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Einsatztagebuch MINUSMA Teil 5: Danke und „Auf Wiedersehen.“

Dakar, 30.04.2014.

Der Einsatz von Oberstabsfeldwebel Peter B. bei MINUMSA neigt sich dem Ende zu. In den letzten Wochen und Monaten brachte er den Lesern mit seinen regelmäßigen Berichten den Einsatz der Transportflieger für die UN in Mali näher. Die Redaktion bedankt sich bei ihm, auch für das nun folgende Fazit zum Ende seines Einsatzes in Westafrika.

Ich habe es fast geschafft. Am 1. Mai werde ich voraussichtlich im Flugzeug nach Köln sitzen und spät abends wieder deutschen Boden unter meinen Füßen spüren.

Der Hauptdarsteller des MINUSMA-Einsatzes: Eine Transall C-160 in Dakar

Der Hauptdarsteller des MINUSMA-Einsatzes: Eine Transall C-160 in Dakar (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

In den letzten Tagen habe ich mich dabei ertappt, dass ich immer wieder auf mein Handy schaute. Es gibt Apps und Excel-Tabellen, welche die Restzeit und die verstrichene Zeit des Einsatzes anzeigen. Ähnlich wie im letzten Jahr in Afghanistan verspüre ich eine angenehme Unruhe in mir. Ich überlege, was ich in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr machen werde. Was möchte ich essen? Wie gestalte ich das Fußballtraining meiner D2-Jugend von Diepholz?

Ich freue mich auf meine Familie. Sie werden mich in Köln abholen. Mein ältester Sohn wird dabei sein - Trimesterferien an der UniBw in München. Seit Neujahr haben wir beide uns nicht mehr gesehen. Aber auch auf die Neuigkeiten an meinem Standort in Wunstorf bin ich gespannt. Durch die Umbaumaßnahmen für den Airbus A400M hat sich sicherlich wieder viel verändert.

Die letzten Tage war ich damit beschäftigt die Übergabe an meinen Nachfolger vorzubereiten. Auch er darf durch die Mühlen des UN-Hauptquartiers. Obwohl ihm das schon bekannt ist, denn er war schon im letzten Jahr hier im Einsatz.

Die Materialübergabe wird nicht so lange dauern, denn die Kameraausstattung und ein Notebook sind schnell übergeben. Die restliche Zeit werden wir damit verbringen, geplante und vom Einsatzführungskommando avisierte Medienprojekte durchzusprechen. Eigene offene Projekte habe ich nicht, die ich an ihn weitergeben muss.

Dakar von oben: Slums und gehobener Standard in direkter Nachbarschaft

Dakar von oben: Slums und gehobener Standard in direkter Nachbarschaft (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Was bleibt?

Zum Ende des Einsatzes stelle ich mir natürlich die Frage: Was nehme ich von den letzten Monaten mit? Ich nehme viele Eindrücke mit. Die Schönheit des Kontinents. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich, die mich betroffen gemacht haben. Die Freundlichkeit der Menschen im Senegal und in Mali, die mich besonders beindruckt haben.
Ich versuche erst gar nicht, meine beiden Einsätze zu vergleichen. Die Anspannung, die ich in Afghanistan spürte, trat hier kein einziges Mal auf. In Afghanistan wusste ich nicht, ob nicht in den nächsten Minuten eine Anschlagsmeldung oder eine Nachricht über einen anderen Zwischenfall hereinkommt. Beim MINUSMA-Einsatz gibt es durchaus Bedrohungen durch terroristische Gruppen, speziell im Norden des Landes. Doch treten diese nicht in der Häufigkeit auf, wie in Afghanistan. Hinzu kommt, dass ich hier in Dakar über 1.000 Kilometer von der Hauptstadt Malis entfernt bin. Die Informationen, die mich erreichen, sind nicht mehr aktuell.

Ich denke, jeder Soldat fragt sich zum Ende eines jeden Einsatzes: War ich erfolgreich in meinem Job? Habe ich meine Aufgabe erfüllt?

Meine Aufgabe, Journalisten zu betreuen, habe ich erfüllen können. Was aber auch nicht allzu schwer war. Schließlich war nur ein Journalist vor Ort. Daher sollte und wollte ich den Part übernehmen, vom deutschen Kontingent MINUSMA zu berichten. Ich wollte nicht nur Statistiken veröffentlichen: Etwa 80 Soldaten, der größte Teil in Dakar, zwei Transall-Crews und ein Verbindungselement in Bamako, drei Transportflugzeuge, zwei von ihnen in Mali und eines in Dakar. Diese Zahlen mögen interessant sein, beschreiben aber in keinster Weise den Einsatz hier in Westafrika. Ich wollte von den Menschen berichten. Von jedem einzelnen Soldaten kann eine Geschichte erzählt werden.
Ich wollte von den Bedingungen erzählen, unter denen die Soldaten zu arbeiten haben. Ich wollte aber auch von den Ländern erzählen.

Techniker vom Lufttransportgeschwader 62 aus Wunstorf

Techniker vom Lufttransportgeschwader 62 aus Wunstorf (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Viel gelernt und viel gesehen

Ob ich diese Aufgabe erfolgreich erfüllt habe, kann ich nicht bewerten. Für mich war es ein besonderes Erlebnis von hier zu berichten. Ich habe viel gelernt, von den Kameraden, aber auch von den Menschen im Senegal und in Mali. Mein Respekt vor den Leistungen der Soldaten ist noch ein wenig größer geworden. Mein Respekt vor den Crews, die bei den besonderen klimatischen Bedingungen ihre Fracht und ihre Passagiere sicher an die Zielorte bringen. Mein Respekt vor den Technikern, die schnellstmöglich sicherstellen wollen, dass die Flugzeuge wieder fliegen können. Mein Respekt vor den Logistikern hier im Einsatz, die gewährleisten, dass Ersatzteile, unser Gepäck und all die Dinge, die wir hier benötigen, zügig ankommen oder nach Hause geschickt werden. Mein Respekt vor den Soldaten, die etwas mehr im Hintergrund arbeiten, die sich um die Unterkunft kümmern, die die Geldversorgung und unsere Betreuung in den dienstfreien Zeiten sicherstellen.

Wir Soldaten der Bundeswehr haben gelernt, dass wir für unser Tun nicht von allen Seiten Anerkennung erhalten. Das ist auch nicht notwendig. Was wir wollen, ist Wahrnehmung und Respekt. Sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Bevölkerung unseres Landes. Alle Soldaten, ob zu Hause oder in den Einsatzgebieten, haben es verdient, wahrgenommen zu werden. Auch die Soldaten des MINUSMA-Einsatzes. Vielleicht habe ich in diesem und auch in meinem vorherigen Einsatz in Afghanistan etwas dazu beitragen können. Ich hoffe es zumindest.

4.827 km von Wunstorf entfernt - Bald geht es nach Hause

4.827 km von Wunstorf entfernt - Bald geht es nach Hause (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Bevor ich mich nun auf meine Heimreise vorbereite, möchte ich mich noch bedanken. Bei den Kameraden, die hier in den letzten zwei Monaten im Einsatz waren und noch sind, und mir dabei geholfen haben, über sie und ihre Arbeit zu berichten.

Besonders bedanken möchte ich mich aber auch bei den Familien, Freunden, Kameraden und Bekannten der Soldaten. Ohne die Unterstützung dieser Menschen würden wir Soldaten nicht funktionieren. Und somit würden die Einsätze nicht funktionieren.

Bleibt mir zum Schluss nur noch ein Gruß an alle Kameraden, die derzeit auf der Welt unterwegs sind: Kommt alle heil und gesund nach Hause!

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17. April 2014

Boxencrew in Dakar. Reifenwechsel in Westafrika.

Boxencrew in Dakar. Reifenwechsel in Westafrika. (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Nun doch eine Zahl: Zehn. So viele Reifen hat eine C-160 Transall. Schaue ich mir sonst die Boxenstopps in der Formel 1 oder bei der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft an, wo ein Reifenwechsel nur wenige Sekunden dauert, so stelle ich mich darauf ein, dass der "Boxenstopp" einer Transall wesentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Schon wieder technische Probleme, die hier beschrieben werden? Nicht wirklich, nur eben besondere Herausforderungen. Denn nicht nur wir Soldaten müssen uns mit den besonderen klimatischen und äußeren Umständen auseinandersetzen. Auch unsere Flugzeuge leiden unter diesen Einflüssen. So kann es durchaus vorkommen, dass alle Reifen einer Transall gewechselt werden müssen. Die Start- und Landebahnen sind nicht in dem Zustand, wie wir ihn von unseren Flughäfen kennen. Es gibt unbefestigte Pisten, die den Reifen und Felgen der Maschinen besonders zusetzen.
Wie in diesem Fall. Die Reifen an sich müssten gar nicht getauscht werden, aber die Felgen sind durch Steinschläge so beschädigt, dass ein Wechsel erforderlich ist. Einen halben Tag lang sind die Techniker damit beschäftigt, alle zehn Reifen zu wechseln. Inakzeptabel für die Formel 1. Für eine Transall eine Spitzenzeit.

Der internationale Flughafen von Mopti.

Der internationale Flughafen von Mopti. (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Warm, wärmer, Afrika und keine Abkühlung

Zufälle gibt es. Anfang April in Mali gelandet, erfuhr ich, dass am folgenden Tag eine unserer Transalls einen Versorgungsflug durchführen soll. Ich war dort, um wenige Tage später einen Journalisten der Schwäbischen Zeitung zu begleiten, der über die European Training Mission in Mali (EUTM Mali), aber auch über MINUSMA berichten wollte. Alle Versuche, den Journalisten, auf einem der UN-Flüge mitzunehmen, scheiterten am Verwaltungsapparat der Vereinten Nationen. Die beantragte Mitfluggenehmigung konnte nicht erteilt werden, da sich wieder Verfahren geändert hatten, was aber erst auf Nachfrage bekannt wurde. Meine Verärgerung darüber ist noch immer nicht verflogen. So flog ich alleine mit, um dem Journalisten Bilder und meine gewonnenen Eindrücke vermitteln zu können.
Um 6 Uhr begann der Arbeitstag der Crew. Der Start war für 8 Uhr geplant. Bamako - Mopti - Timbuktu - Mopti - Bamako. Landung in Bamako um etwa 16 Uhr. Transport von Passagieren und einer Frachtpalette. Es war ein Routineflug, der aber schon zu Beginn aus der Zeitplanung lief, da die Passagiere 30 Minuten zu spät erschienen. Obwohl für beide Stopps in Mopti keine langen Aufenthalte geplant waren, war klar, dass die Verspätung nicht mehr aufzuholen war.
8:30 Uhr Start in Bamako. Ankunft in Mopti um 10 Uhr. Weiterflug nach Timbuktu nur ein paar Minuten später. Zwei Stunden Aufenthalt in Timbuktu. Wieder nach Mopti, um 16:35 Uhr Landung in Bamako.

Beeindruckende Landschaften. Anflug auf Mopti.

Beeindruckende Landschaften. Anflug auf Mopti. (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Die Flüge verliefen unspektakulär. Doch ich werde diesen Tag nie vergessen. Für mich ist Afrika einfach nur schön. Auf dem Flug hat mich der Anblick der Savanne an Sandbilder erinnert. Es ist nicht nur ein gelber oder sandfarbener Ton, der bestimmend ist. Immer wieder überfliegen wir rötliche Flecken, die aussehen wie Bruchstücke von Terrakotta-Fliesen. Atemberaubend. Wie eine nachträglich abgelegte grüne Kette wirkt der Niger, der drittlängste Strom Afrikas. Er bildet die Grenze zur Sahara.
Bemerkenswert ist auch die Leistungen der Transall-Crews, die in unregelmäßigen Abständen die Flüge für die Vereinten Nationen durchführen. Es geht nicht nur um die fliegerische Leistung. Es sind andere Umstände, die herausfordernd sind. Morgens wird bei bereits 30 Grad Celsius gestartet. Bei der ersten Landung in Mopti kletterte die Temperaturanzeige bereits deutlich weiter in die Höhe. Die 40-Grad-Marke wurde zur Mittagszeit in Timbuktu erreicht. Die kurzen Flugzeiten von 60 bis 90 Minuten lassen die Transall nicht wirklich auskühlen. Das Flugzeug heizt sich am Boden auf, was wir im Inneren deutlich gespürt haben.

Alles in Handarbeit. Be- und Entladen in Mali.

Alles in Handarbeit. Be- und Entladen in Mali. (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Beim zweistündigen Aufenthalt in Timbuktu haben wir in beziehungsweise an der Maschine gewartet. Keine Möglichkeit zur Abkühlung. Jeder von uns hat viel getrunken- sechs Liter Wasser oder noch mehr. Unter den Bedingungen die Konzentration hoch zu halten ist durchaus eine besondere Herausforderung. Hinzu kommt das Be- und Entladen. Sowohl in Mopti, als auch in Timbuktu musste das Gepäck der Passagiere von Hand rein und raus befördert werden.
Nach der Landung in Bamako musste noch die Nachflugkontrolle durchgeführt werden. Alle waren geschafft vom Tag, der noch immer nicht enden wollte. Der Flieger konnte nicht dort stehen bleiben, wo die Passagiere ausgestiegen sind. Er musste auf einen Schotterplatz gebracht werden, nur wenige hundert Meter entfernt. Eigentlich eine einfache Sache. Doch hier in Bamako war es eine Herausforderung. Das Bodenpersonal musste erst eine passende Abschleppstange finden. So kam es, dass wir erst um 20:30 Uhr wieder in der Unterkunft waren. Ich wollte nur noch duschen, essen und schlafen. Dennoch möchte ich diesen Tag nicht missen.

Doch noch ein Journalist

Wie schon geschrieben wollte der Journalist für die Schwäbische Zeitung über uns berichten. Schwerpunkt seiner Berichterstattung war die EUTM in Mali, aber auch wir sind in seinen Fokus geraten. Anfang März hatte ich das erste Mal mit ihm Kontakt aufgenommen.
Sein Interesse war groß und ich begann mit den Planungen. Der nicht zustande gekommene Mitflug war ärgerlich genug. Doch ein Gespräch mit Besatzungsmitgliedern einer Transall konnte ich arrangieren. Um 9 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Der Kommandant, der taktische Systemoffizier, der Redakteur und ich. Die beiden Crewmitglieder zeigten und erklärten die Transall.

Interview vor einer Transall. Hauptmann Frank W. steht Rede und Antwort.

Interview vor einer Transall. Hauptmann Frank W. steht Rede und Antwort. (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Im Cockpit wurden dann kleine Videosequenzen gedreht. Ich sah Schweißperlen auf der Stirn des Journalisten. "Ist nicht gerade kalt hier, nicht wahr?", fragte ich ihn. "Nein, wirklich nicht." antwortete er. "Es geht noch wärmer", sagte der Kommandant, Hauptmann Frank W., lächelnd.
"So wie vor zwei Tagen auf unserem Flug in den Norden, und das über mehrere Stunden". Der Redakteur war beeindruckt, obwohl er nicht mitfliegen konnte. Fast zwei Stunden lang verbrachten wir in und an der Maschine.
Am Nachmittag flogen wir beide nach Dakar im Senegal. Beim gemeinsamen Abendessen teilte ich ihm die Planungen für den nächsten Tag mit. Wir hatten nur wenige Stunden Zeit, denn schon am kommenden Mittag sollte er mit dem Luftwaffen-Airbus nach Deutschland zurückfliegen. Bei einem Rundgang zeigte ich ihm den Lufttransportstützpunkt Dakar. Er nutzte die Gelegenheit, sich mit Soldaten zu unterhalten und Bildmaterial zu sammeln. Er war zufrieden. Ich bin gespannt auf das Ergebnis seiner Arbeit. Es wird der erste und wahrscheinlich auch der letzte Journalist sein, den ich betreue, denn in wenigen Wochen werde ich mein "OUT" haben und nach Hause fliegen. Doch dies wird noch nicht mein letzter Eintrag im Online-Einsatztagebuch sein.

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31.03.2014

Grüße aus Westafrika an Borussia Dortmund (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Etwas Wichtiges vorweg. Borussia Dortmund hat das Viertelfinale in der Champions-League erreicht. Eine für mich sehr erfreuliche Nachricht. Als Fußball- und BVB-Fan nehme ich ein Stück Heimat immer mit: Eine BVB-Fahne oder ein Trikot oder beides. Sie sind fester Bestandteil meiner "Hab-mich-lieb-Ecke" mit dem Bild meiner Familie. Das wird zu Hause auch verstanden und akzeptiert. Das war auch in Afghanistan schon so.

Ich bin noch nicht so lange hier im Einsatz, habe aber schon fast die erste Halbzeit hinter mir. Bereits am 27. März werde ich hier in Dakar mein Bergfest feiern. Zeit für eine Zwischenbilanz. Warum eigentlich nicht?

Einfach näher dran

Im Gegensatz zu meinem Einsatz in Afghanistan bin ich hier "im" Land. Beim ISAF-Einsatz war ich eher selten in Mazar-e Sharif und nur zweimal in den Straßen von Kabul unterwegs. Aufgrund der besonderen Sicherheitslage habe ich die Städte weitestgehend nur aus geschützten Fahrzeugen gesehen und erlebt. Kontakte hatte ich zu afghanischen Journalisten, aber zur Bevölkerung eher weniger.

Schöne Momente weit weg von daheim (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Hier im Senegal und auch in Mali ist das anders. Meine ersten Wochen waren geprägt von ganz besonderen Momenten. Da war die Vorführung eines Gospelchors aus Dakar, der uns an einem Kontingentabend ein wenig die Kultur Senegals näher brachte. Alle waren begeistert und so manch einer brauchte nicht viel Überzeugungskraft der Chormitglieder, um mit ihnen gemeinsam zu tanzen.

In Afghanistan bekommen viele deutsche Soldaten nicht viel vom Elend und der Not der Menschen mit. Die Bevölkerung dort lebt schon seit Ende 1979 im Krieg, im Bürgerkrieg oder unter der Herrschaft der Taliban.

Müllverbrennung in Mali (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Hier in Westafrika erleben wir die Armut, das Elend und die ungerechte Verteilung hautnah. Menschen, die bis in die Nacht hinein betteln oder versuchen, durch den Verkauf verschiedenster Dinge, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Müll, der überall herumliegt, und dort wo er liegt, irgendwann verbrannt wird. Wir Europäer neigen schnell dazu, solch ein Verhalten zu verurteilen. Doch ich weiß nicht, ob ich mich nicht auch auf das Überleben konzentrieren würde, anstatt auf die Umwelt zu achten.

Ergreifende Momente bei den Kindern

Überleben wollen und müssen auch die Kinder. Es gibt in Dakar eine Einrichtung, die "La Pouponnière" (Kinderkrippe), die sich um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmert - Säuglinge und Neugeborenen. Vier andere Kameraden und ich durften unseren Kommandeur beim Besuch dieser Einrichtung begleiten, um Spenden der Soldaten zu übergeben. In der Krippe werden Neugeborene aufgepäppelt und betreut.
Kinder, nicht einmal ein Jahr alt, lächelten und lachten uns an, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit fast verhungert wären. Für mich als Vater waren dies sehr bewegende Momente. Alles andere rückt in solchen Momenten in den Hintergrund.

Dakar. Neubau und Armut in direkter Nachbarschaft (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Überhaupt. Die Art und Weise, wie die Menschen im Senegal und in Mali mit ihrer Situation umgehen, ist bewundernswert. Die Freundlichkeit, mit der wir behandelt werden, ist erstaunlich, obwohl die Menschen oft nicht wissen, ob sie in den nächsten Tagen genug zu essen haben werden.

Selbst ist der Mann

Die Informationsflut, von der ich in einem vorherigen Eintrag "sprach", konnte ich noch nicht in die Praxis umsetzen. Zumindest nicht gegenüber Journalisten, denn seit meiner Ankunft hatte noch kein deutscher Medienvertreter Interesse bekundet, über den MINUSMA-Einsatz zu berichten. Das ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass es auf der Welt wesentlich wichtigere, interessantere oder auch brisantere Themen gibt. Hier passiert im Vergleich nicht so viel, zumindest aus der Sicht der Journalisten. Also was mache ich mit diesen Informationen? Ich nutze sie für mich.

Die Hauptdarsteller auf dem Weg nach Bamako (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

In Bamako war Mitte März eine der beiden Transall-C160 aus technischen Gründen ausgefallen. Eine Instandsetzungscrew machte sich auf den Weg, um sie vor Ort zu reparieren. Für mich eine perfekte Gelegenheit, darüber einen Artikel für einsatz.bundeswehr.de und für andere Bundeswehr-Medien zu schreiben. Denn das ist der Einsatz. Die beiden Transall in Bamako sind den Vereinten Nationen unterstellt und sollen Soldaten, Material und Passagiere in und nach Mali transportieren. Wenn eines der beiden Transportflugzeuge ausfällt, muss es schnellstmöglich instandgesetzt werden. Dafür sind die Soldaten des Lufttransportstützpunktes in Dakar zuständig.

Ich würde mir nie anmaßen, mich als Journalist zu bezeichnen, aber wenn kein Journalist MINUSMA berichten möchte, dann mach ich das eben. Denn JEDER Einsatz ist eine Herausforderung. Für alle Soldaten. Deshalb werde ich auch in der zweiten Hälfte meines Einsatzes darüber berichten. In diesem Tagebuch und auch darüber hinaus.

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18. März 2014

Einer meiner Arbeitsplätze

Einer meiner Arbeitsplätze (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Die guten Nachrichten zuerst - Ich bin gut gelandet. Das Wetter hier ist traumhaft - 27 °C im Schatten. Respekt habe ich schon jetzt vor der immensen Informationsflut, die in den nächsten Tagen über mich hereinbrechen wird. Journalisten wollen immer alles ganz genau wissen. Ich muss mich schnellstmöglich über alle Details des Einsatzes live informieren.
Ich begreife schnell, dass dieser Einsatz eine ganz andere Herausforderung sein wird, als der Einsatz in Afghanistan. Nicht nur für mich.

Unsere Haustiere: Rotschnabeltokos gehören zu den Nashornvögeln

Unsere Haustiere: Rotschnabeltokos gehören zu den Nashornvögeln (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Das Deutsche Einsatzkontingent bei MINUSMA ist aufgeteilt. Der Großteil befindet sich hier in Dakar. Unsere Unterkunft und der administrative Teil sind in einem Hotel unweit vom westlichsten Punkt Afrikas angesiedelt. Auch mein neues Büro befindet sich hier, inklusive der „Haustiere“.

Bei den Technikern

Blick in die Halle der Techniker

Blick in die Halle der Techniker (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Auf dem militärischen Teil des Flughafens von Dakar steht uns die Hälfte einer Halle zur Verfügung. Hier ist die Technik untergebracht. Mein erster Eindruck: Hier ist Improvisation gefordert. Die Aufteilung der Halle ist festgelegt: Hydraulik, Avionik (also alles, was mit elektrischen und elektrotechnischen Geräten an Bord zu tun hat), Mechanik, Logistik und Luftumschlag, Technischer Offizier, Einsatzsteuerung und Logistik.

Trotz des begrenzten Platzes hat jeder Bereich sich sein kleines Reich eingerichtet. Für Außenstehende mag es wirr aussehen, doch es gibt ein System. Und ich habe absolut keine Bedenken, dass alles funktioniert. Denn alle Lufttransporter haben seit mehr als 50 Jahren bewiesen, dass sie überall auf der Welt fliegen und arbeiten können.

Marathon in Mali

Später bin ich auf dem Weg nach Mali. Dort sind zwei Transall C-160 für den Lufttransport innerhalb des Einsatzgebietes von MINUSMA dauerhaft stationiert. Ich möchte die beiden Crews kennenlernen und natürlich auch meine Ansprechpartner bei der UN. Doch ich bin nicht nur auf "Nice-to-meet-you"-Tour. Ich schrieb schon von den besonderen Herausforderungen dieses Einsatzes. Eine davon ist der "Akkreditierungsmarathon". Sechs Stunden Einweisungen und Belehrungen im UN-Hauptquartier. Unzählige Formulare und Anträge, die ich im Vorfeld ausfüllen musste. Und ich dachte schon, ich wäre viel Bürokratie aus Deutschland gewohnt.

Jeder wichtige Ansprechpartner kennt mich jetzt oder hat mich zumindest schon mal gesehen. Und ich bin, nach dem überstandenen Marathon im Hauptquartier, nun Besitzer eines UN-Ausweises. Nun bin ich wirklich angekommen.

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11. März 2014

Los geht´s in Richtung Dakar (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

Genau 477 Tage liegen zwischen meiner Abreise zum letzten Einsatz in Afghanistan und der Abreise in Richtung Westafrika. Im Laufe dieser Zeit habe ich vieles von dem, was mich damals bewegte vergessen. Oder ich habe einfach nicht mehr drüber nachgedacht: Vorbereitungen, die ich damals getroffen hatte, Vorbereitungen, die meine Familie damals traf.

All dies begann ab Februar 2013 zu verschwimmen und verschwand aus meinem Kopf. Dachte ich. Denn am 19. Februar dieses Jahres begann für mich eine gedankliche Reise in die Vergangenheit. Als ich meine Frau und meinen Jüngsten zu Hause zum Abschied anschaue, fühle ich mich schlagartig ins Jahr 2012 zurückversetzt. Die gleiche Situation. Die gleichen Gefühle. Die gleichen Gedanken.

Meine Frau und mein Sohn bringen mich nach Wunstorf, von wo mich ein Fahrer am nächsten Tag zum Flughafen Köln-Wahn bringen wird. Für uns hat es sich bewährt, dass wir uns nicht Köln, am Tag des Abfluges, verabschieden. Zu viele traurige Gesichter. Der Tag davor macht den Abschied auch nicht schöner, aber wir sind wenigstens unter uns.

Meine beiden älteren Kinder (Sohn und Tochter, 20 Jahre) können nicht mitkommen. Meine Tochter konnte Ihren Urlaub nicht mehr verschieben. Und mein Sohn muss pauken. Er studiert an der Universität der Bundeswehr in München. Da bleibt nur der Abschied am Telefon.

Es ist 20 Uhr. Meine Frau fährt los. Ein letztes Mal winken. Sie schaut schnell weg. Ich stehe vor der Pressestelle des Lufttransportgeschwaders 62. Genau wie 2012. Aber ich und meine Frau wissen, dieses Mal wird es etwas anders werden - Ich werde nicht so lange weg sein, und irgendwie hat meine Frau ein besseres Gefühl.

Am Abend schaue ich noch ein wenig Fußball und gehe zeitig schlafen. Um zwei Uhr in der Nacht geht es los – erst nach Köln und dann nach Dakar im Senegal. Zu meinem Einsatz im Deutschen Kontingent von MINUSMA.

Der Einsatz kann beginnen (Quelle: Bundeswehr/Peter B.)Größere Abbildung anzeigen

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Stand vom: 03.05.14 | Autor: Peter B.


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