser Seite entsteht die Sporthalle“, erklärt der für die Infrastruktur verantwortliche deutsche Offizier dem Redakteur. Eine Stunde lang steigen wir über Baugerüste, vorbei an frisch gegossenem Beton und herumliegenden Eisenstangen. Eine riesige Baustelle, die genauso gut in Deutschland stehen könnte, denke ich mir. „Die Gebäude haben mitteleuropäischen Baustandard“, bestätigt der verantwortliche Offizier meinen Eindruck. Ab März 2014 sind die Afghanen selbst für die Gebäude verantwortlich.

Gespräche mit Said über Deutschland

Im Gespräch mit Said, unserem Übersetzer
Im Gespräch mit Said, unserem Übersetzer (Quelle: Bundeswehr/S. Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Nach meiner Rückkehr ins Camp Marmal denke ich – erschlagen von den Eindrücken des Tages – erneut an Said, den Dolmetscher, der mich tagsüber begleitete. Er ist 26 Jahre alt und wohnt mit seiner Familie in Mazar-e Sharif. In der Stadt sagt er, spreche er nur ungern über seine Arbeit als Dolmetscher. Er spricht fließend Englisch und Deutsch, selbstverständlich auch Dari, seine Muttersprache. Es ist sein größter Wunsch, in Deutschland Jura zu studieren.
Wir erzählen uns Geschichten über unsere Erlebnisse in Hamburger Kiez-Kneipen und reden über das Leben in einer deutschen Großstadt. Wenige Sätze später spricht er über seine Lebensumstände in Mazar-e Sharif. Wir unterhalten uns über den FC St. Pauli und über die neu entstandene afghanische Fußballliga.
Ob der reflektierende und beide Lebenswelten kennende Said sinnbildlich für die junge afghanische Generation steht, weiß ich nicht. Dafür kenne ich leider zu wenige. Wünschenswert wäre es allemal.

Der Redakteur und der Fotograf zeigen sich mit dem Gesehenen und Erlebten zufrieden, als wir um 14 Uhr zu den Fahrzeugen zurückkehren. Durch die dicken Fensterscheiben des gepanzerten Fahrzeuges bekomme ich auf der Rückfahrt einen Eindruck vom Alltag auf den Straßen von Mazar-e Sharif. Vor allem die winkenden und dem Fahrzeug hinterher stürmenden Kinder bleiben mir in Erinnerung.

Alltag ist doch nicht alltäglich

Den Rest der Woche arbeite ich zusammen mit den beiden anderen Presseoffizieren in unserem Büro – vor den Computern. Projekte vorbereiten, Emails schreiben und telefonieren, Pressespiegel lesen, Journalisten im Camp Marmal begleiten und Artikel verfassen, diese Aufgaben bestimmen unseren „Alltag“. Die Berichterstattung über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr in den deutschen Medien war in den letzten Wochen sehr überschaubar. Anscheinend dokumentiert dies das schwindende Interesse der Öffentlichkeit an der Mission am Hindukusch.

Tagsüber bleibt – zum Glück – keine Zeit, darüber nachzudenken, was zu Hause passiert ist. Der Terminkalender für die nächsten Tage ist voll. Kommendes Wochenende nehme ich zusammen mit meinem Chef an einer Konferenz in der afghanischen Landeshauptstadt Kabul teil. Dort tauschen sich die Presseoffiziere aller Regionalkommandos aus. Langeweile ist somit nicht zu erwarten und darauf freue ich mich.

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04. Februar 2013: Herr Pfarrer, jetzt wird es ernst!

Im Gespräch mit dem Militärpfarrer
Im Gespräch mit dem Militärpfarrer (Quelle: Bundeswehr/Michael Kniess)Größere Abbildung anzeigen

Jung, witzig und kritisch mit sich und seinesgleichen ist er. Der katholische Pfarrer im Camp Marmal soll porträtiert werden. Es ist der erste Journalistenbesuch, den ich in Eigenregie betreue. Nach der Abholung des jungen Redakteurs am Terminal drehen wir eine Lagerrunde mit dem Auto. „So groß habe ich mir das nicht vorgestellt“, gibt er nach wenigen Minuten staunend zu. Im Anschluss besprechen wir bei einer Tasse Kaffee zusammen mit dem Pfarrer die Termine für die kommenden Tage. „Ein Foto bräuchte ich noch. Pfarrer im Seelsorge-Gespräch mit einem Soldaten, soll die Bildunterschrift lauten“, fällt es dem Redakteur am vorletzten Tag seines Besuchs ein. Da der Priester zurzeit keine Sorgenkinder zu betreuen hat, stelle ich mich kurzentschlossen zur Verfügung. Wir verabreden uns für 16 Uhr. Blaue Stunde nennen die Fotografen diesen Zeitpunkt. Die steilen Felswände des südlich vom Lager gelegenen Marmal-Gebirges wirken um diese Uhrzeit noch imposanter.

Wieso sollte ich mir Sorgen machen?

Seit Juni 2011 ist – Gott sei Dank – kein deutscher Soldat mehr in Afghanistan gefallen. Trotzdem bangen zu Hause viele Menschen um das Leben ihrer Liebsten im Einsatz. Mit Sicherheit mache ich mir weit weniger Sorgen um meine Freunde zu Hause als andersherum. Wieso sollte ich auch? Daheim geht es doch allen verhältnismäßig gut, meine Bekannten leben in einem sicheren Umfeld.
Das waren meine Gedanken bis zum Mittag des 20. Januars, falls ich mir darüber überhaupt welche gemacht habe. Doch dann lese ich die kurze Email von meinen Eltern:„Es ist etwas Schlimmes passiert. Bitte ruf uns schnellstmöglich zurück.“ „Was soll denn schon los sein?“, denke ich mir, als ich zum Handy greife und wähle. Belegt. Mein Herz schlägt schneller. Ich starre auf die Email. Alle möglichen Gedanken schießen mir durch den Kopf. „Was könnte passiert sein?“ Aufregung macht sich in mir breit.

Zweiter Versuch, es klingelt. Mit stotternder Stimme teilt mir meine Mutter mit, dass mein Cousin am 19. Januar in einer Lawine im Berner Oberland ums Leben gekommen ist. „Das stimmt nicht“, hasple ich tonlos nach einigen Sekunden des Schweigens. Ich will es nicht glauben. Meine Mutter wiederholt die traurige Nachricht noch einmal. Ich sacke nicht nur körperlich am Schreibtisch, sondern auch innerlich zusammen. Die gesamte Kindheit und Schulzeit haben wir zusammen verbracht, brenzlige Situationen beim Bergsteigen gemeistert und uns trotz der Entfernung zwischen unseren Wohnorten mehrmals im Jahr getroffen. Mit den Worten „wir sehen uns im Mai am Gardasee“, haben wir uns am 1. Januar bei mir zu Hause verabschiedet – wie mir erst Tage später bewusst wird, zum letzten Mal.

„Herr Pfarrer, jetzt wird’s ernst“, sage ich mit zitternder Stimme zum Seelsorger, als wir uns um 16 Uhr zum Foto treffen. Nach einem längeren Gespräch mit ihm gehe ich am Abend für eine Stunde alleine in die Kirche. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu sammeln. Ich stelle fest, dass Trauern in einer Entfernung von knapp 5.000 Kilometern unmöglich ist. Es ist unmöglich, Trost zu finden.
Mein Entschluss steht fest: Ich muss nach Hause. So gut es mir in diesem Zustand möglich ist, arbeite ich die offenen Aufträge ab. Innerhalb weniger Stunden steht fest, dass ich mit einem Flieger am 23. Januar nach Hause komme. Mein Cousin wäre an diesem Tag 30 Jahre alt geworden.

Request for interview

Bevor es für mich nachhause geht, arbeite ich noch eine kurzfristige Anfrage des Afghanistan-Korrespondenten vom Wall Street Journal ab, um mich abzulenken. Zurzeit sei er in Mazar-e Sharif und würde am nächsten Tag gerne ein Interview mit dem Kommandeur des Regionalkommandos Nord führen. Er informiert uns außerdem vorab, dass ihn vor allem die Sicherheitslage im Norden Afghanistans interessiere. Jetzt heißt es für mich recherchieren, Uhrzeiten vereinbaren, Zutrittsberechtigungen beschaffen und Themengebiete des Interviews abgrenzen – natürlich in englischer Sprache. Die Unterlagen lege ich meinem Chef vor, der den Kommandeur in einem kurzen Gespräch auf das Interview vorbereitet. Bei der Ankunft des Journalisten am afghanischen Tor erkläre ich ihm, dass er sich mehreren Sicherheitskontrollen unterziehen muss. Mit Spiegeln suchen afghanische Sicherheitskräfte nach magnetischen Sprengsätzen an unserem Auto. Einige hundert Meter weiter tasten mongolische Soldaten den Reporter auf gefährliche Gegenstände ab. Deutsche Sprengstoffspürhunde schnüffeln an seiner Kamera. Ein Mosaiksteinchen von multinationaler Zusammenarbeit im Camp Marmal wird für mich greifbar.
Sichtlich entspannt und mit einem Lächeln im Gesicht sagt der in Kiew geborene Journalist einige Meter weiter, „I´m used to it“ und folgt mir in unser Büro. Auf dem Weg dahin erklärt er mir das Prozedere, das man vor einem Termin beim afghanischen Präsidenten, Hamid Karzai, durchlaufen muss. Jedes einzelne Kleidungsstück wird durchsucht und am Ende werden einem sogar noch die Kugelschreiber abgenommen, schildert er die Abläufe in Kabul. „Do you know pencil guns?“, fragt er mich. Mit großen Augen und einem Fragezeichen auf der Stirn schaue ich ihn an. Anscheinend haben es einige von Q´s Erfindungen aus den James Bond-Filmen doch in die Realität geschafft.

Allein unter fröhlichen Menschen

Nach dieser willkommenen Ablenkung steige ich am 23. Januar in Termez in den Flieger. Zusammen mit 250 Soldaten sitze ich in einem Airbus der Bundeswehr auf dem Weg nach Hannover. Sechs Monate haben die Soldaten, mit denen ich zurück nach Deutschland fliege, im afghanischen Pol-e Khomri verbracht – es gibt bestimmt idyllischere Orte auf diesem Planeten. Sie freuen sich auf zu Hause, auf ihre Familien und auf einen längeren Urlaub. Zu Recht! Die Stimmung im Flugzeug ist ausgelassen. In Hannover angekommen, begrüßen Dutzende Familienangehörige ihre Liebsten. Sie liegen sich in den Armen. Auf die gesunde Heimkehr stoßen sie mit Sekt an. Mit gesenktem Kopf trotte ich an den glücklichen Menschen vorbei. Der einzige, der keinen Grund zur Freude hat, bin ich.

Bis sich am 20. Januar meine heile Welt auf den Kopf stellte, hatte ich mich gut eingearbeitet und im Lager eingelebt. Nach einem medial turbulenten Dezember – Besuch des Bundespräsidenten, Einführung des neuen Kampfhubschraubers TIGER sowie vorweihnachtliche Geschichten – halten sich die Medienanfragen im Moment in Grenzen. Die deutsche Beteiligung am Konflikt in Mali sowie die Stationierung der Patriot-Raketen in der Türkei stehen im Fokus der Öffentlichkeit. Bereits im Vorfeld des Einsatzes habe ich den mir bekannten Journalisten aus dem Einzugsgebiet der Gebirgsjägerbrigade 23 angeboten, uns in Afghanistan zu besuchen. Die Zeit nutze ich, um ihnen zu erklären, wie sie sich über das Einsatzführungskommando der Bundeswehr akkreditieren können und unterbreite ihnen Themenvorschläge.

Am 28. Januar steige ich um 12 Uhr in den Zug, der mich zum Militärflughafen nach Köln bringt. Es werden sechs nachdenkliche Stunden. Wie kräftezehrend die Tage des Abschiednehmens und Trauerns in Deutschland waren, merke ich erst kurz vor meinem Rückflug. Merklich erschöpft fühle ich mich, als ich am 29. Januar in Köln zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Afghanistan aufbreche. Zusammen mit vielen Bekannten aus der Gebirgsjägerbrigade 23 sitze ich im Flugzeug nach Termez. Es fällt mir schwer, ihnen zu erklären, wieso ich zu Hause war.

Trotz alledem bin ich sehr dankbar, dass mir meine Vorgesetzten eine schnelle und unkomplizierte Heimreise ermöglicht haben. Menschlichkeit und Zusammenhalt, gerade in schwierigen Situationen, auch das gehört zur Bundeswehr im Einsatz.

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21. Januar 2013: Neuzugang mit Muskelkater im Unterarm

Mein Arbeitsplatz für die nächsten 4 Monate
Mein Arbeitsplatz für die nächsten 4 Monate (Quelle: Bundeswehr/)Größere Abbildung anzeigen

Das Magazin rastet in meinem Gewehr ein, ich lade die Waffe klar zum Gefecht. Auf dem schlammigen, vom Schnee aufgeweichten Untergrund suche ich mir einen stabilen Stand. Ziel anvisieren, Feuer frei.
Das Anschießen der persönlichen Handwaffen gehört zu Beginn eines Einsatzes dazu. Vollbepackt mit der sperrigen ballistischen Schutzweste und einer Überwurf-Weste – daran sind Magazine, Taschen, Funkgeräte und das Erste-Hilfe-Paket befestigt – stehe ich wie ein „Michelin-Männchen“ auf der Schießbahn.
Zu Hause beim Packen für Bergtouren achte ich auf jedes Gramm. Jetzt trage ich ungefähr 20 Kilogramm zusätzlich mit mir herum. Die einfachsten Dinge – Reißverschlüsse schließen, Schnürsenkel binden oder Handschuhe aufheben – werden zur Herausforderung.

„Wie mag es bloß für meine Freunde gewesen sein, die in ein Feuergefecht geraten sind“, kommt es mir in den Sinn. Beladen mit Waffen, Munition, Funkgeräten und Wasser, schleppten sie mit Sicherheit 30 Kilogramm herum – im Sommer bei zum Teil 40 Grad. Mir fällt es schwer nachzuvollziehen, was sie leisten mussten. Wie soll es dann ausgerechnet einer meiner Bekannten zu Hause verstehen.
Nachdem ich mit meinem Gewehr 90 Patronen verschossen habe, denke ich mir, „funktioniert erstaunlich gut“. Trotzdem hoffe ich sehr, dass mir das Schießen in den nächsten Monaten erspart bleibt. Zu sehr habe ich mich in den letzten Monaten an die überschaubaren Gefahren des Büroalltages wie Elektrosmog, Schere und Brieföffner, gewöhnt.

Zurück im Büro blicke ich etwas überfordert auf drei Computer, zwei Telefone und unterschiedliche Email-Konten mit mehreren Passwörtern. Alleine die Einweisung in die Kommunikationsmittel dauert mehr als eine Stunde. Im Anschluss beginnt mein Rundgang durch das Lager.
„Vom vielen Händeschütteln bekomme ich bestimmt Muskelkater im Unterarm“, sage ich schmunzelnd zu meinem Vorgänger, nachdem wir den Bereich des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif verlassen. Zwei Tage lang stellt er mir die Ansprechpartner für mögliche Medienprojekte vor. Ich erfahre, wo ich den Journalisten spannende Geschichten anbieten kann, wer schon vor der Kamera stand und was in den nächsten Wochen ansteht. Hubschrauber, Drohnen, Sprengstoffspürhunde, Kfz-Mechaniker, Objektschützer, Umweltschutzbeauftragter, Feldpostamt, Ärzte, Kampfmittelbeseitiger und vieles mehr bekomme ich zu sehen. „Wie vielfältig doch die Bundeswehr ist“, denke ich mir nach jedem Termin aufs Neue. Es wird augenscheinlich, wie viele kleine – für viele Menschen zu Hause unbekannte – Rädchen in Betrieb sein müssen, um das große Ganze antreiben zu können.

„Johannes, was machst du denn hier“, ruft mir aus einiger Entfernung ein deutscher Soldat mit Rauschebart entgegen. Bei genauerer Betrachtung fange ich an zu lachen. Hauptmann Tim H. und ich fallen uns in die Arme und klopfen uns auf die Schultern. Ein erlebnisreicher Kanada-Urlaub und vier Jahre Studium schweißen zusammen. Für ihn neigt sich der Einsatz bereits dem Ende entgegen. Interessiert höre ich ihm zu, was er in den letzten sechs Monaten erlebt hat. Ich hoffe, dass es bei mir ähnlich spannend und fordernd wird.

Da ich aber die nächsten vier Monate nicht für Händeschütteln und Geschichten anhören bezahlt werde, stellt sich die Frage: Was macht eigentlich ein Presseoffizier im Einsatz? In meinem Fall bedeutet das, den Besuch eines Journalisten – nicht nur aus Deutschland – vorzubereiten und zu betreuen. Im Alltag heißt das, Flüge buchen, Besuchsprogramme erstellen, Interviews begleiten und Soldaten im Vorfeld als Protagonisten gewinnen. Je nach medialem und öffentlichem Interesse gibt es mal mehr oder weniger laufende Projekte. „Aufgrund ihrer Erfahrung als Presseoffizier schaffen sie das locker“, sagt mir mein Chef in unserem ersten Gespräch. Innerlich bedanke ich mich für den Vertrauensvorschuss. Trotzdem weiß ich – nicht zuletzt aus dem Sport – wie es ist, als „Neuzugang“ in ein gut eingespieltes Team zu kommen. Jetzt gilt es, die Arbeitsabläufe möglichst schnell aufzusaugen und die international besetzte Abteilung – Bosnien-Herzegowina, Albanien, USA und Deutschland – kennen zu lernen.

Bevor ich abends in meinem Zimmer den Laptop aufklappe, fällt mir der 96-jährige Opa meiner Freundin ein. „Darfst du eigentlich Briefe schreiben? Wie lange dauert es bis die zu Hause sind?“, fragte er mich mit immer noch fester Stimme kurz vor Weihnachten. Beinahe am Christstollen erstickt, hab ich ihm im Anschluss erklärt, wie Skype funktioniert. Die Technik macht es möglich, dass ich mich fast jeden Abend mit meiner Freundin oder meinen Eltern unterhalten kann.
Am letzten Tag der Übergabe schlagen wir die Bild am Sonntag auf. „Oh, da ist ja der Artikel“, sagt mein Vorgänger. Von einer Doppelseite in der Bild am Sonntag schauen uns zwei Soldaten entgegen. Sie berichten von ihrem sechs-monatigen Einsatz, ihrem Arbeitsalltag und den Gefühlen kurz vor dem Rückflug. Einige Wochen vorher fand die Recherche zum Artikel hier im Camp Marmal in Mazar-e Sharif statt und mein Vorgänger hatte das Projekt begleitet. „Am Ende des Tages sieht man, wofür man gearbeitet hat“, denke ich mir mit der Doppelseite in der Hand. Genau darauf freue ich mich.

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11. Januar 2013: Aus der Business-Class in den Container

Die ersten Tage stehen im Zeichen von Ausrüstung empfangen und sich im Camp Marmal zu Recht finden
Die ersten Tage stehen im Zeichen von Ausrüstung empfangen und sich im Camp Marmal zu Recht finden (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Noch zwei Schritte bis zum Gipfel. Die Sicht öffnet sich auf die mächtige, in Schnee gehüllte Watzmann-Ostwand. Stahlblauer Himmel über uns und 20 Zentimeter Pulverschnee unter unseren Tourenskiern erwarten uns in der Abfahrt vom fast 2000 Meter hohen Gipfel. Ich verliere keinen Gedanken an meinen bevorstehenden Einsatz in Afghanistan. Stattdessen „inhaliere“ ich den Moment.
Am Silvesternachmittag kontrolliere ich ein letztes Mal meine Unterlagen und die Ausrüstung. Der Blick auf Patientenverfügung, Abschiedsbrief und Vollmachten lässt meine Vorfreude auf ausgelassene Stimmung am Abend gegen Null sinken. Nur der fast 50-jährige Silvesterklassiker „Dinner for one“ bringt mich zum Lachen, auch wenn es dieses Jahr für mich nicht „the same procedure as every year“ ist.
Für mich als Sportler fühlten sich die letzten Tage vor dem Flug wie das Warten auf das Startsignal bei einem Sportwettkampf an. Ich weiß, dass ich gut vorbereitet bin und möchte nicht länger darauf warten, loszulaufen.

„Flug München nach Hannover, Boarding um 16.15 Uhr“, krächzt es am 1. Januar aus dem Lautsprecher am Flughafen in München. Mit Abschiedstränen in den Augen nehme ich meine Freundin ein letztes Mal in den Arm. Auf mich wartet ein viermonatiges „Abenteuer“ in Afghanistan, auf sie das Warten zu Hause.
Nach einer schlaflosen Nacht in Hannover verläuft der Flug nach Duschanbe in Tadschikistan überraschend angenehm. „Beinfreiheit“! Peer Steinbrück hat sie auf dem Parteitag der SPD für sich eingefordert und ich habe sie völlig unerwartet erhalten. Ich fliege Business-Class in einem belgischen Airbus. Als „Holz-Klasse-Flieger“ muss man sich erst einmal mit den Einstellungsmöglichkeiten des Sitzes vertraut machen.

„Anfängerfehler“, denke ich mir, als ich ohne Handschuhe, Mütze und warmer Jacke um 23 Uhr am Flughafen in Duschanbe bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt stehe. Der anschließenden Verlesung der Flugzeiten für den nächsten Tag – zum Glück sitze ich bereits in der ersten Maschine, die um 7.30 Uhr startet – folgt noch die Ausgabe der Gepäckstücke. „Wenigstens ist mein Rucksack da“, schießt es mir in den Kopf, während ich mit den Füßen wippe, um den Körper auf Betriebstemperatur zu halten. „You will sleep in tents this night. Don´t worry, there are sleeping bags“, begrüßt uns ein italienischer Offizier mit einem Lächeln im Gesicht. Nach einem wenig schmackhaften, aber satt machenden Mitternachtssnack verkrieche ich mich mit dem Gedanken, „der Einsatz beginnt, wie ich es mir vorgestellt habe“, tief in meinem Schlafsack.
Nach einer kurzen Nacht hole ich ein bisschen Schlaf auf dem 60-minütigen Flug von Duschanbe nach Mazar-e Sharif nach. Mit einem herzlichen „Servus Johannes“, begrüßt mich mein Vorgänger auf dem Flughafen bei bestem Wetter. Wir kennen uns seit 2003, haben einen Teil der Offizierausbildung gemeinsam durchlaufen und nach dem Studium in München aus den Augen verloren. „Man trifft sich bei der Bundeswehr eben nicht in München, Hamburg oder Berlin, sondern im Einsatz“, denke ich mir, als wir die ersten Schritte durch das Camp Marmal machen. Riesengroß, braun, tolle Berge, viele Soldaten, viele Fahrzeuge und Container sind die ersten Gedanken, die mir bei unserer Fahrt durch das Lager in den Kopf kommen. Oft habe ich mir von Kameraden erzählen lassen, wie es aussieht. Seit heute ist es greifbar und riechbar.

Hinter mir liegen mehrere Wochen Einsatzvorbereitung – zum Teil auch im Ausland. Das ganze Jahr stand für die Gebirgsjägerbrigade 23 und damit auch für mich im Zeichen des bevorstehenden Einsatzes. Noch im Dezember nahm ich an einer dreiwöchigen multinationalen Übung im polnischen Bydgoszcz teil. „Der Einsatz vor dem Einsatz“, machte auch vor mir nicht halt. Die zeitliche Belastung war deutlich höher, als ich es mir vorgestellt hatte. In den letzten Wochen erntete ich im Freundeskreis ausschließlich Kopfschütteln für meine Entscheidung, freiwillig für vier Monate nach Afghanistan zu gehen. Eine Mischung aus Neugier, beruflicher und persönlicher Herausforderung haben mich dazu bewogen. Ob es richtig war, eine Herausforderung anzunehmen, der ich mich gar nicht hätte stellen müssen, darauf bin ich selbst am meisten gespannt.

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Stand vom: 12.12.17 | Autor: Johannes S.


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