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Einsatztagebuch ISAF Teil 8: „Alles hat ein Ende – auch ein Auslandseinsatz“

Mazar-e Sharif, 11.07.2014.

Oberleutnant Boris K. war seit Januar als Kompanie-Einsatzoffizier und ab April als Advisor an der Regional Corps Battle School (RCBS) der Afghanischen Armee (ANA) eingesetzt. Vor kurzem endete sein Einsatz. Hier auf einsatz.bundeswehr.de berichtete er regelmäßig über aktuelle Geschehnisse und endet mit den letzten Zeilen seines Einsatztagebuches: "Mein Auftrag ist erfüllt und ich wünsche Afghanistan und seinen Menschen, dass sie weiterhin so ehrgeizig den mühevollen Weg zur Stabilität ihres Landes beschreiten."

Es ist 01:30 Uhr. Das ganze Team ist schon auf den Beinen und die Soldaten haben entweder nur eine sehr kurze Zeit im Bett verbracht oder sind direkt wach geblieben. Heute verabschieden mein Chef und ich die restlichen Kameraden unseres Teams in die Heimat. Mit einem Bus wird das Team zusammen mit seinem Fluggepäck zum Terminal gebracht, nachdem sie die Stuben zur Übergabe vorbereitet haben. Ich selbst ging noch einmal durch jede Stube und kontrolliere sie auf Sauberkeit und Ordnung. Wie nicht anders von meinem Team zu erwarten war, hatte ich keine Beanstandungen. Bis zur letzten Minute ist die Truppe hochprofessionell.

Am Terminal angekommen checken die Soldaten wie bei einer zivilen Fluggesellschaft ein. Sie bekommen ihren Boardingpass und haben nun etwas Zeit sich auszuruhen oder über das Erlebte mit den Kameraden zu reden. Hier am Terminal sieht man viele fröhliche Gesichter zu dieser nächtlichen Stunde. Jeder weiß, dass ihn nur noch wenige Stunden von den Verwandten und Freunden daheim trennen. Am Ende dieser Reise werden sie am Terminal in Hannover oder Köln von ihnen in Empfang genommen und gewiss herzlich begrüßt.

Safety First – Keine Gepäckmitnahme ohne vorherige Überprüfung

Nach einer Weile werden die Soldaten in eine Halle gerufen, in der die Gepäckstücke einzeln auf dem Boden liegen, so dass ein Hund das Gepäck in seiner spielerischen Weise beschnüffeln kann. Ein Verfahren, das mit jedem Gepäckstück gemacht wird. Die Männer nehmen anschließend ihr Gepäck auf und geben es zur Beladung des Flugzeuges ab. Jetzt haben wir alle wieder Zeit uns dem Erlebten zu widmen und erzählen uns gegenseitig die Höhepunkte des Einsatzes. Um 03:30 Uhr wird zum Boarding für die Transall nach Termez in Usbekistan aufgerufen. Die Soldaten und Zivilisten reihen sich am Schalter auf und geben nacheinander ihren Boardingpass bei dem Soldaten der Abfertigung ab. Bevor sie den Flieger besteigen verabschieden mein Chef und ich uns von jedem einzelnen Teammitglied. Sie wünschen uns alles Gute für die letzten Tage, auf dass auch wir bald gesund und wohlauf heimkehren.

Ein letztes Mal bricht Boris K. in Richtung Camp Shaheen auf. (Quelle: Bundeswehr/Papendorf)Größere Abbildung anzeigen

Die letzten Aufgaben warten

Nachdem alle Soldaten im Flieger sitzen, gehen mein Chef und ich erstmal frühstücken. Danach setzt sich auch schon wieder unser Auftrag fort. Wir melden uns in unserem TOC (Tactical Operation Center - Operationszentrale) ab und fahren zu unseren afghanischen Partnern. Hier ist bereits die Ruhe des Ramadan eingekehrt. So übergeben wir einem verantwortlichen Offizier die von uns vorbereiteten Ausbildungsunterlagen für die Kurse, die wir noch vor wenigen Wochen selbst ausgebildet haben. Dadurch sind die afghanischen Soldaten in der Lage die Kurse selbstständig durchzuführen. Nach einer Pause im Safe Haven beenden wir unseren Auftrag für diesen Tag und fahren zurück in das Camp Marmal.

In der letzten Woche haben wir die Abgabe unseres Materials vorbereitet und waren noch einmal im Camp Shaheen.Dort haben wir uns von den afghanischen Soldaten verabschiedet, mit denen wir die letzten vier Monate verbracht haben. Die afghanischen Kameraden freuen sich für uns, weil sie als Soldat wissen, wie es ist, lange von zuhause getrennt zu sein. Aber sie sehen der Zukunft auch mit leichter Skepsis entgegen. Sie wissen noch nicht, welche Berater ihnen zukünftig zur Seite stehen und müssen diese dann wieder kennenlernen.

Zuversichtlich verlässt der Berater seinen Arbeitsplatz der letzten Monate. (Quelle: Bundeswehr/Papendorf)Größere Abbildung anzeigen

Zuhause ist greifbar nah

In den letzten drei Tagen vor unserem eigenen Abflug haben wir unsere gesamte persönliche Ausrüstung verpackt und freuen uns auf unser eigenes Check-In. Bevor wir einchecken können, müssen wir sichergehen, dass wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen haben. Dafür gibt es einen Laufzettel, eine Art Checkliste, mit der man verschiedene Stationen anläuft, Material abgibt oder der Verantwortliche prüft, ob man noch etwas erledigen muss. So fahren wir diesmal nicht durch Mazar-e-Sharif mit all seinen Schönheiten, sondern durch Camp Marmal auf der Jagd nach Unterschriften. Dieses Unterfangen beschäftigt uns einen vollen Tag, was aber alles in allem eher unproblematisch war und uns die Zeit bis zum Abflug verkürzt hat.

Die Beseitigung der Staub- und Schmutzkruste erfordert reichlich Einsatz von Boris K. und seinem Chef. (Quelle: Bundeswehr/Papendorf)Größere Abbildung anzeigen

Als nächstes müssen wir unser geliehenes Auto wieder zurückgeben. Nicht jedoch, bevor wir es gereinigt und kleinere Mängel beseitigt haben. Hierzu fahren wir mit dem gepanzerten Wolf in den „Pit Stop“. Hier sind nahezu rund um die Uhr die Soldaten der Instandsetzung vor Ort, um die Einsatzbereitschaft aller deutschen Fahrzeuge sicherzustellen. Sie können kleine Schäden sofort beseitigen und unterstützen uns bei der technischen Durchsicht des Autos. Durch ihr Können geht auch dies recht zügig und wir haben mehr Zeit für die Reinigung des Fahrzeugs. Im Fahrzeug hat sich selbst über die kurze Nutzungszeit reichlich Staub gesammelt. Kommt dieser Staub dann mit Feuchtigkeit in Verbindung, bildet sich eine Art „Zusatzpanzerung“. Diese macht uns die Reinigung nicht einfacher, aber mit etwas sportlichem Ehrgeiz sind wir auch hier bald fertig. Jetzt übergeben wir das Fahrzeug an einen Verantwortlichen, der mit uns die Vollzähligkeit des Fahrzeugzubehörs durchgeht und keine Beanstandungen hat. Nun sind es nur noch wenige Stunden bis zu unserem Abflug. Tagsüber ruhen wir uns noch ein wenig aus und genießen die Sonne Afghanistans.

Letzte Gedanken

Jetzt, wo ich diesen Bericht schreibe, freue ich mich zunächst auf die Übertragung des Finales der Fußballweltmeisterschaft hier im Kreise meiner Kameraden. Im Anschluss daran werde ich zu dem Terminal fahren, wo ich jetzt schon mehrfach Kameraden verabschiedet habe und selbst einchecken. Am Ende der Reise wird meine Familie auf mich warten. Für mich beginnt diese Reise, sobald ich diesen Eintrag abgeschickt habe und die Tür hinter mir verschlossen ist. Ein Fußballspiel und zwei Flüge. Das ist alles was mich noch von zuhause trennt.

Mit 15 Mann zog ich durch Sturm und Sand. Fern von zuhause und mit einem Auftrag. Mein Auftrag ist erfüllt und ich wünsche Afghanistan und seinen Menschen, dass sie weiterhin so ehrgeizig den mühevollen Weg zur Stabilität ihres Landes beschreiten.

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7. Beitrag

Gemeinsame Abschiede von den Soldaten des Teams die den Heimweg antreten: OLt Boris K. im Flughafenterminal in Mazar-e Sharif (Quelle: Bundeswehr/Conny Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

29.06.14

Langsam merke ich deutlich, dass wir in die Schlussphase unseres Einsatzes kommen. Die meisten unserer Fahrzeuge wurden schon an unsere Nachfolger übergeben oder wurden durch die Materialschleuse nach Deutschland verschickt. Auch ein Großteil unserer Ausrüstung ist bereits auf dem Weg nach Deutschland oder sofern eine Rückführung nach Deutschland nicht mehr wirtschaftlich war, der Verwertung zugeführt. Auch ich bereite mich schon auf meine Rückverlegung vor und habe bereits alle Ausrüstungsgegenstände, die ich für die letzten zwei Wochen nicht mehr benötige, verpackt. Jetzt lebe ich teilweise aus dem Rucksack, was aber nur die Vorfreude auf den Heimflug erhöht.

Die Woche war geprägt von der Vorbereitung des Materials zur Über- oder zur Abgabe. Hier habe ich mit meinem Team alles gründlich gereinigt und gegebenenfalls kleine Mängel beseitigt, um demjenigen, der das Material übernimmt, einwandfreies Gerät übergeben zu können. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Tage meines Einsatzes und wie sehr ich es schätzte, dass das Material in einem guten Zustand war.

Abends, nach getaner Arbeit, habe ich dann zusammen mit meinem Team in unserer Betreuungseinrichtung gesessen und wir haben uns die Vorrundenspiele der Fußballweltmeisterschaft angesehen. Hierbei haben wir uns gegenseitig erzählt, was wir nach dem Einsatz im Urlaub auf unserer persönlichen Agenda haben. Einige werden nach einer gemeinsamen Zeit mit ihrer Familie in den Urlaub fliegen, andere wollen es sich zu Hause einfach gut gehen lassen. So hat jeder seinen ganz persönlichen Stil, mit den Belastungen der letzten Monate umzugehen. Ich selbst werde nach einer Woche mit meinen Lieben in den Urlaub fliegen. Dieser Austausch über unsere persönlichen Vorhaben zeigt, wie sehr wir nicht nur auf professioneller Ebene, sondern auch auf menschlicher Ebene als Team zusammengewachsen sind.

Wege trennen sich: Oberleutnant Boris K. verabschiedet sich von einem der Zugführer seiner Kompanie (Quelle: Bundeswehr/Conny Udhardt)Größere Abbildung anzeigen

Abschied auf Zeit

Diese Woche sind auch die ersten beiden Kameraden unseres Teams nach Deutschland geflogen. Mein Chef und ich haben die zwei Soldaten am Abflugterminal bei der Gepäckaufgabe unterstützt und sind dann noch ein letztes Mal gemeinsam in der Truppenküche frühstücken gegangen. Wieder zurück am Terminal haben wir auch andere Soldaten unserer Kompanie verabschiedet. Diese sind Teil der Reduzierung der Anzahl deutscher Soldaten im Einsatz in Afghanistan und waren der Infanteriekompanie unterstellt.

Der Terminal ist durchaus mit einem zivilen Flughafenterminal vergleichbar. So gibt es dort ausreichend Sitzgelegenheiten und die Möglichkeit, zum Beispiel eine Tasse Kaffee zu trinken. An diesem Morgen blicke ich in viele glückliche Gesichter. Jeder in diesem Raum hat eine lange Geschichte zu erzählen, von dem was er hier die letzten vier bis sechs Monate erlebt und gemacht hat. Hier sind wir es, welche die „Jungs“ auf die Reise schicken. Doch am Ende der Reise, über Termez in Usbekistan, warten ihre Verwandten und Freunde mit unbändiger Vorfreude am Flughafen auf sie.

Abends, als ich bereits im Bett liege und noch ein wenig im Internet surfe, bekomme ich noch eine Kurznachricht, dass meine beiden Kameraden sicher in Deutschland gelandet sind. Ich freue mich für sie und stelle mir ihre Heimfahrt vom Flughafen vor. Die grün gesäumten Straßen und grünen Wälder. Eine Farbe, die ich sehr vermisse.

Anfang September werden wir als Kompanie das erste Mal nach dem Einsatz wieder geschlossen vor unserem Kompaniegebäude in Augustdorf antreten. Ein Moment auf den ich mehr sehr freue, denn dort ist meine militärische Heimat.

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6. Beitrag

Oberleutnant Boris K. freut sich, wenn die Ausbildung Früchte trägt.

Oberleutnant Boris K. freut sich, wenn die Ausbildung Früchte trägt. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Montag, 23.06.2014

Am 14. Juni fand die Stichwahl um das Präsidentenamt hier in Afghanistan satt. Hätte ich noch meinen alten Auftrag als Kompanieeinsatzoffizier einer Infanteriekompanie, hätte ich sicher einiges zu tun gehabt.
So jedoch hatte ich ein verlängertes Wochenende, da am Samstag alle Soldaten der Afghan National Army (ANA) bei der Absicherung der Wahlen gebunden waren. Zu meiner Freude stellte ich am Tag nach der Stichwahl fest, dass viele der Soldaten der Klasse einen blauen Finger hatten – Sichtbares Zeichen, der Stimmabgabe um eine Mehrfachwahl durch ein und derselben Person zu vermeiden. Die Soldaten hatten es trotz ihres Auftrages geschafft, am Wahltag noch wählen zu gehen. Ein gutes Zeichen.

Nun galt es, die in der Vorwoche ausgebildeten afghanischen Ausbilder auf ihre Lehrqualifikation zum Thema „Kartenkunde“ zu überprüfen. Meine Idee war, dass die Soldaten selbst vor ihren Kameraden ihr Können zeigen könnten.

Eine Bewährungsprobe für die ANA-Soldaten: die Lehrprobe vor ihren Lehrgangskameraden.

Eine Bewährungsprobe für die ANA-Soldaten: die Lehrprobe vor ihren Lehrgangskameraden. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Hoher Ausbildungsstand durch wiederholtes Üben

Morgens sind mein Chef und ich nach dem Frühstück in gewohnter Weise in das afghanische Lager gefahren. Dort war der Unterrichtsraum schon durch die afghanischen Soldaten vorbereitet. Nach einer kurzen Vollzähligkeitsprüfung des Personals begann die Lehrprobe.

Sie verlief durchwachsen. Einige Lehrgangsteilnehmer präsentierten ausgezeichnete Unterrichte, andere hingegen wiesen noch deutliche Defizite auf. Die Unterschiede waren nicht am Dienstgrad festzumachen, sondern waren meist durch gute oder weniger gute Vorbereitung der Ausbildung begründet.

Eine Hürde stellte hierbei auch das Gruppengefüge der Ausbildungsklasse dar. Die Soldaten kommen aus unterschiedlichen Einheiten und kannten sich teilweise vorher nicht. Das führte dazu, dass das Teambuilding noch nicht abgeschlossen war. Nach jeder Lehrprobe gab ich den angehenden Ausbildern ein Feedback und ließ mich auch auf ihre Fragen ein. Diese waren in der Regel kurz, da man den Soldaten den Druck ansehen konnte, dem sie sich in dieser Prüfungssituation ausgesetzt sahen.

Kein einfacher Auftrag: Interkulturelle Führungskompetenz

Die traditionellen Werte der afghanischen Kultur legen fest, dass ein Mann unter keinen Umständen „sein Gesicht verlieren“ darf. Ein Umstand, den auch ich bei jeder Kritik an den Soldaten meiner Ausbildungsgruppe jederzeit beachten muss. In Deutschland ist es üblich, dass Kritik offen und nüchtern angesprochen wird, sofern sie angebracht und sachlich formuliert ist. Hier in Afghanistan wird Kritik nur im kleinen Kreis und mit Hinweisen angesprochen. Wurde ich während der Ausbildungsbesprechungen mal zu direkt, half mir mein Sprachmittler die Kritik in den richtigen kulturellen Rahmen zu verpacken.

Engagiert im Team: Zusammen finden die afghanischen Soldaten zum Ziel.

Engagiert im Team: Zusammen finden die afghanischen Soldaten zum Ziel. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem wir drei Tage im Unterrichtsraum verbracht hatten, sind wir am Mittwoch auf den Übungsplatz der Schule gefahren.

Oberleutnant Boris K. steht auch im Gelände mit Rat und Tat zur Seite.

Oberleutnant Boris K. steht auch im Gelände mit Rat und Tat zur Seite. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Hier konnten einige Ausbilder nochmal ihr praktisches Ausbildungskönnen unter Beweis stellen, bevor die frisch ausgebildeten Ausbilder am Donnerstag ihre Urkunde vom Chef des Stabes des 209. ANA Korps überreicht bekamen.

Die Teilnehmer des Lehrgangs freuen sich über den bestandenen Kurs.

Die Teilnehmer des Lehrgangs freuen sich über den bestandenen Kurs. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Als Highlight dieser Zeremonie gab es von uns – nach deutscher Tradition – einen Preis für den besten Offizier und den besten Unteroffizier. Als Ansporn für zukünftige Höchstleistungen übergaben wir ihnen je einen Kompass mit einer Gravur.

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5. Beitrag

Ein tolles Team: Die Advisor für die Regional Corps Battle School des 209. ANA Korps.

Ein tolles Team: Die Advisor für die Regional Corps Battle School des 209. ANA Korps. (Quelle: Bundeswehr/Conny U.)Größere Abbildung anzeigen

Donnerstag, 12.062014

Das Ende meines Einsatzes rückt immer näher. Unser Team beginnt langsam mit den Vorbereitungen für die Übergabe unseres Materials und war in dieser Woche zum letzten Mal geschlossen zur Beratung im Camp Shaheen. 14 von uns 16 Soldaten fliegen schon bald wieder nach Hause zu ihren Lieben und ihren Freunden. Zurück bleiben nur mein Chef und ich. Wir übergeben dann unseren Auftrag an unsere Nachfolger. Bis dahin führen wir weiterhin unsere Beratertätigkeit aus.

Oberleutnant Boris K. unterstützt in der Unterrichtung der afghanischen Soldaten.

Oberleutnant Boris K. unterstützt in der Unterrichtung der afghanischen Soldaten. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Eine lehrreiche Woche - für uns und für die Afghanen

Letzte Woche habe ich mit zwei Feldwebeln wieder einen Kurs an der RCBS (Regional Corps Battle School) durchgeführt. Thema: Nutzung der Karte und Orientieren im Gelände. Dabei haben wir Personal der Schule zu Ausbildern in diesem Thema gemacht. Die Ausbildung wurde von den beiden Feldwebeln durchgeführt, ich selbst habe sie dabei nur unterstützt.

Von der Theorie bis hin zur Unterrichtung am Geländesandkasten.

Von der Theorie bis hin zur Unterrichtung am Geländesandkasten. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Samstag bis Montag haben wir alle im Unterrichtsraum verbracht und den Umgang mit der Karte zunächst theoretisch vermittelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass es für die afghanischen Soldaten schwieriger ist als für uns, eine Karte zu lesen. Da wir von links nach rechts lesen, lesen wir selbstverständlich auch die Koordinaten einer Karte von links nach rechts. Hier lag die Schwierigkeit für unsere Lehrgangsteilnehmer, die es in Dari gewohnt sind, von rechts nach links zu lesen. Aber nach ein wenig Anleitung meisterten die 16 Offiziere und Unteroffiziere auch diese Herausforderung.

Vom Geländesandkasten bis hin zur Praxis im Gelände.

Vom Geländesandkasten bis hin zur Praxis im Gelände. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Ab Dienstag waren wir wieder auf dem Trainingsgelände des Camps. Wir haben den afghanischen Soldaten vermittelt, mit der Karte im Gelände umzugehen. Sie lernten, angesprochene Punkte auf der Karte zu finden, ihre Koordinaten herauszusuchen und die Entfernungen zu diesen Punkten zu ermitteln.

Der afghanische Ausbilder peilt das vorgegebene Ziel an.

Der afghanische Ausbilder peilt das vorgegebene Ziel an. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

In einer Pause zeigte mir ein afghanischer Offizier noch eine Möglichkeit zur behelfsmäßigen Entfernungsermittlung mit Hilfe des Daumens. So habe auch ich noch etwas dazu gelernt.

Herzlicher Abschied: Die afghanischen Soldaten sind dankbar für die Arbeit der Advisor

Herzlicher Abschied: Die afghanischen Soldaten sind dankbar für die Arbeit der Advisor (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Ein herzlicher Abschied

Am Mittwoch war es dann soweit: Unsere „goldene“ Fahrt. Das letzte Mal mit dem gesamten Team unterwegs. Der Tag verlief wie gewohnt, bis wir die letzte Ausbildung beendet haben. Diejenigen von uns, die bald nach Deutschland fliegen, verabschiedeten sich herzlich von unseren afghanischen Kameraden und tauschten kleine Präsente aus. Auch unsere Sprachmittler wurden gewürdigt. Sind es doch gerade sie, die unsere militärische Beratertätigkeit erst ermöglichen.

Für mich steht der Heimflug noch nicht an. Ich bleibe noch einige Wochen und berate mit meinem Chef weiterhin an der RCBS.

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4. Beitrag

Donnerstag, 05.06.2014

Die hinter mir liegende Woche war bisher eine der ruhigsten Wochen für mein Team und für mich. Am regionalen militärischen Ausbildungscenter des 209. Korps der afghanischen Armee liefen die Vorbereitungen zur Absicherung der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen. Ihr Schwerpunkt lag deshalb nicht auf der Ausbildung. Dennoch beriet mein Team einen Unteroffizieranwärterkurs, bei dem den afghanischen Soldaten grundlegende infanteristische Fähigkeiten vermittelt wurden, damit sie als Truppführer (Vorgesetzter von drei bis sechs Soldaten) innerhalb eines Zuges führen können.

Nachhaltigkeit durch Vorbereitung

Ich selbst war die gesamte Woche mit der Vorbereitung des nächsten von uns durchgeführten Kurses beschäftigt. Bei dem Kurs, der nächste Woche beginnt, werden afghanische Soldaten dazu befähigt, das Thema Karte und GPS (Global Positioning System) selbst auszubilden. So können wir sicherstellen, dass eine gewisse Nachhaltigkeit gewährleistet ist, da die Schule am Ende des Kurses selbst über Ausbilder verfügt, mit denen sie Kurse zur Benutzung von Karte und GPS durchführen kann.

Kurze Teambesprechung nach der Fahrt ins Camp Shaheen.

Kurze Teambesprechung nach der Fahrt ins Camp Shaheen. (Quelle: Bundeswehr/PAO MeS)Größere Abbildung anzeigen

Bei der Vorbereitung kam es wieder darauf an, gemeinsam mit dem Sprachmittler Präsentationen für die Unterrichte zu erstellen, die zweisprachig sind. Für diese Aufgabe standen mir neben dem Sprachmittler noch zwei Unteroffiziere zur Seite, die schon in Deutschland den Soldaten die Benutzung von Karte, Kompass und GPS näher gebracht haben. Die beiden Soldaten entlasten mich bei der Vorbereitung und werden auch selbst während des Kurses ausbilden.

Die gewissenhafte Vorbereitung der Unterrichte nimmt viel Zeit von OLt Boris K. und seinem Sprachmittler Omid in Anspruch.

Die gewissenhafte Vorbereitung der Unterrichte nimmt viel Zeit von OLt Boris K. und seinem Sprachmittler Omid in Anspruch. (Quelle: Bundeswehr/Sean P. )Größere Abbildung anzeigen

Die Planung und Vorbereitung der Ausbildung fand im Safe Haven am Camp Shaheen statt. So war einerseits die räumliche Nähe zu dem Rest unseres Teams gegeben, das die afghanischen Soldaten beriet, andererseits hatte ich die Möglichkeit, auf Erfahrungen anderer Militärberater zurückzugreifen, die sich in ihren freien Zeiten auch dort aufhielten. Hier war es für mich eine besonders positive Erfahrung, mit Soldaten anderer Nationen ins Gespräch zu kommen und von ihren Erfahrungen und Erlebnissen hier in Afghanistan zu hören.

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3. Beitrag

Samstag, 31.05.2014

Es ist Samstag. Um 06:05 Uhr lässt unser Kraftfahrer auf mein Kommando den Motor an. Es beginnt eine neue Woche in Afghanistan. Wie sehr sich mein eigenes Zeitgefühl dem Wochenablauf hier angepasst hat, merke ich daran, dass ich bereits letzten Donnerstag einer Freundin per Kurznachricht ein schönes Wochenende gewünscht habe. So sehr habe ich mich mittlerweile an das für europäische Verhältnisse kurze Wochenende, den Freitag, gewöhnt.

Wir fahren durch Mazar-e-Sharif und sehen teilweise schon bekannte Gesichter. Die meisten Kinder grüßen uns mit einem freundlichen Winken und einem Lächeln auf den Lippen. Im Camp Shaheen angekommen, bereite ich den Unterrichtsraum vor und beginne pünktlich mit der Ausbildung „Verhalten im Hinterhalt“.

Meine Ausbildungsklasse ist hoch motiviert und folgt meinen Ausführungen genau, wie sich später im Sandkastenunterricht herausstellt. Hier stelle ich eine kurze Lage und lasse einen eingeteilten Zugführer die Situation lösen. Dies ist die Vorbereitung auf die beiden folgenden Geländetage, an denen ich mit dem Ausbilderteam das am Sandkasten erlernte nun in der Praxis üben werde.

Donnerstag, 01.06.2014

Sonntagmorgen und ich bin auf dem Weg in das Lager der Afghanen. Kurz vor dem Lager fahre ich mit einem weiteren Fahrzeug aus der Kolonne aus – es geht zum Ausbildungsgelände. Die weiteren Fahrzeuge fahren in das Lager und nehmen dort die Ausbildungsgruppe auf, um diese im Anschluss zum Ausbildungsort zu begleiten.
Ich bereite mit den übrigen Soldaten die Ausbildungsstation vor und weise sie in den Ablauf ein. Meine Absicht ist es, zunächst mit einer Wiederholung am Sandkasten zu beginnen, um noch einmal theoretisch in die Situation einzusteigen.

Verhalten im Hinterhalt – realitätsnahe Ausbildung

Verhalten im Hinterhalt – realitätsnahe Ausbildung (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Im Anschluss stelle ich dann einen Übungsdurchgang mit unseren Soldaten dar, gefolgt von einem Übungsdurchgang der afghanischen Ausbildungsgruppe. Dieses ist ein Ausbildungsprinzip, nach dem ich auch in Deutschland selbst ausbilde und wie auch ich unzählige Male in meiner Laufbahn ausgebildet worden bin: „Vormachen- Erklären- Nachmachen- Üben“ (VENÜ). Es hat sich bewährt. Kaum ein deutscher Soldat, der noch nie etwas von dieser Methodik gehört hat. So versuche ich ein wenig Struktur in das afghanische Ausbildungssystem zu bringen.

Die Übungsdurchgänge verlaufen alle wie geplant und durch den Einsatz von Manövermunition kommt bei den afghanischen Soldaten auch das richtige Gefühl für die Gefechtssituation auf. Ich höre, wie die Stimmen über Funk immer schneller und aufgeregter werden. Es ist geschafft, die Männer „leben in der Lage“. Genau das wollte ich erreichen. Meine Auswertung verläuft somit auch äußerst positiv und endet mit einem großen Lob.

Ein afghanischer Tauschhandel

Gegen Mittag stelle ich die Ausbildung ein, da die Gruppe zurück in das Lager muss, um Mittag zu essen. Unser Ausbilderteam bleibt noch ein wenig, bespricht den Vormittag und genießt die Ruhe nach getaner Arbeit.

In dieser Situation reiten zwei kleine Jungen auf einem Esel an uns vorbei. Sie grüßen uns und fragen nach Wasser und Süßigkeiten. Wir bieten wir ihnen einen kleinen Handel an: Süßigkeiten im Tausch gegen einen Ritt auf dem Esel. Keine Sekunde zögert der Junge und räumt den Sattel des grauen Huftieres. Einer meiner Soldaten steigt auf den Esel und reitet ihn mit anfänglichen Schwierigkeiten unter Anleitung des Jungen und zu unserer Erheiterung.

Ein Ritt auf dem Esel – gar nicht so einfach

Ein Ritt auf dem Esel – gar nicht so einfach (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Er meistert seine Aufgabe und begleicht seine Schulden bei dem Jungen indem er ihm ein paar Bonbons und eine Wasserflasche gibt. Dies beendet unseren Ausbildungstag und wir kehren wieder zurück in unsere Heimat auf Zeit.

Feierliche Abschlusszeremonie

Am Ende der Woche und am Ende der drei Wochen dauernden Ausbildung angelangt, fahren wir zu den Soldaten der Regional Corps Battle School (RCBS). Heute steht jedoch nicht Ausbilden oder Beraten auf dem Plan, sondern die Teilnahme an der Abschlusszeremonie des Kurses.

Hierzu waren mehrere hochranginge Gäste geladen, welche die Feierlichkeit des Anlasses unterstrichen. Eine derartige Zeremonie folgt einem festen Ablauf. Zunächst die Meldung an den Dienstgradhöchsten, der wieder an einen Ablaufoffizier übergibt. Dieser spricht dann zunächst ein paar einleitende Worte und singt im Anschluss eine Sure aus dem Koran. Dann folgt das gemeinsame Singen der afghanischen Nationalhymne. Hierzu erheben sich alle Soldaten und nehmen die Grundstellung ein.

Nun richtet der Dienstgradhöchste das Wort an die Ausbildungsgruppe und lobt ihren Einsatz in der Ausbildung und hebt den Wert des von uns durchgeführten Lehrganges hervor.

Übergabe der Dankesurkunden an das Beraterteam der Regional Corps Battle School.

Übergabe der Dankesurkunden an das Beraterteam der Regional Corps Battle School. (Quelle: Bundeswehr/PAO MeS)Größere Abbildung anzeigen

Nach dem Dienstgradhöchsten haben weitere Gäste die Möglichkeit, das Wort an die Ausbildungsgruppe zu richten. Jetzt folgte der für die Soldaten wichtigste Teil, das Überreichen der Urkunde für die erfolgreiche Teilnahme. In unserem Fall hat der Kommandeur der ISAF-Kräfte im Regionalkommando Nord einen Preis für den jeweils besten Offizier und Unteroffizier gestiftet.

Die beiden Soldaten hatten sich den Preis mit jedem Tag verdient. Sie waren während des gesamten Kurses überragend an Motivation, Wissen und Können. Mit großer Freude sehe ich die Überraschung in ihren Augen. Die Anstrengungen haben sich gelohnt, so mein persönliches Fazit. Jeder Tropfen Schweiß und jede Sekunde Ausbildungszeit, welche die Soldaten der RCBS, meine Kameraden und ich in die Planung und Durchführung des Lehrganges investiert haben, sind gut angelegt.

Vielleicht wird durch die Ausbildung, die meine Ausbildungsgruppe bald selbst durchführen wird, ein Leben gerettet, weil ein Soldat sich in einer Situation auf dem Gefechtsfeld wiederfindet, die er in der Ausbildung schon einmal ähnlich durchlebt hat und genau dadurch das Richtige tut. Und wenn man Albert Schweitzers Worten Gehör schenkt, dann gilt: „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

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Ausbildungsmittel zum Anfassen – so lernt es sich doppelt gut

Ausbildungsmittel zum Anfassen – so lernt es sich doppelt gut (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Seit meinem letzten Eintrag ist einige Zeit vergangen, jedoch fliegen die Wochen im Einsatz einfach nur so vorbei. Durch den Auftrag wird es nie langweilig. Weiterhin fahre ich nahezu jeden Tag mit meinen Kameraden in das afghanische Lager Shaheen, um dort unsere afghanischen Partner bei der Ausbildung zu unterstützen oder selbst auszubilden.

Die erste Woche unseres Trainings für die Ausbilder des RMTC (Regional Military Training Center) verlief genau wie geplant. Zunächst bildete ich die zusammen gefassten Ausbilder der Schule in den Grundlagen der Abwehr von improvisierten Sprengfallen (Counter Improvised Explosive Devices) aus. Ich merkte schnell, dass meine Ausbildungsklasse sehr interessiert bei der Sache war. Das Vorwissen der meisten Lehrgangsteilnehmer war überaus umfangreich. Einige von ihnen waren auch schon selbst in derartige Anschläge geraten und konnten ihre Erfahrungen in die Ausbildung einbringen.

Nach den verschiedenen Grundsatzunterrichten ging es zur Sandkastenausbildung und als Abschluss jedes Ausbildungsthemas auf den Truppenübungsplatz der Schule, um das theoretisch Erlernte in die Praxis umzusetzen. Wir übten dort in der Halbwüste bei 35 Grad Celsius gemeinsam mit Offizieren und Unteroffizieren. Hierbei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit gemeinsamen Erlebnissen die besten Verbindungen zu den Soldaten der ANA (Afghan National Army) knüpfen kann, z. B. durch gemeinsame Erfolge bei der Ausbildung oder wenn neue, partnerschaftliche Hilfe geleistet wird.

Unkompliziertes Abschleppen – afghanische und deutsche Hände greifen ineinander.

Unkompliziertes Abschleppen – afghanische und deutsche Hände greifen ineinander. (Quelle: Bundeswehr/Sean P. )Größere Abbildung anzeigen

So passierte es bei der Ausbildung, dass ein Truppentransporter nicht mehr anspringen wollte, da sich offenbar die Batterie entladen hatte. Hier haben wir dann prompt einen unserer Dingos vor den afghanischen LKW gespannt und diesen angeschleppt, bis der Motor wieder ansprang.

Gut, das es den Safe Haven gibt

Der „Safe Haven“ im Camp Shaheen

Der „Safe Haven“ im Camp Shaheen (Quelle: Bundeswehr/Conny U. )Größere Abbildung anzeigen

An den Tagen, an denen ich selbst nicht ausbilden musste, war ich mit meiner Besatzung in den Safe Haven unseres AT (Advisory Team) eingerückt, der an das Lager Shaheen angegliedert ist. Dieser Ort ist gedacht, um ISAF-Kräften im Gefahrenfall einen Schutz- und Rückzugsraum zu geben und sich notfalls örtlich zu verteidigen.

Für mich ist der Safe Haven im Normalfall auch ein wichtiger Arbeitsraum, in dem mein Sprachmittler und ich auch mal bei erträglichen Temperaturen zusammenkommen können. Ein weiterer angenehmer Umstand ist, dass sich direkt neben dem Arbeitsraum eine kleine Küche befindet, in der es Kaffee gibt. Wahrer Luxus, wenn man das mit Ausbildung in der Wüste mit unserer Körperpanzerung vergleicht. Befinde ich mich im Safe Haven, so bereite ich Ausbildungen vor und lasse diese von meinem Sprachmittler in Dari übersetzen. So entstehen Präsentationen, bei denen Folie um Folie in Englisch und Dari gestaltet sind. Diese Zweisprachigkeit der Präsentationen gewährleistet, dass meine Ausbildungsklasse den Text lesen kann und auch ich weiß, was auf der jeweiligen Folie steht. Die Fotos und Abbildungen unterstützen dabei, denn ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte.

Ausbildungsfolie – zweisprachig in Englisch und Dari.

Ausbildungsfolie – zweisprachig in Englisch und Dari. (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Erfolgreiche Ausbildung

Diese Woche endete mit einem theoretischen Unterricht zum Thema „Unterrichtsvorbereitung“. Hierbei stellte ich den Soldaten verschiedene Möglichkeiten vor, ihren Unterricht zu gestalten und vor allem zu planen. Derzeit sind die Ausbilder daran gewöhnt, bereits vorgefertigte Unterrichte von unseren Vorgängern zu nutzen. Der Ansatz unseres Teams soll aber von längerer Dauer sein und die Ausbilder der RMTC dazu befähigen, ihre eigenen Unterrichte zu gestalten. Einerseits soll die Qualität der Ausbildung noch weiter gesteigert werden, aber dem jungen Ausbilder auch die Möglichkeit bieten, sich selbst in der Ausbildung zu verwirklichen und ihr seinen eigenen Charakter zu geben.

Jetzt ist bereits mehr als eine Woche des von uns durchgeführten Kurses vorüber. Diese Woche war aus meiner Sicht erfolgreich. Ich habe den mir zur Ausbildung anvertrauten Soldaten Wissen vermitteln können und auf jeden Fall eine gute Zeit gehabt. Selbst Ausbilder zu sein, ermöglicht es, seine eigenen Vorstellungen direkt in die Wirklichkeit umzusetzen. Wohingegen das Leben als Berater hauptsächlich von Hinweisen und Ratschlägen geprägt ist. Hier kommt es vor allem auf Überzeugungsarbeit an. Dies führte bei mir in der nahen Vergangenheit teilweise doch zu kleinen Frustrationsmomenten, da man sich halt eben nicht immer direkt auswirken kann. Diese Fähigkeit erfordert viel Geduld.

In der zweiten Woche hat mein afghanischer Teamleader die Ausbildung übernommen. Ich unterstützte ihn in der Vorbereitung, indem ich einige Stunden mit dem Sprachmittler bei der Übersetzung von Präsentationen und Ausbildungsmaterialien verbrachte. Bei der Ausbildung selbst war ich Hilfsausbilder und betreute mit meinen Kameraden je eine Gruppe von zehn afghanischen Soldaten in der praktischen Ausbildung. Das Thema lautete: „Der Zug im Angriff in urbanem Gelände“. Auch hier zeigten die Soldaten großes Interesse und stellten bei den Zwischenbesprechungen und Einweisungen viele gute Fragen.

Habe ich mich vor einigen Wochen noch gefragt, warum die Planung der Ausbildungstage nur bis Mittags geht, so bin ich jetzt davon überzeugt, dass dies der richtige Weg ist. Die zunehmenden Temperaturen um diese Jahreszeit setzen allen doch schon ein wenig zu. Dies lässt nur erahnen, welche Strapazen die Kameraden der afghanischen Ausbildungsgruppe in teilweise nur wenige „Kilometer“ entfernten Operationen durchleben. Dort gibt es wohl keine Nachbesprechungen oder Mittagspausen mit anschließendem Gebet. Auch deshalb ist es mein persönliches Ziel, den Ausbildern des RMTC möglichst viel zu vermitteln. Nur so können sie in Zukunft mit ihrer Expertise einen Beitrag leisten, die Soldaten des 209. ANA Korps auf die Realität des Kampfes vorzubereiten und ihnen das nötige Wissen zu vermitteln, um erfolgreich zu bestehen.

Formaldienst im Einsatz

Der Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Bernd Schütt, übergibt den „Safe Haven“ an das Beraterteam des 209. ANA Korps.

Der Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Bernd Schütt, übergibt den „Safe Haven“ an das Beraterteam des 209. ANA Korps. (Quelle: Bundeswehr/Conny U. )Größere Abbildung anzeigen

Obwohl der bereits erwähnte Safe Haven bereits seit wenigen Tagen benutzt wurde, war er noch nicht offiziell eröffnet worden. So blieb ich mit meinen Kameraden des AT RCBS nach der Ausbildung am Montag im Safe Haven und wir warteten nach Abschluss aller Vorbereitungen auf das Eintreffen des Kommandeurs des Regionalkommandos Nord (COM RC N). Als Generalmajor Schütt eintraf, ging alles sehr schnell. Gemeinsam mit allen, teils multinationalen AT traten wir an und folgten der auf Englisch durchgeführten Zeremonie.

Oberleutnant Boris K. in den Reihen seines Beraterteams bei der Übergabe des „Safe Haven“.

Oberleutnant Boris K. in den Reihen seines Beraterteams bei der Übergabe des „Safe Haven“. (Quelle: Bundeswehr/Sean P. )Größere Abbildung anzeigen

Hier sah ich auch zum ersten Mal den stellvertretenden Kommandeur des 209. ANA Korps. Er folgte der Ansprache des deutschen Generals und richtete das Wort an uns. Der COM RC N teilte uns mit, dass an diesem Morgen sechs afghanische Soldaten bei einem IED- Angriff getötet und vier weitere Soldaten verwundet wurden. Wir gedachten der Gefallenen mit einer Schweigeminute, in welcher mir wieder die Aktualität der noch vor wenigen Tagen ausgebildeten CIED-Ausbildung bewusst wurde.

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1. Beitrag

Die Ausläufer des Hindukusch-Gebirges

Die Ausläufer des Hindukusch-Gebirges (Quelle: Bundeswehr/Conny U. )Größere Abbildung anzeigen

Donnerstag, 15.05.2014

Die hinter mir liegenden sechs Wochen, mit dem Übergang vom Kompanie-Einsatzoffizier der QRF zum Advisor, waren sehr fordernd. Aber alles bisher Erlebte war eine Erfahrung, die nur wenigen vergönnt ist. Ich bin froh, sie gemacht zu haben, trotz der Entfernung zu meiner Familie und meinen Freunden, trotz der Hitze in der Halbwüste und der stets vorhandenen Bedrohung durch Aufständische, Innentäter oder giftige Tiere. Die Einblicke in die afghanische Kultur und den Alltag in einem vom Kampf um das Überleben geprägten Land sind unbezahlbar. Für mich als Reiseenthusiasten ist es eine großartige Gelegenheit ein Land kennenzulernen, in das nur wenige Menschen reisen oder in dem sie ein halbes Jahr ihres Lebens verbringen können. Dies gepaart mit der Möglichkeit, echte Hilfe durch Selbsthilfe zu leisten, sind Umstände, die mich jeden Tag motiviert angehen lassen.

Nachmittags bekommen wir von unserem Teamleader ein Wochen-Update zur Gesamtlage in Afghanistan. Dabei sprechen wir die derzeitigen und zukünftigen Beraterkurse durch. Aber es werden auch Themen wie Personalplanung und Materialfragen besprochen. Den Abend lasse ich dann mit guten Kameraden und Gesprächen über große und kleine Dinge ausklingen.

Begleitung gehört zum Unterricht

Begleitung gehört zum Unterricht (Quelle: Bundeswehr /Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Samstag, 10.05.2014

Es beginnt ein neues Kapitel meiner Arbeit, das mir neue Überraschungen und Herausforderungen beschert. Die letzten Wochen habe ich mit dem Beraten von afghanischen Ausbildern verbracht. Doch heute werde ich selbst vor der afghanischen Klasse stehen und die Ausbildung übernehmen.

Morgens um 04:30 Uhr ist die Nacht vorbei. Ich beginne mit einem ordentlichen Frühstück. Dazu stehe ich früher auf als die meisten Soldaten meines kleinen Teams. Wer frühstückt hat sein Leben im Griff, denke ich und verzichte bewusst auf langes Schlafen.

Das Team versammelt sich unter der aufgehenden Sonne an den Fahrzeugen und stellt die Marschbereitschaft her. Jeder Handgriff sitzt und nur zehn Minuten später beginnt die Befehlsausgabe. Der Teamleader, unser Kompaniechef, geht mit uns nochmal alle wichtigen Punkte für den Marsch durch und wir sitzen im Anschluss auf unsere Fahrzeuge auf.

Die gleiche Prozedur, wie immer, bevor ich mich auf meinen Kommandantenplatz setze: Schutzweste anziehen, Schutzbrille aufsetzen, Gehörschutz über die Ohren, Helm auf, Handschuhe an, Aufsitzen, Systeme im Fahrzeug hochfahren, Funküberprüfung. Parallel dazu stelle ich sicher, dass meine Besatzung dies auch alles beherzigt und melde im Anschluss meine Marschbereitschaft.

Auf den Straßen von Mazar-e Sharif

Auf den Straßen von Mazar-e Sharif (Quelle: Bundeswehr/Conny U.)Größere Abbildung anzeigen

Wir „reiten“ los. Wir sind jetzt auf der anderen Seite des Zaunes - eine andere Welt beginnt. Wir fahren vorbei an Menschen, die zum Camp Marmal fahren, gehen oder auf Eseln reiten. Viele dieser Menschen werden nachher auf einer der Schießbahnen Hülsen sammeln, um sie im Anschluss für ein bisschen Geld weiter zu verkaufen. Andere fahren in das Lager und arbeiten dort als Bauarbeiter, Reinigungskraft oder haben einen Stand auf dem sogenannten Localmarkt. Ich frage mich manchmal, wie die Menschen in Zukunft ihr Geld verdienen werden, wenn ISAF das Land verlässt. Ich hoffe, dass es genug Alternativen geben wird.

Wir fahren in das afghanische Feldlager Camp Shaheen ein. Nach einer unzähligen Anzahl von Speedbumpern kommen wir an unserer Abstellfläche in der Regional Corps Battle School (RCBS) an. Unsere Sprachmittler erwarten uns und wir begrüßen uns herzlich. Eine freudige Begrüßung ist in Afghanistan fast immer geboten. Je nach Sympathie wird sich mit Handschlag, Umarmung oder Wangenberührung begrüßt. Wenn man die afghanischen Soldaten beobachtet, stellt man fest, dass sie sich oft lediglich die Hand geben.

Schon auf dem Weg zum Unterrichtsraum weise ich meinen Sprachmittler Omid ein. Jedoch nicht bevor ich ihm nach seinem kurzen afghanischen Wochenende, dem Freitag, gefragt habe. Er beherrscht die englische Sprache und wir haben damit eine sehr gute Kommunikationsgrundlage. Allerdings kommt es manchmal vor, dass etwas beim Übersetzen verloren geht. Das ist normal. Der Weg meines formulierten Satzes ist über Deutsch zu Englisch und Englisch zu Dari. Da Englisch nicht unser beider Muttersprache ist, fragt er manchmal nach, um Dinge genauer erklären zu können. Oder er interpretiert eben. Je besser ich mich mit ihm verstehe und je mehr wir uns näherkommen, umso einfacher wird die Arbeit mit ihm.

Im Unterrichtsraum angekommen, bereite ich zusammen mit meinem Nahsicherer den Raum für die Ausbildung vor. Auf dem Dienstplan steht heute Counter-Improvised-Explosive-Device (CIED). Pünktlich erscheint auch der Großteil der Lehrgangsteilnehmer. Die akademische Viertelstunde ist in Afghanistan ein Grundrecht. Ich kenne dies noch aus anderen Ausbildungen und bin deswegen weder überrascht noch enttäuscht.

Sehr engagiert – Lösung der Aufgaben in Gruppenarbeit

Sehr engagiert – Lösung der Aufgaben in Gruppenarbeit (Quelle: Bundeswehr/Sean P.)Größere Abbildung anzeigen

Der Unterricht beginnt planmäßig. Die Soldaten aus der Schule arbeiten hervorragend mit und die Atmosphäre lockert sich zunehmend. Dann kam das, was ich vormals schon öfter erlebt habe, aber selbst nie beantworten musste. Die berühmte „Was wäre wenn?“ - Frage von einem der afghanischen Ausbildungsteilnehmer. Grundsätzlich ist das Ziel einer solchen Frage darauf ausgerichtet ein apokalyptisches Szenario zu beschreiben und nach der Lösung für diese Lage zu fragen. Wie zum Beispiel „Wie entschärfe ich ein IED wenn gerade Erdbeben ist?“ Ich weiche der Frage gekonnt durch die Beschreibung des methodischen Aufbaus meiner Ausbildung aus und setze fort.

In der Pause nutze ich die Gelegenheit mit den Soldaten der ANA ins Gespräch zu kommen. Und beantworte dann Frage um Frage und habe alle Mühe, die Pause in den Unterricht übergehen zu lassen.

Ab 11 Uhr ist die afghanische Truppenküche geöffnet. Die Soldaten verlassen den Unterrichtsraum und machen sich auf den Weg zur Küche, an der sie täglich teilweise bis zu zwei Stunden mit größter Gelassenheit für ihr Essen anstehen. Ich selbst gehe zu meinem Fahrzeug und melde dem Teamleader den Abschluss der Ausbildung: Ausbildungsziel erreicht.

Wir verbringen die folgenden zweieinhalb Stunden der Mittagspause an den Fahrzeugen und reden über die gerade abgeschlossene Ausbildung und essen selbst etwas. Natürlich sprechen wir auch über die Dinge, die wir machen werden, wenn wir zu Hause sind. Oder wir spielen mit dem kleinen Hund, der sich uns angeschlossen hat und jeden Tag hier auf uns wartet.

Nach dem Essen und dem obligatorischen Gebet der Afghanen starte ich erneut in die Ausbildung. Nach dem am Vormittag gehaltenen theoretischen Part will ich jetzt einen Sandkastenunterricht durchführen. Ich muss feststellen, dass ein afghanischer Offizier den morgens vorbereiteten Sandkasten für seine Zwecke umgestaltet hat und daran selbst Unterricht hält. Nachfragen ist in dieser Situation nutzlos, denke ich und greife behelfsmäßig auf ein Whiteboard zurück. Die Ausbildung verläuft zu meiner Überraschung großartig. Die Ausbildungsgruppe vergisst ihre Angst vor „Weltuntergangsszenarien“ und arbeitet hervorragend mit. Erhobenen Hauptes verlasse ich nach einem einstündigen Unterricht mit der Ausbildungsgruppe den Raum und habe von nun an eine neue Geschichte zu erzählen. Mein soldatentypischer „Been there, done that.“-Geschichtenkatalog war nun um die Erfahrung, wie es ist ein Ausbilder afghanischer Soldaten zu sein, reicher.

Fortschritte in der Bildungskultur – ein Mädchen auf dem Weg zur Schule

Fortschritte in der Bildungskultur – ein Mädchen auf dem Weg zur Schule (Quelle: Bundeswehr/Conny U. )Größere Abbildung anzeigen

Die Rückfahrt ins Lager, das für sechs Monate mein Zuhause geworden ist, verläuft ohne negative Vorfälle. Einige Kinder halten auf ihrem Schulweg inne, wenn wir uns nähern, und winken uns mit einem Lächeln zu. Andere Kinder wiederum blicken nicht von ihrer Arbeit auf. Sie putzen Schuhe, schweißen Türen oder verkaufen Eis auf der Straße. Alltag hier in Afghanistan.

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Stand vom: 18.07.14 | Autor: Boris K.


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